Brisante Mails zu Fall Kampusch: Aufklärung
von Pannen von Prokop-Kabinett verzögert?

Furcht vor Eklat verhinderte genaue Untersuchung Polizei in Widersprüche bei Priklopil-Alibi verstrickt

Brisante Mails zu Fall Kampusch: Aufklärung
von Pannen von Prokop-Kabinett verzögert? © Bild: APA/Matthias Silveri

Ein fragwürdiger Mailverkehr um eine angebliche Ermittlungspanne im Fall Natascha Kampusch sorgt für Aufregung: Jetzt wurde der Schriftverkehr zwischen dem Ex-Bundeskriminalamtschef Herwig Haidinger und dem Kabinettsmitglied von Innenministerin Liese Prokop, Bernhard Treibenreif, bekannt, in dem der BK-Chef auf eine Untersuchung der möglichen Fehler drängt, da dies "möglicherweise Auswirkungen hinsichtlich eines allfälligen Amtshaftungsanspruchs des Opfers" habe. Treibenreif zeigte sich dagegen bemüht, "die Sache ohne größere Eklats abzuschließen". Widersprüche ergeben sich im Nachhinein auch um ein angebliches Alibi Priklopils. Das Entführungsopfer forderte unterdessen eine "lückenlose Aufklärung".

Der dokumentierte Mailverkehr zwischen Haidinger und Treibenreif im Zeitraum von 28. August bis 26. September 2006 fördert zumindest aufklärungswürdige Anliegen des Kabinetts zutage. Haidinger weist wiederholt darauf hin, dass ein zweiter Tipp auf Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil, den ein Polizeihundeführer im Sicherheitsbüro abgab, offenbar nicht weiter verfolgt worden sei, und dass die Aufklärung dieser Frage auch für Kampusch Relevanz habe. Zweimal betont er, dass dies auf einen allfälligen Amtshaftungsanspruch der jungen Frau Auswirkungen habe und spricht an einer Stelle von seinem Eindruck, "dass hier 'etwas vertuscht' werden soll".

Treibenreif wiegelte dagegen ab: "Ich ersuche dich weiterhin - wie auch schon bisher zwischen uns vereinbart - unsere beiden Vereinbarungen in dieser Angelegenheit zu beachten. (...) Wir beide wissen, dass auch die mediale Präsenz bisher von Euch (...) sehr sehr gut abgearbeitet wurde. Deshalb immer wieder auch meine Versuche, die Angelegenheit ohne größere Eklats abzuschließen - wäre ja schade darum."

Was hinter dem Ersuchen steht, den Tipp des Hundeführers im Nachhinein nicht mehr zu untersuchen, liest sich nach Darstellung Haidingers in einem Mail an Treibenreif (26. September 2006) so: "Inhalt dieser Weisung war auch eine zeitliche Komponente: Nämlich bis zu den Nationalratswahlen damit zuzuwarten." Diese fand am 1. Oktober statt. Treibenreif war am Donnerstag für keine Stellungnahme zu erreichen.

Platter verspricht "vollständige Aufklärung"
Innenminister Günther Platter versprach eine "vollständige und lückenlose Aufklärung". Er stellte sich zudem hinter seine Beamten: Die Polizei habe exakt gearbeitet, "wenn man einen Fall nachkonstruiert, der bereits abgeschlossen ist, dann ist es einfach, logische Schlüsse zu ziehen". Der Hundeführer sei außerdem bereits früher einvernommen worden, als dies Haidinger darstellte, so der Minister. Dies sei bereits am 23. August 2006 geschehen. "Es wird so getan, als würde die Polizei nichts arbeiten."

Widersprüche bei Priklopil-Alibi
Unbeantwortet blieb bis auf weiteres die Frage nach dem angeblichen Alibi Priklopils: Als die zuständigen Kriminalbeamten des Wiener Sicherheitsbüros den Verdächtigen in seinem Haus in Strasshof genau fünf Wochen nach dem Verschwinden des Mädchens zu dem Fall befragten, gab er laut Polizeiprotokoll an, "am 2.3.1998 den ganzen Tag zu Hause gewesen zu sein. Er war alleine und kann er daher kein bestätigtes Alibi anbieten". Anders lautete die Darstellung nach dem Auftauchen des Mädchens im Jahr 2006, wie sich in der APA-Datenbank vom 25. August des Jahres nachlesen lässt: "Dass Ermittlungspannen passiert seien, wiesen Innenministerin Liese Prokop und SOKO-Chef Nikolaus Koch in einer Pressekonferenz zurück. Der Tatverdächtige habe ein Alibi vorweisen können, sagte der Generalmajor." Koch war für keine Stellungnahme zu erreichen.

Natascha Kampusch wieder gefasster
Der Anwalt von Natascha Kampusch, Gerald Ganzger, ging nicht davon aus, dass man seine Klientin um einen möglichen Schadenersatz bringen wollte, wie er sagte. "Wie es Haidinger geschildert hat, dürfte es politische Gründe gehabt haben", so Ganzger zur APA. Auszuschließen sei jedenfalls nichts. Natascha Kampusch sei nach dem Schock nun schon "gefasster und fordert zu Recht lückenlose Aufklärung".Vorstellungen von möglichen Schadenersatzforderungen gebe es zwar, die werde man aber nicht kommunizieren.

Staatsanwalt vernimmt Haidinger
Die Staatsanwaltschaft wird Haidinger diese Woche einvernehmen. Die Anklagebehörde hatte bereits im vergangenen Sommer Erhebungen in die Wege geleitet, als Haidinger von jedenfalls in seinen Augen bedenklichen Weisungen berichtete. Haidinger soll damals jedoch weit weniger konkret geworden sein als nun im Innenausschuss, weshalb sich der Verdacht des Amtsmissbrauchs nicht erhärten ließ.

Der ÖVP-Abgeordnete Helmut Kukacka forderte eine Auskunft vom früheren Innenminister Karl Schlögl. Dieser sei schließlich 1998 im Amt gewesen.
(apa/red)