Chefin auf Zeit - Vassilakou im NEWS-Talk:
"Grüne haben Hausaufgaben verschleppt"

"Nummer Zwei" als Glawischnigs Karenzvertretung Grüne Vizechefin überzeugt: "Sind keine Eliten-Partei"

Chefin auf Zeit - Vassilakou im NEWS-Talk:
"Grüne haben Hausaufgaben verschleppt"
© Bild: APA/Hochmuth

Bei der Wiener Gemeinderatswahl vor 13 Jahren standen auf der grünen Liste zwei junge Quereinsteigerinnen. Die eine verpasste damals das Mandat, heute ist sie Parteichefin der Grünen: Eva Glawischnig. Die andere ist mittlerweile Klubobfrau in Wien und grüne Vizechefin: Maria Vassilakou, 40. Jetzt vertritt sie Glawischnig während der Babypause als Grünen-Chefin.

NEWS: Die Grünen werden vor allem in Wien oft in „Fundis“ und „Realos“ unterteilt. Wo gehören Sie dazu?
Vassilakou: Ich kenne bei den Grünen keinen einzigen Fundi. Wer auch immer bei den Grünen Politik macht, will gestalten und umsetzen. Also sind wir alle Realos.

NEWS: Anders formuliert: Sind Sie eine bürgerliche oder eine linke Grüne?
Vassilakou: Grün ist viel mehr als links oder bürgerlich. Es gibt verschiedene Strömungen, die davon abhängen, wann und warum jemand zu den Grünen gekommen ist. Worum es uns allen gemeinsam geht, ist Verantwortung und Mitbestimmung.

NEWS: Die Grünen sind aufgrund der letzten Wahlergebnisse weit davon entfernt. Wie wollen Sie die Partei aus der Krise führen?
Vassilakou: Meine Aufgabe über den Sommer ist, die Grundlagen des Zukunftspaktes für die ökologische, soziale und demokratische Modernisierung Österreichs zu erarbeiten. Das bedeutet ziemlich viel Arbeit. Zweitens arbeite ich an einem Modell zur Nachwuchsförderung, damit unsere vielen klugen Köpfe eine Chance bekommen.

NEWS: Was ist schiefgelaufen bei den Grünen?
Vassilakou: Die erfolgsverwöhnten Grünen des letzten Jahrzehnts haben ein paar Hausaufgaben verschleppt. Wir brauchen eine Frischzellenkur. Die Welt entwickelt sich rasant weiter; das erfordert, dass man immer wieder aus den herkömmlichen Bahnen ausbricht. Wir müssen gemeinsam nachdenken, mit welchen Reformen Österreich so wird, wie wir es alle haben möchten: sozial gerecht, ökologisch modern, mit einer Wirtschaft, die Verantwortung trägt. Ich finde, wir hätten das auch früher angehen können.

NEWS: Von der Enttäuschung profitieren derzeit nur FPÖ und BZÖ – sie scheinen für die Wähler die besseren Antworten darauf zu haben.
Vassilakou: Mir scheint nicht, dass irgendwer tatsächlich glaubt, man kann die Wirtschaftskrise mit dem Holzkreuz in der Hand wegwacheln und mit der Ausländer-raus-Parole den Klimawandel und die sozialen Probleme bewältigen. Wir wollen zeigen, dass es eine Alternative der sozialen und ökologischen Verantwortung, der Weltoffenheit und modernen Demokratie gibt: die Grünen.

NEWS: Einem Arbeiter im Gemeindebau, der Angst um den Job hat und den die spielenden Migrantenkinder im Hof nerven, werden Energiewende und Homo-Ehe egal sein.
Vassilakou: Aber die Grundsicherung ist für ihn wichtig. Seit vier Jahren wird sie angekündigt. Schon wieder wird sie verschoben und so reduziert, dass wir hier getrost von einem Etikettenschwindel reden können. Als ich bei der Wien-Wahl vor fünf Jahren die Grundsicherung thematisiert habe, konnte ich 4.000 Stimmen aus der FPÖ gewinnen – ich, wo ich noch dazu bekanntlich Migrationshintergrund habe.

NEWS: Trotzdem: Die Grünen sind in fünf Wiener Bezirken stärkste Partei, wo vorwiegend gut ausgebildete, gut verdienende Menschen leben. Sind die Grünen eine Eliten-Partei?
Vassilakou: Das würde ich niemals als Elite bezeichnen, sondern als die goldene Mitte der Gesellschaft.

NEWS: Für einen Simmeringer Arbeiter gehört jemand, der sich eine Wohnung im siebenten Bezirk leisten kann, wahrscheinlich schon zur Elite.
Vassilakou: Es spricht nicht für die Sozialdemokratie, dass jemand, der in Österreich Matura und ein mittleres Einkommen hat, bereits als Elite gilt. Ich lasse nicht gelten, dass wir eine Partei der Eliten wären. Wir sind ein politisches Phänomen, das aus den mittleren Einkommen entstanden ist.

Interview: Hanna Simons

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