Theater-Kritik von

Ibsens "Volksfeind" aus
der grünen Märchenstube

Jette Steckel hat Ibsens Drama am Burgtheater in eine Umweltschutz-Farce verwandelt

Theater-Kritik - Ibsens "Volksfeind" aus
der grünen Märchenstube © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Hendrik Ibsens "Volksfeind" erzählt von einem Außenseiter, einem Mann, der gegen die Gesellschaft aufbegehrt, und seine Prinzipien um den Preis der Existenz seiner Familie bis zur letzten Konsequenz auslebt. Die deutsche Regisseurin hat am Burgtheater das Menschheitsdrama in eine drei Stunden währende, nervende Öko-Farce verwandelt, Happy End inklusive. Der Vater der Regisseurin, Frank-Patricl Steckel hat den Text geliefert. Von Ibsen ist nur der Titel geblieben.

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Joachim Meyerhoff gibt auf Florian Lösches karger Bühne den Badearzt Tomas Stockmann. Er hat herausgefunden, dass die Quelle des Heilbades von den Abwässern der Gerberei seines Schwiegervaters Morten Kill (grandios, dämonisch: Ignaz Kirchner) verseucht ist und fordert die Schließung des Bades. Dem Dorf droht dadurch der Ruin. Stockmanns Bruder Peter, der amtierenden Bürgermeister (Mirco Kreibich), ringt als Vorzeige-Populist um seine Wiederwahl. Jeder der Brüder will die örtliche Zeitung, den „Volksboten“, für seine Sache gewinnen.

© APA/HERBERT NEUBAUER Ignaz Kirchner als Morten Kiil

Florian Lösche hat die Bühne des Burgtheaters in einen Eislaufplatz verwandelt. Riesenzwerge symbolisieren die Gesellschaft. Tomas Stockmann steigt zu Beginn aus einem Eisloch, in orangem Daunenmantel und Sandalen, ein Sinnbild für Kasteiung. Seine Familie hat er basisdemokratisch organisiert. Man stimmt am Esstisch ab, singt politisch korrekte Lieder. Stockmann will Missstände anprangern, lässt sich zu einer Rede über Demokratie und die Wandelbarkeit des Volkes gar ins Publikum herab. Am Ende fügt er sich den Umständen. Nichts davon erzählt Ibsen. Der wirkliche Stockmann verzichtet auf Karriere und entscheidet sich für eine ungewissen Zukunft.

© APA/HERBERT NEUBAUER Mirco Kreibich als Peter Stockmann und Joachim Meyerhoff als Tomas Stockmann

Die Steckels schicken ihre Figuren auf Schlittschuhen über die Bühne, argumentiert wird, vor allem vom Bürgermeister, mit Figuren aus dem Eiskunstlauf. Am Ende verweisen Videoeinspielungen von Flutkatastrophen auf den Klimawandel. Das Potenzial großer Schauspieler ist verschwendet. Meyerhoff gibt den Badearzt als Zerrissenen, der bis zur Selbstentäußerung alles gibt. Um diese Schauspielkunst aber ist es schade, wird in Banalitäten erstickt. Frau Stockmann (Dorothee Hartinger) darf in heutigen Zeiten natürlich keine Hausfrau sein, sondern muss einen Beruf haben. Sie ist Kinderärztin. Tochter Petra (Irina Sulaver) verliert bei Ibsen ihren Job als Lehrerin, bei den Steckels ist sie Künstlerin, die kühn Genitalien zeichnet. In der Redaktion des „Volksboten“ muss geraucht werden, um dem Bürgermeister zu gefallen. Steckel lässt nichts aus, womit sie mit einfachen Klischees langweilen kann. Warum man ein Stück aufführt, das man eigentlich verweigert, bleibt ungeklärt. Zwei Ärzte, die für ihre Prinzipien kämpfen, nämlich Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ am Theater in der Josefstadt und Ibsens „Volksfeind“ stehen einander in Wien Theatern gegenüber. Die „Josefstadt“ hat sich dem Stück gestellt. Die „Burg“ hat sich ihrem verweigert und zeigt ein ödes grünes Märchen. Schade um die tollen Schauspieler.