Brückenbauer an der Spitze der Ostkirche:
Porträt des Oberhaupts Bartholomaios I.

Ökumenischer Patriarch gestärkt durch Papstbesuch Bartholomaios kämpft gegen die Umweltzerstörung

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, der kommende Woche Papst Benedikt XVI. in Istanbul empfängt, steht seit 15 Jahren als 270. Nachfolger des Apostels Andreas an der Spitze der orthodoxen Christenheit. Während dieser Zeit hat der Phanar als geistiger Mittelpunkt der Weltorthodoxie eine starke Aufwertung erfahren, obwohl sich einige Gliedkirchen - insbesondere die russische - bemühen, seine Vorrechte so eng auszulegen wie nur möglich. Dem hochgebildeten Theologen, der sieben Sprachen fließend spricht, ist es gelungen, Brücken zu den anderen christlichen Kirchen und monotheistischen Religionen zu bauen. Im Juni 2004 hatte er als Gast von Papst Johannes Paul II. am römischen Patronatsfest Peter und Paul teilgenommen. Nun kommt dessen Nachfolger zum Andreas-Fest in den Phanar.

Bartholomaios I. wurde am 29. Februar 1940 als Dimitrios Archondonis auf der zur Türkei gehörenden Ägäis-Insel Imbros (Imroz) in bescheidenen Verhältnissen geboren. Sein Bruder hat noch heute einen kleinen Friseurladen. Der Patriarch ist türkischer Staatsbürger und Hauptmann der Reserve. Nach seiner Ausbildung an der (später von den türkischen Behörden geschlossenen) Theologischen Akademie auf der Prinzeninsel Halki (Heybeliada) im Marmarameer setzte er seine Studien in Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Griechenland fort. In Rom erwarb er das Doktorat an der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Nach der 1969 empfangenen Priesterweihe und einer Lehrtätigkeit wurde er Archimandrit und 1972 von Dimitrios I. mit der Leitung der Patriarchatskanzlei betraut. Seine diplomatische Gewandtheit und profunde Kenntnis der westlichen Kirchen ermöglichten ihm die Entfaltung umfassender ökumenischer Aktivitäten. Er führte den Vorsitz in den beiden wichtigsten interorthodoxen Kommissionen für die Vorbereitung des panorthodoxen Konzils bzw. für den Dialog mit den anderen christlichen Kirchen. Mehrmals kam er nach Österreich, um die Kontakte mit der von Kardinal Franz König ins Leben gerufenen Stiftung Pro Oriente zu pflegen, deren Protektor er ist, und Gastvorlesungen zu halten. (2004 stattete er Österreich einen offiziellen Besuch ab und empfing Ehrendoktorate in Wien und Graz.)

1973 zum Bischof geweiht, wurde Bartholomaios 1990 Metropolit von Chalcedon (Kadikoy), um im Oktober 1991 als das mit Abstand jüngste Mitglied des Heiligen Synods zum Nachfolger des verstorbenen Patriarchen Dimitrios gewählt zu werden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa hat der Phanar wesentlich an Einfluss gewonnen. Seine schärfsten Kritiker wie der verstorbene Patriarch von Jerusalem, Diodoros, haben Bartholomaios vorgeworfen, eine Machtposition "päpstlichen Zuschnitts" anzustreben.

Während der Kriege auf dem Balkan hatte der Patriarch immer wieder seine Stimme gegen alle Versuche erhoben, nationalistische Konflikte religiös zu legitimieren. Einen Rückschlag erlitten seine Bemühungen um Einheit und inneren Zusammenhalt der Orthodoxie durch einen Jurisdiktionskonflikt mit dem Moskauer Patriarchat um Estland, der mittlerweile bereinigt wurde. Auch ein Kompetenzstreit mit dem Athener Erzbischof Christodoulos, der vorübergehend zu dessen Exkommunikation führte, konnte beigelegt wurde. Schweren Belastungen war der Dialog mit Rom ausgesetzt. Die Orthodoxie warf dem Vatikan vor, in den ehemals kommunistisch regierten Ländern mit orthodoxer Mehrheitsbevölkerung "aufdringliche" Missionierung zu betreiben und mit den unierten Kirchen Parallelstrukturen zu errichten.

Traditionell heikel ist das Verhältnis zur Türkei, die den Patriarchen nur als religiösen Führer der winzigen griechischen Minderheit duldet. Mehrmals war der Phanar Ziel von Blockaden und Anschlägen islamistischer oder nationalistischer Extremisten. Seine Hoffnungen setzt Bartholomaios daher in die Europäische Union und "die europäische Perspektive" der Türkei. Das Patriarchat hat eine eigene Vertretung bei der EU in Brüssel. Auf Einladung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan konnte Bartholomaios kürzlich an der Präsentation der Zwischenbilanz des "Dialogs der Kulturen" teilnehmen, den Erdogan mit Spaniens Premier José Luis Rodriguez Zapatero initiiert hatte.

Da die orthodoxe Theologie die Mitverklärung der ganzen Schöpfung im Heilswerk Christi betont, setzt sich Bartholomaios besonders gegen die Umweltzerstörung ein. Der "grüne Patriarch" organisierte "schwimmende" Umweltschutzsymposien für das Schwarzen Meer, die Ägäis, die Donau, die Adria, die Ostsee und zuletzt den Amazonas, um den Dialog zwischen Wissenschaft und Religion zu fördern.

(apa/red)