Die Toten Hosen von

"Punks sind asexuell"

Tote Hosen-Frontman Campino spricht im Interview mit NEWS Klartext

Deutsche Punk-Band Die Toten Hosen © Bild: Carla Meurer

Den Dreißiger, den die Band in diesem Jahr feiert, nähme man ihm fast auch physisch ab. Doch Andreas Frege, charismatischer Frontman der deutschen Punkrock-Kultband Die Toten Hosen, beging den schwer glaublichen Fünfziger. Das Doppelalbum „Ballast der Republik“, die Live-DVD „Noches como estas“, Happenings im Burg­theater („ein Gefühl, ein Stück weit nachhause zu kommen“), ausverkaufte Tourneen: Die Toten Hosen sind in Bestverfassung. Vor den Konzerten in Graz (21. 12.) und Wien (22. 12.) sprach der Fußballnarr, Vater eines achtjährigen Sohnes und Frauenschwarm wider Willen mit NEWS über Erwachsenwerden, Exzess und Eitelkeit.

NEWS: Was hat das Jubiläumsjahr der Toten Hosen emotional bei Ihnen ausgelöst?
Campino:  Es geht nicht darum, wehmütig zu werden oder zu bedauern, dass die alten Zeiten vorbei sind. Wir werden älter, so wie alle. Damit verlieren manche Dinge an Gewicht, andere nehmen zu. Man kann in unserem Fall weder von einer Verbesserung noch von einer Verschlechterung sprechen, insofern ist diese Zeit der Rückblicke gerade leicht.

News: Sie touren gerade zum zweiten Mal heuer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Als Dankeschön für die Fans, oder einfach, weil das Zelebrieren des Band-Geburtstags so viel Spaß macht?
Campino: Jeder Abend ist ein Schlagabtausch auf Augenhöhe mit unseren Fans. Es walzt sich gegenseitig hoch. Wir lassen immer noch Dampf auf höchstem Level ab. Wir sind noch weit entfernt von der Persiflage einer Rock’n’Roll-Band. Wir begehen keinen Etikettenschwindel, wenn wir sagen, das ist lauter, schmutziger Rock.

NEWS: Den Sie heuer zur Freude der Wiener Fans im Burgtheater zum Besten gaben. Was verbindet Sie mit dem Haus?
Campino: Diese kultigen, besonderen Abende leisten wir uns nur ganz selten. Das wissen die Fans auch zu würdigen. Es gibt für so etwas keinen besseren Rahmen als das Burgtheater. Uns verbindet eine Freundschaft mit der Institution und den Geschichten drum herum: das Lied „Auflösen“ mit Birgit Minichmayr, mein Verhältnis zu Klaus Maria Brandauer und zu vielen Leuten im Haus schwingt natürlich mit. Es ist ein Gefühl, ein Stück weit nach Hause zu kommen.

NEWS: Wie war der Auftritt beim Münchner Oktoberfest im Gegensatz dazu? Sie wirkten schon recht lustig auf der Bühne...
Campino: Auftritt kann man das nicht nennen. Dafür schäme ich mich heute noch. Ich bin nach München gefahren, um meine Wette mit Markus Lanz einzulösen, ob verloren oder nicht. Ich habe mich mit der Kultur des bayerischen Brauwesens bekanntgemacht und mich nach vier Litern Starkbier auf der Bühne wiedergefunden. Wenn ausgerechnet ich mich in einem Bierzelt mit tausend anderen nicht volllaufen lassen darf, hätte ich was falsch gemacht. Ich habe mir seit meiner Jugend gesagt, mir ist in meinem Leben nichts peinlich, egal, was andere über mich sagen. Unter dieser Prämisse muss ich mich nicht entschuldigen. Aber ich hoffe, dass es ein einmaliger Ausrutscher bleibt.

