China nicht nur noch Werkbank: Vier der zehn größten Weltunternehmen sind dort

Bald in einer Liga mit den USA, Europa und Japan "Man geht nach China, um mit Markt zu wachsen"

Japanische Marken wie Sony, Toyota oder Panasonic sind schon zum festen Bestandteil der westlichen Konsumkultur geworden. Doch die wahre fernöstliche Wirtschafts-"Invasion" steht uns noch bevor. In 20 oder 30 Jahren "wird alles chinesisch sein", sagt ein westlicher Wirtschaftsexperte in Peking. Schon jetzt seien in chinesischen Haushalten fast nur noch einheimische Produkte zu finden. Die Tage, in denen China nur die Werkbank der Welt war, sind gezählt. Heute lassen chinesische Firmen selbst in Billiglohnländern fertigen, und gehen ihrerseits im Westen auf Shoppingtour.

China nicht nur noch Werkbank: Vier der zehn größten Weltunternehmen sind dort © Bild: AP/Dalziel

Nach seiner Wirtschaftskraft hat China bereits die größte europäische Volkswirtschaft Deutschland eingeholt. 3.250 Milliarden Dollar beträgt das chinesische Bruttoinlandsprodukt, nur die US-amerikanische und japanische Wirtschaft sind noch größer. Berücksichtigt man die Kaufkraftunterschiede, liegt China mit 10,4 Prozent des globalen BIP schon an zweiter Stelle hinter den USA (21,4 Prozent). Japan (6,6 Prozent), Indien (4,6 Prozent) und Deutschland (4,4 Prozent) hat das Reich der Mitte nach dieser Berechnung schon klar abgehängt.

Doch wie wird sie aussehen, die von China dominierte Weltwirtschaft? "Stellen Sie sich vor: Japan mal zehn", sagt der Experte lapidar. China sei heute dort, wo Japan in den 1960er und 1970er Jahren gewesen sei, und verfolge die gleiche Strategie wie das Land der aufgehenden Sonne damals. "Die Chinesen eignen sich in vielen Bereichen Technologien an, die sie kopieren und weiterentwickeln. Genauso haben es die Japaner gemacht."

Lenovo schluckte IBM
Im Jahr 2004 war es noch eine kleine Sensation, als der chinesische Computerproduzent Lenovo die altehrwürdige US-Firma IBM - die Erfinderin des Personal Computer - schluckte. Mittlerweile regen solche Transaktionen kaum noch jemanden auf. Der Elektronikkonzern TCL kaufte den französischen Fernsehhersteller Thompson, die Haushaltsgerätefirma Haier stattete sich mit dem Know-how der deutschen Liebherr aus, und auch im Autobereich haben sich chinesische Produzenten mit Technologie von GM und Rover versorgt. Der bisher größte Kauf geht mit 5,7 Milliarden Dollar (3,66 Mrd. Euro) auf das Konto der Staatsbank ICBC, die ein Fünftel der südafrikanischen Standard Bank erwarb. Ein 18 Milliarden Dollar schwerer Einstieg des Ölkonzerns CNOOC bei der US-amerikanischen Unocal scheiterte nur am politischen Widerstand in Washington.

Schon vier der zehn größten Unternehmen der Welt haben ihren Sitz in China: Die größte Bank der Welt (ICBC), die größte Telekommunikationsfirma (China Mobile), die größte Lebensversicherung (China Life) und der größte Öl- und Gaskonzern (Petrochina). Letzterer war bei seinem Börsegang im Jahr 2007 das erste Unternehmen der Welt mit einem Börsenwert über einer Billion Dollar.

Investitionen auch im Ausland
"China ist nicht mehr nur ein Gigant im Produktionsbereich und ein großer Empfänger ausländischen Kapitals", schreibt der Asien-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, Fred Hu, in einer Analyse für die Pekinger Wirtschaftszeitung "Caijing". "China schwingt sich in rasender Geschwindigkeit zu einem der führenden Auslandsinvestoren auf, in einer Liga mit den USA, Europa oder Japan", so Hu. Mit 30 Milliarden Dollar hat China im Vorjahr bereits mehr Geld im Ausland investiert als Japan, und die Kriegskasse der chinesischen Unternehmen ist angesichts eines Handelsbilanzüberschusses von 339 Milliarden Dollar prall gefüllt.

Eines ist China aber immer weniger: Ein Billiglohnland. Die rasante Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre hat sich nämlich auch in zweistelligen Zuwachsraten bei den Löhnen niedergeschlagen. Peking dreht nun auch vermehrt an der Steuerschraube, um Sozialleistungen für die verarmte Landbevölkerung zu finanzieren. Immer mehr ausländische Firmen verlagern ihre Produktion vor diesem Hintergrund nach Vietnam, Indien oder Bangladesch.

"China verliert den Ruf der Werkbank der Welt. Man geht nicht mehr nach China, um hier zu fertigen, man geht nach China, um mit dem Markt zu wachsen", betont der Experte. Diese Einschätzung bestätigt auch eine aktuelle Studie der US-Wirtschaftskammer in China. Die Rendite ausländischer Unternehmen, die nur in China produzieren, sank von 21 Prozent im Jahr 2005 auf 18 Prozent im Vorjahr. Bei Unternehmen, die auch den chinesischen Markt bedienen, gab es dagegen eine Renditesteigerung von 16 auf 27 Prozent. Trotz dieser klaren Fakten klingt der Rat, den ein in Peking tätiger österreichischer Unternehmer seinen Landsleuten gibt, noch etwas ungewohnt. "Neue Investoren sollten sich lieber zuerst in den Nachbarländern umschauen als in China", sagt er. Gemeint sind nicht Burma, Vietnam oder Laos - sondern Österreichs Nachbarland Slowakei. (apa/red)