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So realistisch ist Cannabis
auf Krankenschein in Österreich

In Deuschland ist Kiffen auf Rezept bald erlaubt - ist das auch in Österreich denkbar?

Kiffen © Bild: iStockphoto.com/PeopleImages.com

Seit Jahren baut er Cannabis an, um Schmerzpatienten und Schwerkranken zu helfen. Jetzt herrscht Engpass: Die Polizei hat die Ernte und 160 Hanfpflanzen von Willi Wallner, Obmann des Cannabis Social Clubs Salzburg, konfisziert. In Deutschland hätte er den illegalen Anbau nicht nötig - zumindest nicht ab Frühjahr 2017. Denn dann greift das Anfang Mai beschlossene Gesetz, das Cannabis für schwerkranke Patienten straffrei zugänglich macht. Ist eine derartige Neuregelung auch in Österreich denkbar?

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"Wir wollen, dass für Schwerkranke die Kosten für Cannabis als Medizin von ihrer Krankenkasse übernommen werden, wenn ihnen nicht anders geholfen werden kann", sagte Deutschlands Gesundheitsminister Hermann Gröhe zum neuen Gesetz. Wer unter starken chronischen Schmerzen leidet, soll in Deutschland ab Frühjahr 2017 getrocknete Cannabisblüten und -extrakte auf ärztliche Verschreibung in Apotheken kaufen können. Und was sagt das österreichische Gesundheitsministerium zur deutschen Gesetzesänderung?

"Die Freigabe der Cannabisblüten für Schmerzpatienten ist derzeit in Österreich nicht geplant", sagt Raphaela Pammer, Sprecherin von Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser. Arzneimittel auf Cannabisbasis sowie die Forschung zur medizinischen Anwendbarkeit solcher Medikamente seien aber aus Sicht des Gesundheitsministeriums eindeutig zu befürworten.

Cannabis als Medizin verspricht unter anderem eine Linderung der Symptome bei Krebs, chronischen Schmerzen, Rheuma, Depressionen, Parkinson, Spastik, Rheuma oder Alzheimer. Das Gesundheitsministerium erkennt immerhin die klinische Wirksamkeit von aus Cannabispflanzen gewonnenen Cannabinoiden an. Diese sind in Österreich als Medikamente erhältlich und können vom Arzt verschrieben werden.

»Ihr müsst die Verantwortung übernehmen für die Patienten, die da dahinter stehen«

Willi Wallner versorgt derzeit rund 155 Krebs-, Schmerz- und andere Patienten mit Cannabis. Diese Clubmitglieder würden jetzt ihre Medizin nicht erhalten, sagt er. Den Einsatz der Polizei filmte er mit. "Ihr müsst die Verantwortung übernehmen für die Patienten, die da dahinter stehen", sagt Willi Wallner im Video zu den Polizisten, die seine Pflanzen schließlich abgeschnitten haben.

Das Video zum Polizeieinsatz:

© Video: News

Bei der Recherche zur News-Coverstory "Kiffen auf Krankenschein" (Heft 11/16) hat sich Wallner noch zuversichtlich gezeigt: "Ich habe offiziell im Namen des Clubs vor einem Jahr bei verschiedenen Behörden um eine Ausnahmegenehmigung für die Blüte angesucht, unter anderem bei der Gesundheitsministerin. Nie kam eine Rückmeldung. Mein Anwalt sagt, wir sind inzwischen im Status der Duldung."

Das Gesundheitsministerium dementiert: "Herr Wallner hat eine Antwort erhalten, da wir generell stets bemüht sind, Anliegen, die an uns herangetragen werden, auch zu beantworten." Ihm sei seitens des Ministeriums mitgeteilt worden, dass "das österreichische Suchtmittelgesetz (SMG) in seinem § 6 Abs. 2 generell den Anbau von Pflanzen zwecks Gewinnung von Suchtgift verbietet." Es sei ihm außerdem erläutert worden:

"Nach der österreichischen Rechtsordnung besteht keine dem deutschen Betäubungsmittelrecht analoge Möglichkeit, einer Einzelperson im Rahmen der Vollziehung des Suchtmittelrechts ausnahmsweise die Berechtigung zur medizinischen Verwendung eines dem suchtmittelrechtlichen Verschreibungsverbot unterliegenden Suchtgiftes bzw. Arzneimittels oder einer diesbezüglichen Zubereitung einzuräumen."

Lieber illegal

Viele Patienten konsumieren laut eigenen Angaben trotz legaler Medizin lieber illegal, weil ihnen eine Behandlung mit Cannabinoiden zu teuer kommt (siehe Video unten). Diese kostet im Monat 200 bis 400 Euro pro Patient, die Krankenkasse übernimmt nicht immer die Kosten und nur wenige Ärzte verschreiben sie - einer davon ist der Wiener Arzt Dr. Kurt Blaas. Er setzt sich für einen leichteren Zugang zu Cannabis ein – aber nur über die Apotheke. "Warum verwendet man nicht gleich die getrockneten Blüten?", fragt der Arzt gegenüber News (siehe Video). Damit stünden der Medizin nicht nur wie bisher zwei Inhaltsstoffe, sondern alle über 80 Inhaltsstoffe der Pflanze zur Verfügung.

Das sagen "Cannabis Social Club"-Mitglieder und Dr. Kurt Blaas:

© Video: News.at

Laut Gesundheitsministerium werden die Kosten einer Behandlung mit Cannabinoiden von der Krankenkasse beispielsweise bei Krebs oder Multiple Sklerose übernommen. "Aus gesundheitspolitischer Sicht ist es außerdem wünschenswert, die Forschung zur medizinischen Anwendbarkeit der Cannabispflanze voranzutreiben", sagt Sprecherin Raphaela Pammer. Und warum greift man nicht auf die natürliche Cannabisblüte zurück? Nötig wäre dazu eine Änderung der Suchtgiftverordnung. Diese sei derzeit nicht geplant, weil "von namhafter Expertenseite nur der Einsatz von auf seine Wirksamkeit hin erforschten Wirksubstanzen, die aus Cannabis gewonnen werden können, befürwortet wird, nicht so sehr der Einsatz der Pflanze selbst", teilt das Ministerium mit.

So hat Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), vor kurzem bei einer Pressekonferenz erklärt: Es braucht keine Legalisierung von Haschisch oder Marihuana. "Es stehen uns dafür bereits jetzt wirksame, standardisierte Cannabinoid-Medikamente zur Verfügung", sagt er.

Das Ministerium räumt aber auch ein: In Österreich gibt es auch unter den Ärzten Verfechter, die den Einsatz von Marihuana in der Medizin befürworten.

Fakt ist: Eine Regelung wie sich nun in Deutschland umgesetzt wird, ist in Österreich in naher Zukunft noch kein Thema.

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