NEWS: Hätten Sie gedacht, dass sich Ihr diesjähriger Hit „Tage wie dieser“ im Bierzelt so gut mitgrölen lässt?
Campino: Bei diesem Lied wundert mich nichts mehr. Man spielt es auf Hochzeiten, bei der Olympiade, bei der WM, bei Fortunas Aufstieg, bei der Dortmunder Meisterschaft, bei Abitur-Abschlussprüfungen und auf Beerdigungen. Es scheint ein Lied zu sein, das für besondere Momente im Leben geeignet ist, um den Augenblick zu zelebrieren. Ich habe kein Problem damit, wenn man das auf einer wilden Party oder am Oktoberfest spielt. Jeder soll das Lied für sich interpretieren. Würde ich Musik für mich alleine machen, bräuchte ich sie nicht zu veröffentlichen. Ich habe was dagegen, mich als Geschmackspolizei aufzuspielen. Ob etwas ein Gassenhauer wird oder nicht, entscheiden die Menschen. Die Qualität eines Liedes wird nicht davon bestimmt, ob es auf einem Jazz-Sender oder in der Hitparade gespielt wird.

NEWS: Welche war die größte Zäsur in Ihrer 30-jährigen Bandgeschichte?
Campino: IEs war ein sehr langer Weg mit fünf Leuten, die auf der Bühne stehen und einem Umfeld, das uns zu einer Gemeinschaft von zehn bis zwölf Menschen verbindet. Wir haben uns ständig weiterentwickelt, neue Lebensphasen erreicht und wir versuchen, das mit der Musik in Einklang zu bringen. Man wird vom Kind zum Vater: Kuddel kam als erster in den Proberaum und sagte: Leute, ich werde Vater. Das war für alle eine völlig neue Welt. Plötzlich verschieben sich die Wertvorstellungen, man hat Ängste und muss erst mal lernen, zu akzeptieren, dass das Leben noch eine Menge für einen parat hat. Zwischendurch wird man mit dem Tod konfrontiert: in Form von ganz engen Freunden, die verunglückt oder aus dem Drogensumpf nicht rausgekommen sind, bis hin zum 1000. Konzert, wo ein Mädchen direkt vor der Bühne gestorben ist. Das sind Kerben und Einschläge, die ein Leben ausmachen und sich charakterlich ausgewirkt haben.

News: Was ist der größte Unterschied zwischen den Toten Hosen von heute und damals, am Anfang Ihrer Karriere?
Campino: Das sind zwei verschiedene Universen – in jeder Beziehung. Die politische Situation von damals kann man sich heute ebenso wenig vorstellen, wie die Zeit, bevor es Internet gab. Wir haben die Band damals gegründet, um aus dem Alltag auszubrechen, um für eine Nacht ein Held zu sein. Heutzutage ist dies unser Alltag geworden. Wir leben auch davon. In den ersten zehn Jahren war es noch unvorstellbar, dass wir damit Geld verdienen würden. Man muss irgendwann dazu stehen, dass man professioneller Musiker geworden ist. Wir haben jahrelang versucht, das klein zu reden, auch vor uns selber. Wir wollten die Konsequenz nicht wahrhaben, aber die war natürlich schon längst da. Man erkennt, dass man eine Verantwortung hat, wenn die Leute Geld für Konzertkarten bezahlen. Da kann man nicht voll besoffen auf der Bühne stehen, sondern muss sein Bestes geben. Wer hätte je gedacht, dass es mit uns überhaupt so lange geht? Wir hätten uns ein halbes Jahr gegeben. Wir wollten Spaß haben. Deshalb darf man es uns nicht übel nehmen, dass wir damals keine Strategie hatten.

News: Welche Rolle spielt der Exzess heute in Ihrem Leben?
Campino: Hin und wieder reißt noch eine Leitung. Gott sei Dank. Wir wissen, dass wir uns auf Tournee zusammenreißen müssen. Die verlangt uns körperlich viel ab. Wir werden ja auch nicht jünger. Man muss diszipliniert sein und funktionieren, wie eine Sportmannschaft. Wenn man bis in die frühen Morgenstunden feiern geht und am nächsten Abend auf die Bühne muss, bricht man irgendwann zusammen oder liefert nur noch schwaches Zeug ab. Es ist also klar, dass alle Versuche solcher Partys auf das Tournee-Ende verschoben werden.

News: Stecken Sie das Rock’n’Roll-leben heute schlechter weg als früher oder macht es weniger Spaß?
Campino: Ich bin jetzt 50. Der Stoffwechsel wird langsamer. Wenn ich mich total verausgabe, braucht der Körper länger, um wieder voll da zu sein. Man muss sich seine Energie in so einer kräftezehrenden Phase wie jetzt vernünftig einteilen. Dafür versuche ich auch, es auf höchstem Niveau durchzuhalten. Als Hilfsgerüst stelle ich mir vor, ich muss eine Saison spielen, wie ein Fußballclub oder eine Eishockey-Mannschaft. Ich habe versucht, von meinen Sportlerfreunden zu lernen. Wenn es in den Wettkampf geht, muss man fokussiert sein. Wenn das vorüber ist, kann man die Teller fliegen lassen.

