Fakten von

Cannabis auf Rezept -
"Eine hochpotente Pflanze"

Ein Schweizer Pharmazeut kämpft seit Jahrzehnten um die Freigabe für Schwerkranke

Cannabis © Bild: Shutterstock.com/EpicStockMedia

Dass Männer in der Pension ausgedehnte Motorradtouren unternehmen, ist nichts Ungewöhnliches. Auch der 67-jährige Rudolf Brenneisen ist auf seiner Harley Davidson viel unterwegs. Bei ihm ist aber nicht der Weg das Ziel. Seit mehreren Jahrzehnten erforscht der Schweizer Pharmazeut die Wirkung von Cannabis, und unermüdlich fährt er zu Kongressen in aller Welt, um Ärzte, Patienten und Politiker von der positiven Wirkung der Pflanze zu überzeugen. Sein Ziel: Schwerkranke Menschen sollen Cannabis auf Rezept in Apotheken erhalten.

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»Durch die Stigmatisierung der Pflanze ist es derzeit fast unmöglich, dass sie verschrieben wird«

„Es kann doch nicht sein, dass sich Patienten ihr Medikament auf der Straße holen müssen“, sagt Brenneisen. „Es ist nicht nur unethisch und illegal, Cannabis vom Schwarzmarkt ist auch meist mit Keimen, Pestiziden und Herbiziden belastet. Für Menschen mit schwachem Immunsystem kann das sehr gefährlich werden. Dabei ist Cannabis seit Jahrtausenden als Heilpflanze bekannt. In China gibt es 5000 Jahre alte Einträge in Arzneibüchern, Kolumbus hatte Cannabis an Bord, doch durch die Stigmatisierung der Pflanze ist es derzeit fast unmöglich, dass sie verschrieben wird“, kritisiert der Wissenschaftler.

Rudolf Brenneisen
© Michael Rausch-Schott Rudolf Brenneisen erforscht seit 30 Jahren die Wirkung von Cannabis
»Cannabis ist eine hochpotente Pflanze, und es gibt Leute, die es keinesfalls konsumieren sollten«
© Video: News.at

Für Freizeitkiffer gefährlich

Für Brenneisen kommt ausschließlich eine rezeptpflichtige Abgabe an schwerkranke Menschen in Fragen. „Was haben denn Krebspatienten, die von der Schulmedizin austherapiert sind, schon zu verlieren? Es ist doch nur positiv, wenn es ihnen mit einem Joint besser geht, wenn sie dann weniger Schmerzen und bessere Laune haben“, argumentiert der Pharmazeut, der jedoch gleichzeitig vor einer allgemeinen Legalisierung und medizinisch unkontrollierten Anwendung warnt. „Cannabis ist eine hochpotente Pflanze, und es gibt Leute, die es keinesfalls konsumieren sollten. Denn natürlich können solche Drogen Psychosen auslösen.“ Gefährdet seien vor allem junge Freizeitkonsumenten. Und jene, die genetisch vorbelastet sind: „Wenn Mutter oder Vater an einer psychischen Erkrankung leiden, ist es keine gute Idee, einen Joint zu rauchen.“

Das Gehirn von Jugendlichen ist noch nicht voll entwickelt, und der Konsum von Cannabis kann die neuronale Vernetzung beeinträchtigen. Dazu kommt, dass der Gehalt der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) in den hochgezüchteten Pflanzen über die Jahre stark angestiegen ist. Waren es früher vier bis sechs Prozent, enthalten die neuen Züchtungen bereits bis zu 20 Prozent THC.

Bis jetzt wurden in der Pflanze über 500 Inhaltstoffe nachgewiesen. Nur zwei davon, das nicht psychoaktive Cannabidiol (CBD) und THC, sind genau erforscht. CBD gilt als antitumorös, angstlindernd, entzündungshemmend und nervenschützend. THC wirkt nicht nur berauschend, sondern auch schmerzstillend, entspannend und appetitanregend. CBD-Produkte sind in Österreich auf Rezept in der Apotheke erhältlich und rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel im Hanfshop. Für ein THC-Medikament wie Dronabinol benötigt ein Patient ein Suchtmittelrezept, genauso wie für den Mundspray Sativex, in dem CBD und THC enthalten sind. Diese Medikamente werden aber nur von wenigen Ärzten verschrieben und sind teuer. Die Kosten werden von den Kassen nur in Härtefällen übernommen. Die getrocknete Blüte, in der alle 500 Inhaltsstoffe vorhanden sind, gibt es nicht legal zu kaufen.

