Cannes 2012 von

Helden von gestern

Cannes-Wettbewerb als Altherren-Schaulauf. Plus: Kyle & Co. an der Croisette

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    Cannes 2012

    Robert Pattinson und David Cronenberg in Cannes.

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    Cannes 2012

    Der Regisseur stellte sein neuestes Werk "Cosmopolis" vor.

Der Verdacht der patriotischen Brille ist naheliegend, doch in diesem Fall völlig unbegründet: Nicht nur die österreichischen Medien sehen in Ulrich Seidl, erntete für seinen Trilogie-Auftakt "Paradies: Liebe" vielfach euphorische Kritiken. Ansonsten präsentiert sich der durchwegs männlich besetzte Wettbewerb an der Croisette nach zwei Dritteln des Festivals eher mäßig, aber mit der einen oder anderen spannenden Note. Dem Star-Andrang tut dies aber keinen Abbruch: Zuletzt schauten Kylie Minogue, Kristen Stewart, Kirsten Dunst oder Viggo Mortensen vorbei.

Der Rumäne Cristian Mungiu etwa, der 2007 mit "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" in Cannes erfolgreich war, schied mit seiner klaustrophobischen Religionsparabel "Beyond the Hills" die Geister. Während sich manche in dem strengen und mit Horror-Untertönen versetzten Zweieinhalbstünder im Wesentlichen langweilten, waren nicht zuletzt einige einflussreiche Medien vom Exorzismus im Nonnenkloster angetan. Im Kritikerraster des "Screen"-Magazin lag Mungius Film ebenso im Vorderfeld wie Jacques Audiards eindrucksstarker "Rust and Bone" mit einer beinamputierten Marion Cotillard.

In die Jahre gekommen
Matteo Garrones "Reality" über einen Mann, der sich bei "Big Brother" bewirbt, wäre dagegen vielleicht vor zehn Jahren ein Highlight gewesen, hat aber 2012 in einem Wettbewerb nicht allzu viel zu suchen. Auch Thomas Vinterbergs "Die Jagd" über einen Kindergärtner, der plötzlich des Kindesmissbrauchs verdächtigt wird, verärgerte viele mit seinem deutlich in die Jahre gekommenen Männerbild. Und Alain Resnais' altbackener Theaterfilm "You Ain't Seen Nothin' Yet" mit einem französischen Star-Ensemble wäre in einer Sondervorführung deutlich besser aufgehoben gewesen.

Blutiges und Schales
Andere Filme wiederum hinterließen entweder einen schalen oder einen vor allem brutalen Beigeschmack. Ken Loachs weichgespülte Sozialkomödie "The Angel's Share" über Kleinkriminelle mit Vorliebe für Whisky ist zwar sympathisch, aber würde wohl auch bei einem regulären Kinostart sein Publikum finden. Abbas Kiarostamis "Like Someone in Love" über einen Professor und eine Prostituierte ist langweiliges Altherrenkino. Und die starbesetzten Produktionen "Lawless" (mit Shia LaBeouf) und "Killing Them Softly" (mit Brad Pitt) sind blutige Genre-Filme, die gerne cleverer wären als sie sind.

Österreicher stechen aus Altherren-Schaulauf heraus
So ist der Wettbewerb bisher zu einem Schaulaufen vergangener Helden des Festivals von Cannes geworden, deren jüngste Arbeiten allesamt einen mittelmäßigen Eindruck hinterließen und Festivalleiter Thierry Fremaux widerlegten, der zum Jubiläumsfestival ankündigte, dass das bedeutendste Filmfestival der Welt auch in höherem Alter neuen Ideen gegenüber offen sein müsste. Und auch die Diskussion um die Abwesenheit von Filmemacherinnen im Wettbewerb wird dadurch wieder genährt. Zumindest Haneke und Seidl müssen sich davon nicht betroffen fühlen: Ihre Filme lieferten die bisher ungewöhnlichsten neuen Impulse an der Croisette.