News: Sie sind leidenschaftlicher Fußball-Fan. Inwiefern sind die Emotionen mit der Musik vergleichbar?
Campino: Das Fantastische an Musik ist, dass sie alle möglichen Fragen und Lebensbereiche bespielt – ob Hochzeiten, Beerdigungen, Feste oder Fußballspiele. Musik ist ein Ventil, um Emotionen rauszulassen. Wir werden als Musiker nie erleben, auf den Platz zu gehen und nicht zu wissen, ob wir als Sieger oder Verlierer nach Hause gehen. Wir werden nie eine Elfmeter-Situation haben oder den Thrill spüren, wenn man ein entscheidendes Tor schießt. Dennoch wissen wir, was Euphorie ist und was es heißt, 90 Minuten zu spielen und bis zum Schluss zu laufen. Viele Musiker bekennen sich zu Fußballvereinen, das ist kein deutsches Phänomen: Oasis war stets Manchester City treu und Robbie Williams hat immer seinen Verein unterstützt.

News: Was ist Ihre weiblichste Eigenschaft?
Campino: Ich kann gut zuhören. Aber ist das eine weibliche Eigenschaft? Selbst wenn ich jetzt Sinn für Romantik anführen würde, warum soll der ausschließlich weiblich sein? Ohne zu wissen, was es ist, hoffe ich, dass ich davon reichlich abbekommen habe.

News: Wie gehen Sie als Punkrocker mit Ihrem Image als Sexsymbol um?
Campino: Das habe ich in den ersten 25 Jahren meines Lebens überhaupt nicht mitbekommen. In der Punkszene wurde Groupietum verachtet. Natürlich hatten wir alle unsere Affären und sind auch nachts gerne mal mit jemandem mitgezogen. Man hat versucht, jemand zu finden, der dasselbe Interesse hat. Es ging nie darum, bewundert zu werden. Wir waren in den ersten Jahren eine absolute Jungenband. Die Mädchen kamen zwar mit, haben sich aber weiter hinter aufgehalten, während die Jungs vorne getobt haben. Bei den Ärzten war’s umgekehrt. Wir waren eher die rauere Fraktion. Unsere Klamotten waren ein bewusstes Statement. Wir hätten uns ja auch vernünftig anziehen können, um besser auszusehen. Aber wir haben uns duelliert, wer es auf Tournee am längsten in seinen Klamotten aushält. Die Szene war extrem asexuell. Die Wandlung ist erst später gekommen.

News: Genießen Sie es heute mehr, wenn Frauen Sie kennen lernen wollen?
Campino: Dreißigjährige können dazu sicher mehr sagen, das Thema ist für mich weitestgehend durch. Ich freue mich, dass ich noch nicht als Opa wahrgenommen werde, sondern als jemand, der sich durchaus noch bewegen kann und fit ist. Ich halte mich lieber in meiner eigenen Welt auf und meide Preisverleihungen.

News: Sind Sie frei von Eitelkeit?
Campino: Ich tue alles, um nicht als biertrinkendes Kartoffelchips-Monster zu enden. Ich registriere schon, wie ich rumlaufe. Ich freue mich auch, wenn meine Freundin mir sagt: zieh mal lieber den Pullover an, der steht dir besser. Völlig uneitel will ich auch nicht sein. Aber ich bin auch nicht unbedingt als Trendsetter berühmt. Ich versuche, der Aufmerksamkeit zu entgehen. Das war früher anders. Da sind wir mit dem Feuermelder durch die Gegend gelaufen und wollten Alarm auslösen. Heute will ich meine Ruhe, wenn ich auf die Straße gehe.

News: Welche der sieben Todsünden ist Ihnen am vertrautesten?
Campino: Ich würde am ehesten der Wollust zusprechen. Im katholischen Sinn würde ich dafür plädieren, dass man mich, wenn überhaupt, für meine Wollust bestraft. Die anderen Todsünden erscheinen mir im Vergleich dazu langweilig.

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