Brasiliens Schlafwagen-Fußball bestraft: Frankreich führte den WM-Favoriten vor

Zidane & Co mausern sich zum Titelkandidaten Ronaldo macht weiter: "Kein Grund aufzuhören"

Brasiliens Superstars sind erneut von Frankreich entzaubert worden. Seit dem Finale 1998 gegen die Franzosen hatten die Brasilianer elf WM-Spiele in Serie gewonnen. Im Viertelfinale war Endstation, der Topfavorit aus dem Rennen um seinen sechsten Weltmeistertitel. Wieder gegen Frankreich, wieder nach einer Galavorstellung von Spielmacher Zinedine Zidane, wieder ohne selbst ein Tor erzielt zu haben.

"Wir sind sicherlich nicht zu früh aus dem Turnier ausgeschieden, aber gerechnet haben wir noch nicht damit", erklärte Brasiliens Nationalcoach Carlos Alberto Parreira, nachdem sein Team von den Franzosen phasenweise vorgeführt worden war. Die Südamerikaner wurden im Duell der beiden vergangenen Weltmeister entthront, verloren gegen "Angstgegner" Frankreich zum dritten Mal in Folge nach 1986 und 1998 ein WM-Spiel.

Schon ins WM-Finale 1998 waren die Franzosen als Außenseiter gegangen, spazierten aber ebenso wie im Viertelfinal-Schlager in Frankfurt als verdienter Sieger vom Platz. "Das war eine großartige Leistung. Es gibt kaum Worte, das auszudrücken. Das Auftreten der Mannschaft war außergewöhnlich, wir haben uns noch einmal gesteigert", resümierte Frankreich-Teamchef Raymond Domenech. "Das sind die großen Momente des französischen Fußballs."

Samba-Stars kommen nicht zum Tanzen
Dieser scheint aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, in den er nach dem EM-Titel im Jahr 2000 gefallen war. 2002 in Japan und Südkorea war die "Equipe Tricolore" als amtierender Weltmeister noch torlos in der Vorrunde ausgeschieden. "Nach dieser harten Erfahrung haben wir bewiesen, dass wir kein Müll sind", erklärte Goalgetter Thierry Henry, der den 1:0-Sieg gegen Brasilien mit seinem dritten Turniertreffer perfekt gemacht hatte.

"Zidane und Henry ist heute einfach alles aufgegangen", meinte Parreira - erstmals sogar in Co-Produktion. Kurioserweise war der Freistoß, den Zidane in Minute 57 auf das lange Eck zirkelte und den Henry volley verwertete, das erste Assist des einen auf den anderen französischen Superstar. 106 Länderspiele hat Zidane bestritten, Henry 83 - zuvor hatte die Kombination aber noch nie funktioniert.

Doch auch der Rest des Teams zeigte seine Klasse. Die brasilianische Offensivmaschinerie kam nie ins Laufen, zu dominant waren Patrick Vieira und Claude Makelele im defensiven Mittelfeld. "Wir hatten Schwierigkeiten, überhaupt in den Strafraum zu kommen", gestand der brasilianische Teamchef. Frankreich präsentierte sich in seiner Kompaktheit als Titelanwärter, die Leistung war eine der besten einer Mannschaft bei dieser WM.

Schwach gestartet, stark gesteigert
Dabei waren die Franzosen alles andere als gut in die Endrunde gestartet, retteten sich nach einem Entscheidungsspiel gegen Togo (2:0) als Gruppenzweiter hinter der Schweiz ins Achtelfinale. Dort begann der Siegeszug. Erst räumten die "Grande Nation" den Mitfavoriten Spanien (3:1) und dann den Topfavoriten Brasilien aus dem Weg - keine leichte Auslosung.

Als nächster Gegner wartet am Mittwoch in München Portugal auf Domenech ("Wir haben ein ganz klares Ziel und das heißt Finale") und seine Equipe, die durchschnittlich älteste der WM. "Gegen Portugal ist es genauso wenig leicht zu gewinnen wie gegen Brasilien", warnte der Nationaltrainer. "Das ist auch eine brasilianische Mannschaft." Aber diese dürften den Franzosen ohnehin ganz gut liegen - 1986, 1998, 2006.

Ronaldo macht weiter: "Kein Grund aufzuhören"
Ronaldo will unterdessen seine Karriere in der brasilianischen Nationalmannschaft fortsetzen. "Es gibt überhaupt keinen Grund aufzuhören, nicht mehr für die "Selecao" zu spielen". Ronaldo hatte im vergangenen Sommer angekündigt, nach der WM jüngeren Spielern Platz zu machen, später aber diese Aussage revidiert. "Wenn sie mich wollen, stehe ich weiter zur Verfügung", sagte Ronaldo.

Der Angreifer hatte mit drei Toren den bisherigen Rekordtorschützen Gerd Müller (14) übertrumpft und seine Bilanz auf 15 Treffer ausgebaut.

(apa/red)