Savitex
© Hersteller Der Mundspray Sativex ist eines der wenigen Cannabis-Medikamente auf dem Markt. Ein Set aus drei Fläschchen kostet rund 700 Euro

Der medizinische Einsatz von Cannabis könnte vielfältig sein. Bei chronischen Schmerzen, Epilepsie, Rheuma, Tourette-Syndrom sowie bei Muskelkrämpfen, Appetitlosigkeit und Schlafproblemen zeige Cannabis gute Wirkung, sagt Brenneisen. Es gebe sogar Berichte, dass sich Tumore durch Cannabis verkleinert hätten. Für einen breiten medizinischen Einsatz fehlen meist die vorgeschriebenen klinischen Studien. Diese sind teuer und die Finanzierung schwierig. „Nur wenige Ärzte und Kliniken wollen mit Cannabis zu tun haben“, weiß Brenneisen, „und die großen Pharmafirmen wollen ihr Image nicht anpatzen. Probanden für die Studien findet man hingegen immer problemlos.“

Nicht jede Studie positiv

Kommt einmal eine Studie zustande, verläuft nicht jede erfolgreich. „Einmal führten wir im Schlaflabor eine Studie über die Wirkung von Cannabis beim Restless Legs Syndrom durch, einer schwierig zu behandelnden neurologischen Erkrankung“, erzählt Brenneisen. „Es war aber nur die Monosubstanz THC in der Studie zugelassen. Die Resultate waren nicht überzeugend, obwohl die Patienten von einer Besserung berichteten, sobald sie einen Joint geraucht hatten. Ich bin überzeugt, dass die Pflanze als komplexes Ganzes wirkt und nicht nur als isolierter Wirkstoff.“

Ärzte könnten schwerkranken Patienten künftig also per Rezept Cannabis verschreiben. In den Apotheken könnten dann aus den wirkstoffhaltigen Cannabisblüten individuelle Rezepturen gemischt werden. Das können Tropfen, Öle oder Tinkturen sein. Natürlich könne man nicht ausschließen, dass Cannabis auch Patienten verschrieben wird, die Schlafprobleme oder Kopfschmerzen nur vortäuschen. Für Brenneisen überwiegt dennoch der Nutzen, den Cannabis für Schwerkranke hat.

Projekt zur Hanf-Hilfe

Über 100 Patienten haben sich nach dem News-Artikel im März 2016 bei den „Cannabis Social Clubs“ gemeldet, um sich über den medizinischen Einsatz von Hanf-Produkten zu informieren. Die Aktivisten der Social Clubs beziehen das Cannabis von anonymen Lieferanten, um es in Form von Butter, Tropfen oder Zäpfchen und in schweren Fällen auch als getrocknete Blüte, an kranke Menschen zu liefern – zum „Selbstkostenpreis“, wie sie sagen. Legal ist das nicht. Die Hanf-
Helfer gehen mit ihrem Tun dennoch an die Öffentlichkeit. Mario Danne, Obmann des Dachverbands der Cannabis-Social-Clubs, sagt: „Wir planen ein Projekt, in dessen Rahmen sechs bis acht Patienten über drei bis sechs Monate in einem Heilungszentrum behandelt werden. Dafür suchen wir Ärzte und Sponsoren, die mit uns zusammenarbeiten wollen.“

In Heft 11/16 bekannten sich Patienten dazu, Hanf ohne Rezept zu konsumieren. Die Cover-Geschichte lesen Sie hier.

Newscover 11/16
© News

Kommentare

In Israel werden Patienten in ausgesuchten Kliniken damit behandelt und diese Substanzen in manchen Apotheken auf Rezept ausgehändigt.Es ist durch Studien belegt dass CBD entzündungshemmend sowie schmerzlindernd ist und die Metastasierung bestimmter Karzinome hemmt.Und bei uns saufen sie sich zu Tode.........

Gerry Dueregger
Gerry Dueregger melden

Warum sagt Brenneisen im Standard Interview vom 9.Juli dann folgendes NEWS???

STANDARD: Grundsätzlich sprechen Sie sich aber auch als Pharmakologe nicht gegen den Freizeitkonsum von Cannabis aus?

Brenneisen: Ich habe nichts dagegen, es gibt Gefährlicheres...

Das widerspricht der angeblichen Aussage von ihm bezüglich Legalisierung in eurem Artikel! Bitte Widerspruch aufklären News!

Carina Pachner melden

Lieber Herr Dueregger,

Herr Brenneisen hat sich im News-Interview zum Freizeitkonsum definitiv so geäußert. Dass er in einem Interview mit dem Standard anders geartete Äußerungen getätigt hat, ist dem Interviewten vorbehalten.

Ihre News.at-Redaktion

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