Leben von

Handke und Peymann,
die letzten Widerstandskämpfer

Uraufführung von "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße"

Leben - Handke und Peymann,
die letzten Widerstandskämpfer © Bild: APA/Schlager

Der Autor, der Regisseur, die Bühne, die Schauspieler, das Publikum, die Direktorin, die seinerzeit noch für die Pressebetreuung zuständig war: Alles ist wie damals, und es ist wunderbar. Federleicht und tiefsinnig und so aufregend wie seinerzeit in Claus Peymanns Direktionszeit, als eine Uraufführung am Burgtheater noch nicht Quotenerfüllung, sondern ein monatelang diskutiertes, potenziell theaterhistorisches Ereignis war. Peymann kehrte nun für Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" an die "Burg" zurück, und sie war wieder sein Haus, als habe es dazwischen nichts gegeben.

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An einer aufgelassenen Autobushaltestelle an der letzten freien Landstraße haust in einem Stillleben aus Müll der letzte Widerstandskämpfer gegen die bestialische Banalität des globalisierten Denkens und Handelns. Diese Enklavenbewohner sind Standard im Handke’schen Schaffen, und die Rolle des „Ich" wäre wohl obligatorisch für Gert Voss reserviert gewesen. Den zu ersetzen ist allerdings
zwecklose Mühe, und so wagte Peymann den Befreiungsschlag: Ein ganz junger, an den zornigen Dichter der Sechzigerjahre erinnernder Handke tritt da auf, ein cholerischer und sentimentaler Clown von pantomimischem und rhetorischem Großformat. Christopher Nell ist am koproduzierende Berliner Ensemble engagiert und feiert einen phantastischen, bejubelten Einstand in Wien.

© APA/Schlager Burgtheater-Uraufführung: "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße"

Beistrichgenauer Präzision und absurde Poesiewelten

Keine der Lästigkeiten des Zeitgeisttheaters geht bei Peymann, dem Altmeister, durch. Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild ist klar und aufgeräumt, aber mit dem Licht werden wahre Wunder vollbracht. Niemand kalauert durch ein Mikroport, Handkes herrlicher Text ist mit beistrichgenauer Präzision erarbeitet und doch in absurde Poesiewelten entrückt. Martin Schwab ist der Häuptling der Banalisten, die, in ihre Handys plärrend, die Enklave überfallen. Schwab ist noch einer aus Peymanns Bochumer Ensemble, das 1986 Wien aufgemischt hat. Wie hat man diese seither nie gebührend gewürdigten Könner vermisst! Maria Happels elementare Komik fügt sich wunderbar in das Geschehen. Und Regina Fritsch verzaubert als „die Unbekannte", eine der schönsten unter den Handke’schen Frauengestalten: Sie könnte die den Misanthropen aus seiner Isolation erlösen, doch er zerrt sie an den Haaren aus seinem Lebensbereich, um anschließend vollends zu verzweifeln.

All das ist so politisch wie persönlich, ein genialer und kongenial umgesetzter Text. Hermann Scheidleder, Hans Dieter Knebel, Franz J Csencsits und Krista Birkner kennt man seit Peymanns Direktionszeit, einige hatte man seither schon fast vergessen, nun finalisieren sie einen Erfolg erster Klasse.

Das Ende bleibt in einer Vielzahl an Schlussvarianten offen, eine Apotheose des Theaters, das, fast hätte man es vergessen, ein magischer Ort sein kann.

Witerführender Link: http://www.burgtheater.at/

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