Bolt stößt die Tür in ein neues Zeitalter auf:
Imposanter Rekordlauf lässt auf mehr hoffen

"Die Leute sagen, 9,60 Sek. wäre möglich gewesen" Johnsons Weltrekord über 200 m wackelt gewaltig

Bolt stößt die Tür in ein neues Zeitalter auf:
Imposanter Rekordlauf lässt auf mehr hoffen © Bild: AP/Inouye

Im Blitzlichtgewitter ist Usain Bolt der schnellste Flash gewesen. Niemals zuvor lief ein Mensch die 100 Meter in so kurzer Zeit, und kaum jemals zuvor war man sich so sicher, dass da einer bald in eine völlig neue Dimension vorstoßen wird. Die Tür dazu hat der 1,96 m große jamaikanische Leichtathlet im olympischen Sprint-Finale von Peking mit 9,69 Sekunden aufgemacht. Wäre er nicht an der Pforte zum Winken kurz stehen geblieben, hätte die neue Zeitrechnung wohl schon begonnen, so aber musste ein Hauch Bolt fürs Erste genügen.

Aber nicht die 9,69 Sekunden sorgten für einen gehörig lauten Rumpler in der Sport-Welt, denn mit der Verbesserung des kaum altgewordenen Weltrekordes von 9,72 durfte man spekulieren. Von wem auch immer. Vielmehr war es die Frage, wohin das, was da im Ansatz passierte, führen hätte können. 9,55 meinte Marc Burns, der Athlet aus Trinidad, der als Endlauf-Siebenter nur nachschlürfen und staunen konnte. Auf Zeiten-Spielereien will sich Bolt nicht einlassen. "Die Leute sagen, 9,60 wäre möglich gewesen. Ich kann das nicht kommentieren. Ich wollte nur gewinnen, wollte Olympiasieger werden. Das alleine war mein Ziel", wurde Bolt, der am 21. August erst 22 Jahre wird, nicht müde, mehrmals zu wiederholen.

Start über 100 m lange ungewiss
Dass Bolt über die kurze Sprintstrecke überhaupt am Start war, dafür zeichnet Trainer Glen Mills verantwortlich, dieser erteilte Anfang Juni nach dem Weltrekordlauf in New York die Freigabe für den Doppelstart. Denn eigentlich priorisiert Bolt die 200 m, mit 19,67 Sekunden führt er die Jahresweltbestenliste an.

Mit 15 Jahren hatte er zu Hause in Kingston Junioren-WM-Gold über 200 m gewonnen und auch vielversprechende Ansätze gezeigt, ein guter 400-m-Läufer zu werden. Seine Olympia-Hoffnungen vor vier Jahren in Athen waren wegen einer Beinverletzung zerstört worden, bei der WM 2007 in Osaka musste Bolt sich mit Silber über 200 m hinter Tyson Gay begnügen. Der US-Amerikaner war am Samstag bereits im Halbfinale ausgeschieden und hatte ebenso enttäuscht wie der frühere Weltrekordler Asafa Powell als Finalfünfter.

200-m-Weltrekord wackelt
Ein Bolt in dieser Ausnahmeform gefährdet natürlich auch den 200-m-Weltrekord von Michael Johnson, die 19,32 Sekunden, die bereits seit zwölf Jahren, seit Olympia 1996 in Atlanta, bestehen, könnten fallen. Johnson rechnet fast damit. "Ich bin bereit, mich von ihm zu verabschieden, wenn Bolt so weiter macht wie bisher", hatte der US-Amerikaner bereits im Juni gesagt. Doch der Jamaikaner, der mit dem ersten Sprint-Gold für sein Land Geschichte schrieb, denkt nur an die Goldmedaille. "Ich will ausführen, wofür ich das ganze Jahr gearbeitet habe. Über Zeiten mache ich mir keine Gedanken. Ich habe in der Zukunft noch so viel Zeit dafür."

Es wäre das erste Sprint-Double im Zeichen der Fünf Ringe seit Carl Lewis 1984 in Los Angeles. Weltrekorde über 100 und 200 m an ein und demselben Olympia-Schauplatz hatte es bereits zweimal geben, 1968 in Mexiko von Jim Hines (100 m) und Tommie Smith (200 m) sowie 1996 von Donovan Bailey (100 m) und Michael Johnson (200 m).
(apa/red)