Brexit von

Boris Johnson: So verrückt
ist der britische Premier

Boris Johnson © Bild: APA/AFP/POOL/Frank Augstein

Boris Johnson ist vor allem als knallharter Brexit-Befürworter bekannt. Er will so schnell wie möglich raus aus der EU. Derzeit versucht der britische Premier gerade verzweifelt einen für Großbritannien akzeptablen Deal auszuhandeln. Um das zu bewerkstelligen, hat sich der 55-Jährige seit seinem Amtsantritt am 24. Juli 2019 – und auch davor – bereits einige skurrile Handlungen und Aussagen erlaubt.

Die Wähler lieben ihn oder hassen ihn. Vor laufender Kamera wünschte ihm eine britische Bürgerin einmal: "Viel Glück mit ihren absurden Ideen". Worauf Boris Johnson mit einem Schmunzeln antwortete: "Vielen Dank". Er inszeniert sich gerne als Spaßmacher und scheut dabei selbst Fettnäpfchen nicht. Ob nun Kalkül oder nicht, ist er immer wieder für eine rhetorische Wuchtel zu haben. Und auch wenn er dafür von vielen seiner politischen Kollegen in Europa belächelt wird, hat ihn seine Art immerhin bis zum Posten des britischen Premierministers gebracht.

1. "Wir schaffen das"

Aktuell regt Johnsons geplante Suspendierung des Parlamentes von Mitte September bis 14. Oktober auf. So will er die Abgeordneten an der Blockade des Brexits hindern, der am 31. Oktober erfolgen soll. Über eine Million Menschen sprachen sich via Online-Petition gegen die Maßnahme aus. Die Endgültige Entscheidung darüber oblag Queen Elizabeth II., welche die vorübergehende Parlamentsschließung genehmigt hat. Seine Einstellung, den Brexit notfalls ohne Deal mit der EU zu verlassen, halten viele für verrückt.

Erst Ende August war Johnson im Zuge der Brexit-Verhandlungen zu Gast bei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dort betonte er, dass ihm ein verhandelter Austritt aus der EU lieber wäre. Und setzte noch einen drauf. Auf Deutsch sagte er in Richtung der Kanzlerin: "Wir schaffen das ... Oder so heißt doch die Phrase?" Damit spielte er auf Merkels Motto während der Flüchtlingskrise 2015 an. Diese Wortwahl entlockte sogar Angela Merkel ein Schmunzeln.

Angela Merkel und Boris Johnson
© APA/AFP/John MACDOUGALL Angela Merkel und Boris Johnson

Merkel zeigte aber im Anschluss seiner Rede deutlich, dass sie sich von seiner Rhetorik nicht aus der Fassung bringen lässt. Auf Johnson Forderung, dass der sogenannte Backstop, der Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland verhindern soll, gestrichen werden muss, antwortete die Kanzlerin eloquent: Man sei bisher davon ausgegangen, eine endgültige Lösung in den nächsten zwei Jahren zu finden. "Aber man kann sie vielleicht ja auch in den nächsten 30 Tagen finden. Warum nicht? Dann sind wir ein ganzes Stück weiter", sagte Merkel.

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2. Peinliche Räucherfisch-Panne

Boris Johnson mit einem Kipper.
© Dan Kitwood/Getty Images

Der Räucherhering, auch Kipper genannt, ist eine britische Spezialität, mit der sich Johnson vor einigen Wochen beim Wahlkampf um das Amt des britischen Premiers eine peinliche Situation manövrierte. Bei einer Wahlkampfrede vor Mitgliedern der konservativen Partei fuchtelte der EU-Skeptiker mit einem in Plastik verpackten Kipper in der Hand herum und wetterte gegen die "Brüsseler Bürokraten". Dieser Räucherhering sei von einem "sehr wütenden" Fischer auf der Insel Isle of Man hergestellt worden, wie Johnson mitteilte. Laut EU-Regelung dürfe der Fisch jetzt nur noch mit einem Eiskühlkissen verkauft werden. Das sei "sinnlos, teuer und umweltschädlich". Jahrzehntelang hätte der normale Postweg ausgereicht. Den Fischern würden so enorme Kosten entstehen.

Die EU-Kommission ließ diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen und konterte. Die von Johnson angesprochene Regulierung betreffe eine Vorschrift der britischen Regierung, die besagt, dass Lebensmittel, die einer Kühlung bedürfen, während des Transportes - potenziell mit einem Kühlgel oder einer Kühltasche - kühl gehalten werden müssen. Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte dazu: "Der von Herrn Johnson beschriebene Fall fällt außerhalb des Geltungsbereiches der EU-Gesetzgebung und liegt ausschließlich in der Zuständigkeit des Vereinigten Königreichs." Daher seien etwaige Beschwerden an die nationalen Behörden zu richten. Es gebe zwar strenge Regeln in der EU für den Transport von frischem Fisch, das betreffe allerdings nicht verarbeitete Fischprodukte wie in diesem Fall.

3. Protoplasmatische Quallen

Noch in seiner Funktion als Bürgermeister von London bezeichnete er 2013 die Mitglieder der London Assembly, eine Legislativbehörde zur Überwachung der Amtsgeschäfte des Bürgermeisters, als "große, träge, protoplasmatische, wirbellose Quallen" ("great supine protoplasmic invertebrate jellies").

Boris Johnson G7 Gipfel
© APA/AFP/POOL/NEIL HALL

4. Britischer Trump?

Kritiker sehen in Johnson vor allem einen Dampfplauderer. In seiner Zeit als Londoner Bürgermeister hat er keine großen Kampagnen oder Veränderungen angestoßen. Erst als die Sprache auf das Thema Brexit kam, engagierte sich Johnson erstmals augenscheinlich für eine Sache. Aufgrund seiner markigen Sager und teils unvorhersehbaren Aktionen wird er gerne mit US-Präsident Donald Trump verglichen - sogar von diesem selbst. "Sie nennen ihn den britischen Trump", sagte der US-Präsident im Zuge der Ernennung von Johnson zum Premierminister (siehe Tweet) .

Dennoch ist der britische Premier ein anderer Typus als Trump: Seine Ansichten sind liberaler, er ist kein Migrations-Hardliner, akzeptiert den Klimawandel als reale Gefahr und zumindest als Bürgermeister von London stand er der gleichgeschlechtlichen Ehe positiv gegenüber.

5. Reinkarnation als Olive

Boris Johnson
© APA/AFP/POOL/Ludovic MARIN

Wurde er vor seiner Zeit als Premier gefragt, ob er sich vorstellen könne, diesen Posten einmal zu bekleiden, lautete eine seiner Standard-Antworten: "Ich habe größere Chancen als Olive wiedergeboren zu werden." Bei anderen Gelegenheiten antwortete er, es sei wahrscheinlicher "von einer fliegenden Frisbeescheibe enthauptet zu werden", von einem "Champagnerkorken zu erblinden" oder "in einem unbenutzten Kühlschrank eingesperrt zu sein". Auf die Frage "Würden Sie gerne Premierminister werden?" gab er in einem TV-Interview zurück: "Also, ich würde gerne Leadsänger einer Rockband sein."

Damals wollte Johnson der Öffentlichkeit weismachen, dass er sich den Posten gar nicht wünscht. Trotz - oder gerade wegen? - seiner gefinkelten Wortspiele ist Johnson am Ende nun Premierminister von Großbritannien.

Boris Johnson
© Ben Pruchnie/Getty Images

Boris Johnson betätigt sich auch fleißig als Autor. Sein Buch "The Dream of Rome" über das römische Imperium und die EU finden Sie hier.

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