Buchtipp: Frank Schirrmachers "Minimum"! Warum man Freunde gewinnen muss – und was es kostet

Buchtipp: Frank Schirrmachers "Minimum"! Warum man Freunde gewinnen muss – und was es kostet

Es heißt "Minimum", doch die Debatte über dieses Buch wird vermutlich groß. Allein schon, weil "Der Spiegel" es zum Anlass für eine Titelgeschichte nahm. Weil Kommentare schon gegen die Neuerscheinung wettern, bevor sie überhaupt in die Buchgeschäfte gekommen war. Und weil der Autor Frank Schirrmacher heißt, einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist und schon mit seinem Vorgängerwerk "Das Methusalem-Komplott" viel Aufsehen erregt hat.

In dem Bestseller hatte Schirrmacher ein Ende des Jugendkults in unserer alternden Gesellschaft angemahnt. In "Minimum" warnt er nun: Unserer Gemeinschaft geht der Zusammenhalt verloren, belastbare soziale Beziehungen werden zum knappen Gut, zu einem "Minimum". Denn uneigennützig für einander einzustehen lernten Menschen fast ausschließlich innerhalb der klassischen Familie, unter Geschwistern und engen Verwandten. Die Familie sei die "Urgewalt" unserer Gemeinschaft, ihr innerster Kern.

Doch diese Urgewalt habe der Mensch manipuliert, indem er immer weniger Kinder in die Welt setzte. Oft aus Egoismus und weil nur die Kosten interessierten, nicht aber der soziale Wert von Kindern. Schirrmacher beschreibt eine Spirale der Kinderlosigkeit: Wer keine Kinder mehr aufwachsen sehe, wolle auch selbst keine. Das übertrage sich mittlerweile auf die Kinder selbst. "Es wird in den kommenden Jahren viele Familien geben, in denen das jüngste Mitglied bereits jenseits der vierzig ist."

Selbst die notwendige Integration von Ausländern funktioniere nicht, wenn Einwanderer in den Großstädten nicht einmal mehr die Chance hätten, deutschen Familien zu begegnen. Schirrmacher fragt besorgt: "Was geschieht, wenn eine Urgewalt einem Minimum entgegenstrebt?" Der Autor ist sicher: Wir sind nicht darauf vorbereitet. "Die Verwandtschaften schrumpfen - und damit auch die Netzwerke.". Der Einzelne erhalte immer seltener Hilfe.

Dass Blut oft dicker ist als Wasser, belegt das Buch mit sozialpsychologischen Untersuchungen. Anschaulich illustriert Schirrmacher dies auch anhand historischer Unglücksfälle, etwa der dramatischen Geschichte eines Siedlertrecks in Amerika, bei dem Familien das Ziel erreichen, während die vermeintlichen Helden und einsamen Abenteurer auf der Strecke bleiben - für Schirrmacher eine Folie für unsere vereinzelnde Gesellschaft

"Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft", lautet der Untertitel von "Minimum". Konkrete Vorschläge für das "Neuentstehen" sind jedoch eher dünn gesät. Eindeutig ist nur, dass die Zukunft vor allem in der Hand der Frauen liegt. "Großmütter, Mütter und Töchter werden entscheiden, ob und wie unsere Gemeinschaft neu entsteht."

Weil bald die Arbeitskräfte knapp würden, müssten immer mehr Frauen ins Erwerbsleben - aber auch mehr Kinder gebären als jetzt. Zudem sollen die Frauen die zahlreichen Alten versorgen, weil das soziale Netz bald zerreißen werde. Frauen als "sozialer Kitt", lästerte deshalb schon die "Frankfurter Rundschau", zumal Schirrmacher Männer mehr für den Broterwerb programmiert sieht denn für verwandtschaftliche Fürsorglichkeit.

Zurück zur Familie und zu mehr Kindern ist Schirrmachers Perspektive, die Talsohle des "Minimums" zu durchschreiten. "Nachwuchs ist der Urvertrag einer Gesellschaft schlechthin." Damit reiht er sich ein in eine Reihe von Autoren wie Udo di Fabio und Paul Kirchhof. Schirrmachers Verdienst ist es, dass er dabei nicht nur an die Sozialversicherungssysteme denkt, sondern auch an den sozialen Wert von Kindern. (APA/RED)

SERVICE:
Frank Schirrmacher
Minimum
Gebundenes Buch
192 Seiten
€ 16,00 [D]
Blessing
ISBN 3-89667-291-6
978-3-89667-291-9