Chemie-Nobelpreis geht an Gerhard Ertl:
Deutscher erforschte "feste Oberflächen"

Schuf Grundlagen für moderne Oberflächenchemie Ehrung ist mit rund 1,1 Millionen Euro dotiert

Chemie-Nobelpreis geht an Gerhard Ertl:
Deutscher erforschte "feste Oberflächen"

Der "systematische deutsche Ansatz", wie es das Nobelkomitee-Mitglied Hakan Wennerström kurz nach Bekanntgabe des diesjährigen Nobelpreisträgers für Chemie formulierte, macht sich durchaus bezahlt: Gerhard Ertl, emeritierter Professor am Fritz-Haber-Insitut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin, konnte sich nicht nur über Glückwünsche zu seinem 71. Geburtstag freuen, sondern über die frohe Botschaft aus Stockholm. In seinen Arbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren ist es ihm gelungen, den Ablauf wichtiger chemischer Reaktionen auf Oberflächen im Detail zu beschreiben. Damit habe er die Grundlage für die moderne Oberflächenchemie geschaffen, hieß es in der Begründung der Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften.

Das Forschungsgebiet Ertls sei wichtig für die chemische Industrie und helfe beim Verständnis so unterschiedlicher Vorgänge wie dem Rosten von Eisen, dem Funktionieren von Brennstoffzellen und der Wirkung eines Katalysators im Auto, begründet das Nobelkomitee die Auszeichnung. Dementsprechend häufig sind Anwendungen der Oberflächenchemie, etwa bei Katalysatoren in vielen industriellen Verfahren, z.B. bei der Herstellung von Kunstdünger, oder der Halbleiterindustrie. Mit der Oberflächenchemie lasse sich sogar der Abbau der Ozonschicht erklären, da entscheidende Schritte in der Reaktion auf der Oberfläche kleiner Eiskristalle in der Stratosphäre erfolgen.

Die moderne Oberflächenchemie begann sich in den 1960er Jahren insbesondere dank der in der Halbleiterindustrie entwickelten Techniken als Wissenschaft herauszubilden. "Gerhard Ertl war einer der ersten, der das Potenzial dieser neuen Techniken erkannte", heißt es seitens des Nobelkomitees. Er habe schrittweise eine Methodik für die Oberflächenchemie entwickelt, indem er aufzeigte, wie verschiedene experimentelle Techniken verwendet werden können, um ein vollständiges Bild einer Oberflächenreaktion zu erhalten.

Ertl tritt mit der Auszeichnung quasi in die Fußstapfen des Chemie-Nobelpreisträgers aus dem Jahr 1918, Fritz Haber, der wiederum auch Namensgeber für das Max-Planck-Institut in Berlin war: Bekam Haber die Auszeichnung für die Ammoniak-Synthese, die beispielsweise für die Herstellung von Düngemittel eine zentrale Rolle spielt, "so hat ihn nun jemand gekriegt, der diesen Mechanismus auf atomarer Ebene aufgeklärt hat", sagte Günther Rupprechter vom Institut für Materialchemie der Technischen Universität (TU) Wien am Mittwoch gegenüber der APA. Der diesjährige Chemie-Nobelpreisträger gilt für Rupprechter, der selbst von 1999 bis 2005 am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft gearbeitet hat, als einer der herausragenden Forscher, die Elementarprozesse in der Oberflächenchemie klärten. Persönlich war Ertl für Rupprechter stets der "Gentleman-Typ", der ihm nach seiner Pensionierung auch einige Bücher vererbte. "Die Auszeichnung ist mehr als verdient", so der Forscher.

Mit Hellmut Fischmeister (80), emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart, freut sich ein weiterer Wegbegleiter Ertls über die diesjährige Entscheidung des Nobelpreis-Komitees: Der österreichische Werkstofftechniker war es auch, der Ertl als korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) empfahl. Ertl wurde bereits - so wie die beiden diesjährigen Physik-Nobelpreisträger Peter Grünberg und Albert Fert - mit dem renommierten israelischen Wolf Prize (1998) sowie dem ebenso anerkannten Japan-Preis (1992) ausgezeichnet.

Ertl "tief gerührt"
Der frischgebackene Chemie-Nobelpreisträger selbst war über die Ehrung tief gerührt. "Mir kamen die Tränen, das sage ich ihnen ehrlich", sagte der Berliner Forscher am Mittwoch. Er habe gewusst, dass er zu den Kandidaten gezählt habe, aber nicht mit dem Preis gerechnet, sagte Ertl. Dies sei die Krönung eines Wissenschaftlerlebens, die man sich nur erträumen könne. "Nun plötzlich ist dieser Traum wahr geworden."

Zweiter deutscher Preisträger
Heuer konnten sich im Ringen um die Nobelpreise bereits zweimal deutsche Forscher durchsetzen: Neben dem Franzosen Albert Ferch - Peter Grünberg für die Entdeckung des "Riesenmagnetowiderstands" mit dem Physik-Nobelpreis 2007 ausgezeichnet.
(APA/red)