Cannes 2012 von

Großes Lob für Ulrich Seidl

"Paradies: Liebe" überzeugt Journalisten. "Abstoßend und erhaben schön"

Cannes 2012 - Großes Lob für Ulrich Seidl © Bild: Reuters

Mit Ulrich Seidls Wettbewerbsbeitrag Filmfestspiele in Cannes erst richtig begonnen. So urteilte eine türkische Journalistin bei der Pressekonferenz des österreichischen Regisseurs und seiner Crew, die am Freitag zwar keine Massen anzog, dafür aber durchwegs Superlative bot.

"Abstoßend und erhaben schön (...) ist der Film abscheulich und ein Meisterwerk zugleich", urteilte etwa das US-Filmmagazin "Variety", das von "Salo mit Sonnenbrand" sprach. Und eine Journalistin der "Washington Post" erkundigte sich sogar nach der Adresse des kenianischen Hotels, in dem die österreichischen Sextouristinnen im Film nach Liebe und willigen "Beach Boys" suchen. "Das ist leider letztes Jahr abgebrannt", musste Seidl enttäuschen.

Seidl: "So realistisch wie es geht"
Ihre Frage nach einer pessimistischen Grundhaltung des Regisseurs konnte Seidl ebenfalls nicht bejahen. "Pessimismus ist kein Kriterium für mich, Pessimismus ist für mich weder besser noch schlechter als Optimismus. Es geht für mich darum, die Dinge so darzustellen, wie ich sie sehe, Gesellschaftssysteme so realistisch zu porträtieren, wie es geht."

Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel, die viel Lob für ihre Performance und ihren Mut zur Nacktheit erhielt, gestand, dass ihr die Rolle nicht ganz leicht gefallen war. "Es ist nicht leicht, über die eigene Schamgrenze zu gehen, da braucht es erst einmal Überwindung. Aber Ulrich hat mir gesagt, dass ich nichts tun muss, das ich nicht auch tun will." Sextourismus ist für Tiesel allerdings nur vordergründig das Thema. "Es geht um die weibliche Einsamkeit, wenn man als Frau älter wird und nicht mehr so aussieht wie die Frauen in den Magazinen. In Afrika ist es egal, wie man aussieht, solange man eine weiße Haut hat. Ich urteile nicht über diese Frauen, ich verstehe sie."

Ein Berg an Vorurteilen gegenüber Afrika
In "Paradies: Liebe" folgt Seidl nüchternen Blicks einer österreichischen Sextouristin in Kenia, die aus Sehnsucht nach echten Gefühlen das sexuelle Geschäft mit Liebe verwechselt und nach und nach desillusioniert wird.

Den Ausbeutungskreislauf zeigt Seidl, ohne dabei zu werten oder zu urteilen, ebenso den Berg an Vorurteilen, der die weit verbreitete europäische Haltung gegenüber Afrika verdeutlicht. Bei der ersten Pressevorführung am Donnerstag gab es kurzen, intensiven Applaus mit vereinzelten Buh-Rufen, heute folgte die offizielle Premiere des Films.