Leben von

Tanz gegen Angst und Tod

"Der eingebildete Kranke" von Moliere als fulminante Trash-Komödie am Burgtheater

"Der eingebildete Kranke" © Bild: Reinhard Maximilian Werner

Wenn man es am Theater krachen lässt, dann ordentlich, dann am besten so wie Herbert Fritsch. An der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf hat der deutsche Regisseur Karriere gemacht. Und das ist nicht der schlechteste Stall, aus dem ein Regisseur kommen kann. Karin Bergmann holte ihn für Molière nach Wien. "Der eingebildete Kranke" mit Joachim Meyerhoff als Hypochonder Argan gerät zur bösen Satire über die Macht der Ärzte und den Kampf gegen Angst vor Krankheit und Tod.

Cembali ertönen, die Tasten bewegen sich, wie von unsichtbarer Geisterhand angeschlagen. Die Bühne leuchtet in grellen Pastellfarben, changiert zum Röntgenschirm, zeigt Knochen von Kindern und Erwachsenen, führt damit durch die Lebensalter. Ein Detail, das Medizinunkundigen verschlüsselt bleibt, wenn nicht ein Arzt die Erklärung liefert, wie der Verfasserin dieser Kritik.

Und es sind Details wie dieses, aus denen Herbert Fritsch seine Stücke webt. Jede Geste, jede Mimik, die sein außerordentliches Ensemble hervorbringt, wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen. Menschen agieren wie Marionetten und Aufziehpuppen in fantastischen Kostümen mit Reifröcken, überdimensional hochgesteckten Perücken. Die eindrucksvolle Maskerade (Kostüme: Victoria Behr) wird im virtuosen Spiel zum wichtigen Instrumentarium. Sein Ensemble formiert er zu einem Reigen, einem Tanz gegen Tod und Angst. Und das funktioniert in Sabrina Zwachs sympathischer Übersetzung in ein gegenwärtiges Deutsch in der trotz drei Stunden Dauer kurzweiligen Inszenierung. Denn Fritsch setzt dabei ordentlich auf Trash und nimmt Molière dabei ernst.

Moliéres Kampf gegen den Tod

"Der eingebildete Kranke" ist Molières letzte Komödie. Wie Nestroy spielte er in seinen Stücken mit, der eingebildete Kranke wurde seine letzte Rolle. Im dritten Akt der vierten Vorstellung anno 1673 erlitt er einen Schwächeanfall. Wenige Stunden später erlag er im Kampf gegen den Tod. Und die Angst davor geht es in dem Stück, um Todesängste und die hat Moliére in seine Gesellschaftskritik eingebettet. Einem wohlhabenden Mann fehlt es an nichts, sorgenfrei könnte er leben, hätte er nicht diese ständige Angst, von einer tödlichen Krankheit dahingerafft zu werden. Und das macht ihn blind gegenüber der Ausbeutung durch die Ärzte und den erbschleicherischen Absichten seiner Frau. Seine Tochter will er mit einem Arzt verheiraten, um ständig versorgt zu sein. Die Ärzte stellt Fritsch wie Schergen einer düsteren Macht dar, als Monster in Plastikkitteln, die ihre Patienten finanziell aussaugen. Ignaz Kirchner und Adam Oest zeigen diese Wesen dämonisch als wären sie einer amerikanischen Horror-Serie entsprungen.

"Der eingebildete Kranke"
© Reinhard Maximilian Werner

Virtuose Schauspieler

Gespielt wird mit Präzison und höchster Virtuosität. Markus Meyer hat von Caroline Peters, die sich während der Proben verletzt hat, die Rolle des Dienstmädchens Toinette übernommen. Wie Meyer in Frauenkleidern agiert, mit Tanzschritten seine, pardon, ihre Behauptungen betont, hat Leinwandformat. Sehr wahrscheinlich hätte einer wie Billy Wilder hätte seine Freude daran gehabt.

Joachim Meyerhoff fasziniert als Hypochonder Argon. Virtuos bedient er seinen Körper wie ein Instrument. Jede Miene, jedes Augenspiel, jeder Ton gibt die Ängste und Verblendungen dieser Figur wieder. Chapeau! Wirken die anderen im Ensemble (Marie-Luise Stockinger, Marta Kizyma, Simon Jensen, Laurenz Rupp, Hermann Scheidleder) wie formidabel geführte Instrumente in Herbert Fritschs Trash-Orchester, machen Meyer und Meyerhoff daraus ganz großes Theater.

Kommentare