Brasiliens Teamchef kann nur verlieren:
Dunga erfolgreich und trotzdem unten durch

Weil Defensivtaktik - "Wir spielen wie die Deutschen" Weltmeistermannschaft von 1994 schon vergessen

Brasiliens Teamchef kann nur verlieren:
Dunga erfolgreich und trotzdem unten durch © Bild: GEPA/Witters

Wie auch immer Brasilien bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika abschneiden wird, die öffentliche Meinung im eigenen Land wird Carlos Dunga offenbar nicht zufriedenstellen können. Nach der verkorksten WM 2006 trat der 46-Jährige sein Amt als Teamchef des Rekordweltmeisters an, gewann 2007 die Copa America, 2009 den Confederations Cup und schaffte souverän die Qualifikation für die Endrunde - dennoch schallen bei Heimspielen der Brasilianer immer wieder Schmährufe gegen den Trainer durch die Stadien.

Auch bei fast allen der mehr als 300 mitgereisten Medienvertretern ist Dunga unten durch. Laut Osvaldo Pascoal von "Radio Globo" ist die gegenseitige Aversion schon vor 20 Jahren entstanden. Bei der Endrunde 1990 scheiterte Brasilien im Achtelfinale mit 0:1 am Erzrivalen Argentinien, der damalige Mittelfeldspieler wurde als Hauptschuldiger auserkoren. Das Verhältnis besserte sich auch 1994 nicht, obwohl die "Selecao" mit Dunga als Kapitän den Titel holte. "Er hat uns den WM-Pokal entgegengestreckt und gehöhnt: 'Das ist für euch'", erinnerte sich Pascoal.

An die Art und Weise, wie sich Brasilien damals zum Weltmeister krönte, denkt man am Zuckerhut nicht gerne zurück. "Diese Mannschaft hatte keine Magie, da war kein Samba, kein Rhythmus", sagte Pascoal.

Offensivfußball gefordert
Als brasilianischer Teamchef muss man nicht nur den WM-Titel holen, man muss ihn auch noch mit spektakulärem Offensiv-Fußball holen, und genau dagegen verwehrt sich der frühere Stuttgart-Legionär Dunga. "Bei ihm steht nur das Resultat im Mittelpunkt, die Defensive, die Taktik, die Organisation, die Disziplin. Er ist eigentlich mehr Europäer als Brasilianer", vermutete der Radio-Reporter.

Diese Meinung vertritt auch Robson Morelli von der brasilianischen Tageszeitung "O Estado de Sao Paulo". "Dunga hat lange in Deutschland gespielt, das merkt man. Wir spielen nicht typisch brasilianisch, wir spielen wie die Deutschen", ärgerte sich der Journalist, der die Beziehung zwischen Dunga und den Journalisten als "schrecklich" bezeichnete und seiner Mannschaft in Südafrika nicht viel zutraut. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Weltmeister werden."

Sollte Dunga mit Brasilien der von den Buchmachern zugedachten Favoritenrolle doch gerecht werden, würde das wohl nichts an seinem Status bei Fans und Reportern ändern. "Wenn wir die WM gewinnen, werden die Leute kurz glücklich sein. Aber das waren sie auch 1994, und diese Mannschaft ist längt vergessen", erklärte Pascoal.

(apa/red)