Bundesliga-Rechte gehen wieder an ORF: Premiere kündigt vorzeitig Vertrag mit ATV

Sonntag-Spiel wird schon live im Free-TV übertragen ORF-Fahrplan: Auch UEFA Cup-Matches im Programm

Der Wechsel der österreichischen Fußball-Bundesliga im frei empfangbaren Fernsehen vom Privatsender ATV zum öffentlich-rechtlichen ORF sorgt für einen wilden Rechtsstreit. Rechteinhaber Premiere hat den Vertrag mit ATV aufgekündigt und stattdessen in einem auch für die Bundesliga überraschenden Coup den ORF ins Boot geholt, der künftig sonntags parallel zu Premiere ein Live-Spiel pro Runde sowie eine Zusammenfassung der Samstag-Partien, die exklusiv bei Premiere bleiben, überträgt. ATV hält dieses Vorgehen für "rechtsunwirksam" und rechnet mit einem "gerichtlichen Nachspiel", Premiere klagt ATV, und völlig unklar ist noch, ob die Premiere-ORF-Kooperation den Preis bei der anstehenden Neuvergabe der Bundesliga-Rechte drückt.

ATV sei seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen, begründete Premiere-Chef Georg Kofler den Deal mit dem ORF. Es gebe finanzielle Außenstände in der "Gewichtsklasse von Millionen Euro". Es sei deshalb keine andere Wahl geblieben, als dieses Vertragsverhältnis zu beenden. Als "kräftige Dreistigkeit" wertete der Premiere-Chef den Umstand, dass ATV Monate lang nicht gezahlt habe, nun aber die Fußball-Rechte für sich reklamiere und Klage ankündige. Premiere habe jedenfalls seinerseits beim Landgericht München Klage gegen ATV eingebracht. "Wir werden hier keine lustigen Unterhaltungen haben, und ich bin überzeugt, dass wir gewinnen", meinte Kofler. Mit dem ORF habe man einen Partner gefunden, der für die Bundesliga eine "adäquate Free-TV-Präsenz" sichere.

ATV: "Rechtsunwirksam"
Der Privatsender ATV hält die Aufkündigung durch Premiere für rechtsunwirksam. "Wir haben mit Premiere einen aufrechten Vertrag", sagte ATV-Pressesprecher Christoph Brunmayr. Man rechne mit einem "gerichtlichen Nachspiel". Zwar gebe es die von Premiere angeführten Außenstände, derzeit sei in der Causa aber ein Verfahren bei einem Münchner Gericht anhängig. Durch das Urteil des Bundeskommunikationssenats, das dem ORF eine umfangreiche Kurzberichterstattung einräumt, sei das ATV-Fußballpaket in seinem Wert gemindert worden. "Wir wollten im Gegenzug mehr Live-Spiele und eine kürzere Karenzzeit zwischen Spielende und der Fußballsendung 'Volltreffer'", berichtete Brunmayr. Da es von Premiere aber kein Entgegenkommen gegeben habe, habe man geklagt und vorerst weniger gezahlt. Brunmayr sprach von einem abgekarteten Spiel. "Das ist ein von langer Hand vorbereiteter Deal zwischen Premiere und ORF." Dem öffentlich-rechtlichen ORF wirft der Privatsender ATV darüber hinaus "sittenwidriges Verhalten" vor, da man sich in einen "aufrechten Vertrag" eingemengt habe, so Brunmayr.

"Ich gehe davon aus, dass wir uns ganz sicher nicht an einem Rechtsbruch beteiligen", meinte dazu der designierte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, der mit Kofler gemeinsam bei einer Pressekonferenz im Do&Co im Wiener Haas-Haus auftrat. "Ich sehe nicht, dass da ein Risiko auf den ORF zukommt", lautete die Einschätzung von Wrabetz. Der Kaufmännische Direktor zeigte sich über den Deal höchst erfreut. Schon rund um seine Wahl zum Generaldirektor habe er großes Interesse an einer Rückholaktion der Bundesliga in den ORF öffentlich deponiert. "Dass es so rasch gehen würde, habe ich nicht gedacht." Für die Fußball-Bundesliga und ihre Sponsoren bedeute dies "mehr Präsenz und Zuseher sowie mehr Wahrnehmung im Fernsehen", erklärte Wrabetz.

