Brandneues Album von Blumfeld : Diskurs-Rocker spielen mit "Verbotenen Früchten"

Polarisierender Soundtrack um "Neue Bürgerlichkeit" Für Großstadtromantiker, die vom Land träumen

Brandneues Album von Blumfeld : Diskurs-Rocker spielen mit "Verbotenen Früchten"

"Verbotene Früchte" serviert die deutsche Band Blumfeld auf ihrem neuen Album, das jetzt im Handel erhältlich ist (Sony BMG). Die Väter des deutschen Diskurs-Rocks überraschen dabei mit einer Mischung aus Natur- und Tierlyrik und polarisieren einmal mehr ihre Fangemeinde. Viel ist derzeit im deutschsprachigen Feuilleton von neuer Bürgerlichkeit, Biedermeier und "Neospießertum" zu lesen, Blumfeld liefern mit "Verbotene Früchte" den Soundtrack zur Debatte. Im Mai gastiert die Gruppe in Graz, Linz und Wien.

Möwen und Krähen, Pferdchen und Bienen, Löwen und Mondfische, werden da ebenso besungen wie Apfelbäume und Rhododendren, Alpenveilchen und Vergissmeinnicht oder gleich ganze Wälder und sprudelnde Bäche. Arche Noah und Garten Eden musikalisch aufbereitet für das neue Biedermeier. "Mir geht es nicht um die Beschreibung eines idyllischen Raums. Mich interessiert eher die Frage, wie fließend die Übergänge zwischen Natur und Kultur tatsächlich sind", meint Bandleader und Sänger Jochen Distelmeyer dazu in Interviews.

Während es bei T.S. Elliot noch hieß, dass April "the cruelest month" (der grausamste Monat) sei, schält Dichter Distelmeyer die Idylle aus April heraus. "Um diese Zeit, wie jedes Jahr, Sind alle Vögel wieder da, Und singen: Gestern Heute Morgen, Hoffnungen und Sorgen, Wechselspiel der Formen im April, Farbenfeuerwerke im April", singt der charismatische Kopf von Blumfeld (der Name der Band stammt von Franz Kafkas Erzählung "Blumfeld, ein älterer Junggeselle"), der in den vergangenen Jahren eine Wandlung vom Adorno zum Novalis des deutschen Rock-Pop vollzogen hat.

Mit einer Mischung aus kopflastigem Diskurs-Rock und elegischem Romantik-Pop polarisierte Blumfeld schon bisher das Publikum. Während sich die Vertreter der so genannten Hamburger Schule in der ersten Hälfte der neunziger Jahre mit den Alben "Ich-Maschine" und "L'Etat et moi" als Helden des intellektuellen Diskurses inszenierten, verabschiedete sich die Gruppe in den vergangenen Jahren zusehends vom Pathos der Gesellschaftskritik und reüssierte mit lyrischen Romantik-Songs. Nicht allen Fans freilich behagte diese akustische Banalität des Guten. Bereits das 2003 lancierte Album "Jenseits von Jedem" sorgte für zwiespältige Reaktionen.

Nun legt Blumfeld nach und entzieht sich abermals allen von der Band gewünschten und geforderten Pop-Konventionen. Die existenzialisten-schwarz gekleideten Bedenkenträger des deutschen Großfeuilletons schlagen dazu die Hände über dem Kopf zusammen. "Ist er jetzt irre, der Distelmeyer? Wiedergeborener Christ? Oder bloß Vater geworden?", heißt es dort.

Die gesellschaftskritischen Sprechkaskaden der frühen Jahre sind gefühlvollen Liebesliedern und nun ebenso elegischen Naturbeschreibungen gewichen. Blumfeld und Distelmeyer meistern dabei auch diesmal den schmalen Grat zwischen Kitsch und Lyrik und stürzen auf ihrem eskapistischen Pfad nicht in die Peinlichkeit ab. Gerade richtig für Großstadtromantiker, die sich nach einer Landpartie sehnen. Es bleibt also dabei: Blumfeld gehört zum Besten, was die deutschsprachige Musikszene zwischen Elbe, Spree und Donau, zwischen Watt und Alpen derzeit zu bieten hat.

(apa/red)