Platten-Check von

Bruce Springsteen meldet sich
mit "High Hopes" zurück

Der Boss erfindet sich selbst trotz altem Material wieder ein Stückchen neu

Bruce Springsteen © Bild: Sony Music

Das neue Jahr fängt ja gut an. Zumindest für Bruce Springsteen-Fans. Der „Boss“ veröffentlicht sein bereits 18. Studioalbum „High Hopes“, das bereits mit Spannung erwartet wurde. Denn „High Hopes“ beinhaltet ein Sammelsurium an Kategorien: Coverversionen, Neuaufnahmen alter Songs sowie erstmalige Aufnahmen bereits von Springsteen gespielter Nummern finden sich auf der Platte. Alles wurde jedoch neu aufgenommen - zum größten Teil gemeinsam mit Tom Morello, seines Zeichens „Rage Against The Machine“-Gitarrist – und nun auch „Muse“ für Springsteen.

Nicht ganz zwei Jahre sind vergangen, seit Bruce Springsteens antikapitalistischer „Occupy“-Platte „Wrecking Ball“. Seitdem arbeitete der „Working Class Hero“ am laufenden Band: Er tourte nonstop rund um die Welt und wartete gar nicht erst das Tour-Ende ab, sondern begab sich bereits in Australien ins Studio, um dort gemeinsam mit Tom Morello, der als kurzzeitiger Ersatz für Springsteens langjährigen Begleiter und E Street-Gitarristen Steven van Zandt fungierte, um erste Songs für „High Hopes“ aufzunehmen. Morello sei es auch gewesen, der dem gesamten Projekt, so Springsteen, den „Push auf den nächsten Level“ versetzt habe.

Bruce Springsteen und seine "Muse" Tom morello
© Getty/Metcalfe Springsteen und seine "Muse" Tom Morello

Und es ist definitiv ein neues Level, auf das sich Springsteen mit „High Hopes“ trotz altem Material begibt. Die „Wrecking Ball“-Wut sowie die spirituelle Bekämpfung dieser scheint einer neu erwachten Lust an der Musik selbst gewichen zu sein. Und mit der Muse Morello an seiner Seite entdeckt Springsteen sich selbst auch nach 41 Jahren im Musikgeschäft wieder ein Stückchen neu.

Temporeicher Auftakt

Die erste Single und gleichzeitig Eröffnungssong, „High Hopes“, zeigt die Früchte dieser Kooperation deutlich: Die Tim Scott McConnell-Nummer, die Springsteen bereits 1995 mit der E Street Band aufgenommen hat, startet die Platte mit Vollgas und mixt rockig-alternative Parts mit typischen Springsteen-Bläsern und Background-Tönen – und macht neugierig auf mehr.

Mit „Harry’s Place“ wagt sich der Boss noch einen Schritt weiter auf ein für ihn eher ungewohntes Terrain: „Dreckig“ und durch das Bullet-Mikrophon gesungen klingt das erst 2007 für „Magic“ entstandene Outtake mysteriös; die 80er und „Miami Vice“ lassen grüßen. Ob dieser Schritt jedoch ein guter ist, darüber werden sich die Geister der Fans mit Sicherheit scheiden.

Schritt zurück

Den Schritt zurück in Richtung eigenes Territorium macht Springsteen mit „Heaven’s Wall“, eine Mid-Tempo-Nummer mit Bongos, Gitarren, Background-Gesang und sonstigem Groß-Einsatz, die manche Springsteen-Tracks auszeichnen, andere allerdings – darunter leider auch diesen – durch ein Zuviel an Getöse schlicht erdrücken. Unter ähnlichen Vorzeichen steht auch das schottisch anmutende „This Is Your Sword“, das jedoch aufgrund seiner eingängigen Melodie und etwas einheitlicherem Groß-Arrangement ohrenfreundlicher daherkommt.

Neue Töne, gemischt mit alten Rhythmen, die an “I’m on fire” erinnern, schlägt Springsteen mit dem ruhigen und gleichzeitig beunruhigenden “Down In The Hole” an, ein 9/11-Song, der im Zuge von “The Rising” entstand. Hier funktioniert die Melange aus alt und neu hervorragend.

Pop, Country und Walzer

Spätestens mit „Just Like Fire Would“, einem Cover der australischen Punkband “The Saints”, erobert der Boss die Herzen seiner “Jünger” zurück: Springsteen-Pop vom Feinsten. Ebenso erfreulich, schwungvoll und fröhlich kommt „Frenkie Fell In Love“ daher, eine Pop-Nummer mit Country-Einschlag zum Schunkeln und Mitsingen. Der ruhige Walzer mit Dylan-Einflüssen „Hunter of Invisible Game“ gestaltet sich als sanft wie eingängig.

Epos

Ruhige Passagen aber ganz und gar nicht sanft entpuppt sich die neue Version von „The Ghost of Tom Joad“. Der Springsteen-Klassiker schlüpft in ein gänzlich neues Gewand – ohne dabei seinen Stil zu verlieren. Gemeinsam mit Morello, der auch stimmlich zum Einsatz kommt, wird hier ein rockiges Epos über den Verlust des „American Dream“ geschaffen. Die Gitarrensoli gliedern sich hervorragend in die ruhigeren Passagen ein und geben dem Song neue Power – ohne jedoch den alten Charme zu verlieren.

High Hopes von Bruce Springsteen
© Sony Music Bruce Springsteens "High Hopes"

Ein Meisterwerk?

Mit „High Hopes“ zeigt Bruce Springsteen, dass er nicht nur ein politischer Botschafter, ein „Working Class Hero“ oder ein „American Guy“ ist, sondern vor allem ein Musiker, der auch nach Jahrzehnten immer noch Lust an musikalischen Experimenten und neuen Herausforderungen hat. Der jedoch gleichzeitig genug Reife und Erfahrung besitzt, sich – und wohl auch seinen Fans – dabei selbst immer treu zu bleiben. „High Hopes“ ist ein durchaus gelungenes Experiment, das durch Tom Morellos Beitrag tatsächlich auf einem anderen Level funktioniert als bisherige Springsteen-Musik, dabei will „anderes“ weder für „besser“ noch für „schlechter“ stehen. Ein neues Meisterwerk ist „High Hopes“ nicht, aber ein durchaus erfrischendes „Zwischenwerk“. Und sich als ohnehin längst etablierter Meister jedes Mal erneut selbst zu übertreffen, wäre wohl auch für einen Boss irgendwann langweilig.

Info:
Bruce Springsteen - "High Hopes"
Sony Music
VÖ-Datum: 10. Jänner 2014
iTunes

Kommentare