Sonntag LIVE-Spiel auf ORF
Die Kernpunkte der Vereinbarung: Der ORF sendet ab kommendem Wochenende sonntags um 15.30 Uhr - parallel zu Premiere - ein Live-Spiel pro Runde. Im Anschluss daran gibt es ein "Sport am Sonntag spezial" mit einer Zusammenfassung der Samstag-Partien. Diese sendet Premiere samstags weiter exklusiv via Konferenzschaltung. Samstagabend wird es im ORF im Rahmen von News-Flashes lediglich Kurzzusammenfassungen geben. Neben der Bundesliga laufen künftig auch die Zusammenfassungen der Red Zac Erste Liga im ORF. Unklar ist hier noch der genaue Sendezeitpunkt. Auch die UEFA-Cup-Spiele von Austria Wien werden neben Premiere zeitgleich im ORF zu sehen sein.

Über den Kaufpreis für das Rechtepaket wurde Stillschweigen vereinbart. Premiere legte für den Dreijahresvertrag mit der Bundesliga im Jahr 2004 rund 42 Millionen Euro auf den Tisch. Als Sublizenznehmer für die von der Bundesliga geforderte Free-TV-Präsenz zahlte ATV pro Jahr 2,7 Millionen Euro an Premiere. Der ORF dürfte nun für das neu geschnürte Free-TV-Paket deutlich mehr als drei Millionen Euro zahlen.

Auf die bevorstehenden Neuverhandlungen über die Bundesliga-Rechte ab 2007/08 soll der Coup keine Auswirkungen haben, betonten Premiere und ORF. Es handle sich um eine "Partnerschaft auf Zeit bis Frühjahr 2007" und mit der Kooperation sei "keinerlei Präjudiz" für die Ausschreibung der Rechte verbunden. Dass der Wert des Rechtepakets der Bundesliga in den Verhandlungen nun sinken könnte, glaubt man nicht. Von einem Nachfrage-Monopol könne jedenfalls keine Rede sein, so Kofler, der mit einem "regen Wettbewerb" rechnet.

Pucher neutral gelassen
Gelassen-neutral und nicht gerade euphorisch kommentierte Bundesliga-Präsident Martin Pucher den Wechsel der Bundesliga von ATV zum ORF. "Wir haben da keine Einflussnahme. Wir haben davon am Montag kurzfristig erfahren. Wenn sich Premiere einen neuen Partner nimmt, entzieht sich das unseren Einflussmöglichkeiten", betonte Pucher. Der Bundesliga sei vor allem wichtig, dass die Fußballfans ihre Mannschaften auch im Free-TV sehen können. "Das ist gewährleistet. Für die nächsten Monate ist das positiv. Bis 30. Juni 2007 gibt es da keine Problematik." Ob die Kooperation zwischen Premiere und ORF den Preis des neu ausgeschriebenen Bundesliga-Pakets drücken werde, "wird man sehen", meinte der Liga-Boss. "Für die laufende Periode hat sich wirtschaftlich nichts geändert. Für die mittelbare Zukunft glaube ich nicht, dass das ein Präjudiz für die Vergabe ist."

Die TV-Rechte der heimischen Fußball-Bundesliga werden bis Ende des Jahres ausgeschrieben, der Vertrag zwischen Bundesliga und dem Pay-TV-Sender Premiere läuft mit der aktuellen Saison 2006/07 aus. Über die Modalitäten wurde in den vergangenen Wochen bereits heftig spekuliert. So dürften die Fernsehrechte ab der Saison 2007/08 nicht mehr in einem großen Exklusivvertrag, sondern in mehreren Paketen vergeben werden. Bisher kolportierten Plänen zufolge könnten verschiedene Sender dann etwa die Rechte für einzelne Live-Spiele sowie für Zusammenfassungen erwerben.

(apa/red)