Chiracs Karriere geht nach 42 Jahren zu Ende: Als berüchtigter Charmeur bekannt

Politisches Erbe des Ex-Präsidenten fällt dürftig aus Chirac war amourösen Abenteuern nicht abgeneigt

Chiracs Karriere geht nach 42 Jahren zu Ende: Als berüchtigter Charmeur bekannt

Als Jacques Chirac sein erstes Amt erobert, ist er gerade 33 Jahre alt. Er beginnt als Stadtrat der Gemeinde Seinte-Féréole im Herzen Frankreichs. Mit wenigen Prinzipien aber untrüglichem Machtinstinkt ausgestattet, hält er sich 42 Jahre an den Schalthebeln der Macht. Seine außergewöhnliche Karriere geht zu Ende. Chirac wird als Mann der Kultur, aber auch als berüchtigter Schürzenjäger in Erinnerung bleiben. Sein politisches Erbe fällt dürftig aus.

Chirac wird nach zwölf Jahren den Schlüssel für den Präsidentschaftspalast an den vom Ziehsohn zum Rivalen gewordenen Nicolas Sarkozy aushändigen. Er wird ins Auto steigen und vielleicht zu seiner neuen Wohnung am vornehmen Pariser Quai Voltaire fahren. Dort hat ihm die befreundete Familie des ermordeten libanesischen Expremierministers Rafik Hariri ein zweigeschossiges Appartement bereitgestellt.

Die letzten Jahre im höchsten Staatsamt haben tiefe Furchen im Gesicht Chiracs hinterlassen. Nicht nur die Franzosen sehnen einen Neuanfang herbei. Auch für den 74-Jährigen selbst scheint die Zeit gekommen, sich anderen Dingen als der Macht zu widmen; mehr Zeit für die Familie zu finden.

"Wo ist mein Mann?" - dies ist angeblich einer der häufigsten Sätze aus dem Munde Bernadette Chiracs. Nicht immer war der Gatte wegen dringender Amtsgeschäfte unauffindbar. Seine zahlreichen Seitensprünge sind legendär. Er habe es nicht übertrieben, sagte er seinem Biografen Pierre Péan. "Mit den Mädchen, das ging im Galopp", konstatierte dagegen die adelige Bernadette. Als Prinzessin Diana vor zehn Jahren in Paris tödlich verunglückte, blieb der Staatspräsident die ganze Nacht unauffindbar. Woher sie denn wissen solle, wo sich ihr Gatte aufhalte, sagte die aus dem Bett geklingelte Bernadette damals laut einschlägigen Enthüllungen. Zuletzt zeugten die formvollendeten Handküsse für Kanzlerin Angela Merkel vom Charm des Staatsmanns.

Neben den amourösen Abenteuern ist das Privatleben der Chiracs nicht ohne Schicksalsschläge geblieben. Eine der beiden Töchter, Laurence, leidet seit dem Alter von 15 Jahren an Magersucht, die Hirnschäden verursachte. Es gab Zeiten, da setzte sich Chirac nach dem offiziellen Mittagessen noch mit ihr an den Tisch, weil sie ohne den Papa die Nahrungsaufnahme verweigerte. "Das ist das Drama meines Lebens", sagte er gegenüber Péan. "Vielleicht hat man am Anfang nicht genug unternommen, vielleicht hätte ich mehr tun müssen." Die Chiracs nahmen 1979 auch die Vietnamesin Anh Dao Traxel auf, die am Pariser Flughafen gestrandet war. In ihrer Autobiografie beschrieb Anh Dao Chirac als warmherzig und fürsorglich.

Wenn es um seine politische Bilanz geht, fällt das Urteil weniger wohlwollend aus. Chirac war Staatssekretär, Minister, Premierminister, Bürgermeister von Paris und schließlich zwei Amtszeiten lang Präsident. Dennoch ist "kein substanzielles Erbe für künftige Generationen" entstanden, schreibt Franz-Olivier Giesbert in seinem Erfolgsbuch "Die Tragödie des Präsidenten".

Der fehlende Mut zu Reformen, Vetternwirtschaft, keine wirtschaftspolitische Orientierung, wegen all dessen wurde Chirac zum Symbol für die Erstarrung Frankreichs. Spätestens seit der Niederlage beim EU-Verfassungsreferendum galt er als politisch erledigt. Die Unruhen in den Vorstädten und die Massenproteste gegen die Arbeitsmarktreform überschatteten die letzten Amtsjahre. Was bleiben wird ist sein weitsichtiger Widerstand gegen den Irak-Krieg. Zu seinen größten Verdiensten gehört auch, dass er die Mitschuld Frankreichs an der Deportation der Juden während des Zweiten Weltkrieges anerkannte.

Und er führte einen Gedenktag ein, um an die Verantwortung an den Sklavenhandel zu erinnern. Als Staatsmann vollzog er eine Wende vom Rechtspopulisten zum Fürsprecher für Toleranz und Völkerverständigung. Nicht zuletzt hat sich Chirac als Kunstliebhaber verewigt: Mit dem Musée Branly bescherte er den Parisern eines der schönsten Museen. Dort hat er den alten, außerwestlichen Kulturen eine neue Heimat geschaffen.

Ob Chirac Muße für die schönen Künste und sein Privatleben findet, wird sich aber erst in den kommenden Monaten zeigen: Eine Parteispendenaffäre aus seiner Zeit als Pariser Bürgermeister könnte ihn nach dem Verlust der Immunität noch einholen, die Ermittlungsrichter scharren schon mit den Hufen.

(apa/red)