Chirac verlässt den Élysée-Palast: Nach 12 Jahren endet Stück Nachkriegsgeschichte

Kein großes politisches Vermächtnis für Sarkozy Chirac in letzten beiden Jahren politisch todgesagt

Chirac verlässt den Élysée-Palast: Nach 12 Jahren endet Stück Nachkriegsgeschichte

Zwölf Jahre dauerte Jaques Chiracs Amtszeit im Élysée-Palast. Nun legt der 74-jährige Staatschef der Wirtschafts- und Atommacht Frankreich das Amt in die Hände seines Nachfolgers Nicolas Sarkozy. Gut, der Nachfolger stammt aus dem eigenen rechten Lager. Trotz der turbulenten Regierungszeit hat Sarkozy dies geschafft, eigentlich aber gegen Chiracs Willen, der in ihm einen "Verräter" und den Rivalen sah. Und dann geht Chirac ohne großes Vermächtnis nun von Bord, selbst wenn er aus der französischen Nachkriegsgeschichte nicht wegzudenken ist, auch international nicht.

Ein vor mehr als vier Jahrzehnten begonnenes Politikerleben endet somit, auf dessen Höhepunkt der Neogaullist im Jahr 1995 zum fünften Präsidenten der Fünften Republik Frankreichs gewählt worden war. Als Minister, Premierminister und nicht zuletzt als Pariser Bürgermeister war Chirac ein Hansdampf in allen Gassen, ein Vollblutpolitiker mit Witterung für Macht und - noch schwebende Korruptionsverfahren könnten es klären - womöglich auch für ihren Missbrauch. Der Freund Afrikas und der asiatischen Kunst, des japanischen Sumo-Ringkampfs und einer deftigen Kalbskopf-Platte will sich in seinem neuen Leben nach dem Vorbild Bill Clintons in einer Stiftung der Umwelt und dem Frieden widmen: "Es gibt ein Leben nach der Politik", das ist nun sein Motto.

Atomtests zum Beginn seiner Amtszeit
Mit dem Paukenschlag eines atomaren Säbelrasselns hatte Chirac seine Zeit im Élysée-Palast eingeleitet. Kaum im Amt, nahm er die französischen Nukleartests bis zum Januar 1996 wieder auf, wie um der Welt zu zeigen, dass mit dem Nachfolger von François Mitterrand zu rechnen sei. Als sein diplomatisches Paradestück gilt der Kampf gegen den US-geführten Irak-Krieg. Er zeigte Jacques Chirac ganz vorn auf der Barrikade der Kriegsgegner, daneben sein damaliger Außenminister Dominique de Villepin - der Mann, der ihn später als Premierminister nur tiefer nach unten ziehen sollte. Sozial- und innenpolitisch war sein Wirken bescheiden. Stagnation und Depression herrschten, auch wenn das Heer der Arbeitslosen ein Stück weit kleiner geworden ist.

Politisch totgesagt
Seit zwei Jahren schon war er politisch totgesagt. Eine Krankheit zeigte sein Alter an. Einsamkeit im Palast stellte sich ein, während in unruhigen Vorstädten die Autos brannten. 2002 vom Ergebnis her mit Bravour im Amt wiedergewählt, weil die Franzosen den rechtsextremen Jean-Marie Le Pen nun wirklich nicht als ihren Staatschef wollten, verspielte Chirac die Chance und den Auftrag, daraus etwas zu machen. Europa- und Regionalwahlen gingen für die Rechte kläglich verloren, und hilflos musste Chirac mit ansehen, wie seine Franzosen Ende Mai 2005 die EU-Verfassung - unter anderem eine weitere Ohrfeige für ihn - verwarfen und Europa in die Krise stürzten. Und nur weil es gegen Sarkozy ging, stand er zu Premierminister Villepin, der schlaflose Nächte bereitete und im Land unbeliebt war wie kaum einer vor ihm.

Schulterschluss mit Schröder
Eine vertraute und respektierte Gestalt auf internationalen Bühnen, hat Chirac die in Routine erstarrte deutsch-französische Achse noch in Betrieb gehalten und mit Bundeskanzler Gerhard Schröder den zunächst alle verblüffenden Schulterschluss gegen den Irak-Krieg geprobt. In Frankreich sah er seine Aufgabe darin, die Franzosen mit unschönen Seiten ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. So gestand er gleich 1995 die Verantwortung Frankreichs beim Abtransport von Juden in der Nazi-Zeit ein. Er schuf einen Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei und strebte Aussöhnung mit den Algeriern nach dem Kolonialkrieg an.

Aber auch 40 prall gefüllte Jahre eines Politikerlebens reichen nicht für alles aus - und dann allemal nicht, wenn ein Machtmensch viel Zeit damit verbringt, die Rivalen auszuschalten, an den Fäden zu ziehen und so alles im Griff zu behalten. Ob sein Nachfolger, Chirac darin ähnlich, es viel anders machen wird, ist fraglich. Er hat aber die dringende Aufgabe, Frankreich in das 21. Jahrhundert zu bringen.

(apa/red)