Leben von

Burnout - Warum viele
Menschen so erschöpft sind

Eine Buchautorin geht diesem Thema auf den Grund

Leben - Burnout - Warum viele
Menschen so erschöpft sind © Bild: Shutterstock

Das 21. Jahrhundert stresst: Neun Prozent der Österreicher leiden unter Burnout oder ähnlichen Zuständen, wie eine Umfrage des Linzer market-Instituts im April 2016 erhoben hat. Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung und Burnout. Ist unser Jahrhundert das stressigste Zeitalter in der Geschichte? Und ist die physische, mentale und seelische Erschöpfung eine Folge unserer beschleunigten und technologisierten Gesellschaft oder ist sie ein viel älteres Leiden? Diesen Fragen geht eine Buchautorin nach - und beantwortet sie auch.

Sie weiß, wie es sich anfühlt. Wenn Geist und Körper plötzlich träge werden, wenn sich eine gewisse Schwere über das Leben legt. Nicht zuletzt deshalb hat Anna Katharina Schaffner, Literaturkritikerin und Medizinhistorikerin an der Universität von Kent, ihr Buch "Erschöpfung: Eine Geschichte" ("Exhaustion: A History") geschrieben. "Wie viele Menschen habe ich zu unterschiedlichen Zeiten meines Lebens mit mehreren Symptomen von Erschöpfung gekämpft", sagt sie in einem Interview mit "Psychology Today".

» Erschöpfung war schon immer Teil unseres Lebens«

In ihrer Einleitung nennt Schaffner gleich einen prominenten Leidensvertreter: Der erschöpfte Papst Benedikt XVI. Und die Autorin nennt einen weiteren Papst der als einziger neben Benedikt freiwillig von seinem Amt als Oberhaupt der katholischen Kirche zurückgetreten ist. Celestine V. legte 1924 sein Amt zurück - ebenfalls aufgrund von Erschöpfung. Sie kommt in ihrem Buch zu dem Schluss: "Erschöpfung war schon immer Teil unseres Lebens", zitiert "BBC" die Autorin. Eine der frühesten schriftlichen Erwähnungen findet das Thema in der Antike beim griechischen Arzt Galen. Auch wenn erst mit Beginn der modernen Medizin das Krankheitsbild als Neurasthenie (Nervenschwäche) diagnostiziert wurde.

Die Symptome von Burnout sind also nicht neu, schreibt Schaffner. Was sich im Laufe der Geschichte verändert habe, seien die Gründe und Auswirkungen von Erschöpfung. Im Mittelalter sprach man vom Mittagsdämon*, im 19. Jahrhundert betraf es die Bildung der Frauen und in den 1970ern war es der Aufstieg des ungezügelten Kapitalismus und die rücksichtslose Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten.

* bezeichnet unter anderem den Charakter der Mittagsstunde, der zur Trägheit (griech. akedia) und zum Sich-gehen-lassen verleitet.

Berufsorientierte Erschöpfung

Neu am heutigen Burnout ist nach Schaffner, dass diese Form der Erschöpfung vor allem im Zusammenhang mit dem beruflichen Umfeld steht, der Verlust der Energie und Anteilnahme für sich als Krankheitsbild gesehen wird und diese Symptome nach Meinung der Menschen vor allem durch externe berufsbedingte Faktoren verursacht werden. Allgemein werde angenommen, dass dieses Jahrhundert das stressigste sei.

Umso überraschter sei sie selbst gewesen, als sie bei ihren Recherchen entdeckte, dass das 21. Jahrhundert bei weitem nicht das erschöpfendste ist, sagte sie gegenüber "Psychology Today". "Viele Menschen vor uns haben sich genau gleich gefühlt", teilte sie mit.

Aber die Autorin leugnet nicht, dass es in der heutigen Gesellschaft sehr stressig zugeht. Laut Schaffners Überlegungen rühre das teilweise von einer größeren Autonomie her: Es würde immer mehr Jobs geben, die es erlauben, dass die Menschen ihre Aktivitäten selbst managen - ohne klar definierte Grenzen. Das würde dazu führen, dass sich die Menschen überbeanspruchen. Das drücke sich hauptsächlich in der Angst aus, zu wenig zu leisten und nicht gut genug zu sein beziehungsweise die Erwartungen nicht erfüllen zu können.

Schaffner stellt klar: Heutzutage würden uns E-Mails und Soziale Medien aussaugen. Auf unterschiedliche Art und Weise seien diese Technologien, die eigentlich eine Energieersparnis bringen sollten, zu einem Stressfaktor geworden. "Heute ist es schwerer als je zuvor, Arbeit im Büro liegen zu lassen", schreibt sie.

Zahlen und Fakten

In Österreich fühlen sich laut Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2013) fast 40 Prozent in der Arbeit dem psychischen Belastungsfaktoren Zeitdruck und Überbeanspruchung ausgesetzt. 2007 gaben noch 8,7 Prozent der Erwerbstätigen an, dass "schwierige Arbeitshaltungen ihre Gesundheit hauptsächlich beeinträchtigen" würde, 2013 waren es bereits rund 12 Prozent. Die Erhebung zeigt außerdem: Je mehr Überstunden geleistet wurden, desto höher der Anteil der Personen mit mindestens einem psychischen Risikofaktor (siehe Grafik). Österreich ist europaweit in Bezug auf die Arbeitsqualität eher unterdurchschnittlich, wie eine OECD-Studie belegt.

Bei steigender Beschäftigungsdauer steigt laut auch das psychische Risiko:

Eine finnische Studie aus dem Jahr 2008 enthüllt ebenfalls Interessantes: Männliche Mitarbeiter, die über Erschöpfung klagen, nehmen sich tendenziell häufiger eine längere krankheitsbedingte Auszeit von der Arbeit als von Burnout betroffene Frauen.

Burnout ist also ein reales Problem unseres Zeitalters, aber nicht nur unseres. Doch was lädt die Energie auf und was raubt sie uns? Meist sei eine Krankheit sowohl physisch als auch psychisch bedingt, erklärt Schaffner. Man könne nicht mit Gewissheit sagen, ob die Symptome ihren Ursprung entweder im Körper oder im Geist hätten und ob sie ein Resultat unserer Gesellschaft oder unseres eigenen Verhaltens seien. Auch die möglichen Heilungsprozesse seien individuell, zitiert "BBC" die Autorin. Wenn die Geschichte uns eines gelehrt hat, dann dass es keine schnelle Heilung für diese Krankheit gibt. "Heutzutage liegt der Schwerpunkt primär beim 'Abschalten' - sich von der Arbeit, E-Mail und Sozialen Medien abzukoppeln, in Hinblick darauf, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit neu zu setzen", sagt Schaffner "Psychology Today".

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