Boku-Wissenschafter warnt Europa vor Abschottung in Gentechnik-Landwirtschaft

"Ernährung ohne Gentechnik ist kaum mehr möglich!" Appell: Verbraucher sollen selbst entscheiden

Peter Ruckenbauer, ehemaliger Professor für Pflanzenzüchtung an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien, warnt vor einer Abschottung der EU beim Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen. "Wir dürfen uns nicht völlig abschotten. Der Konsument soll entscheiden, ob er Anti-Matsch-Tomaten möchte oder Bio-Paradeiser", so der bekennende Gentechnik-Befürworter in einem Bericht der Agrar-Monatszeitung "Blick ins Land".

Europas Agrarwirtschaft ohne Gentechnik wäre ein schwerer Nachteil, auch für den Wissenschaftsstandort Österreich, so Ruckenbauer, der unter anderem in Deutschland, Großbritannien, den USA, Guatemala und Argentinien forschte und lehrte und ab 1990 das Interuniversitäre Forschungsinstitut für Agrarbiotechnologie (IFA) in Tulln leitete. Seiner Meinung nach sei vor allem bei Getreide ein Nebeneinander von Biolandbau und GVO-Kulturen möglich, bei Mais könnte es dagegen Probleme geben.

Kaum Vorteile für Gentech-Pflanzen
GVO-Pflanzen haben keinen Selektionsvorteil, betonte Ruckenbauer. Die Angst, dass sich transgene Pflanzen etwa mit Unkräutern laufend bastardieren, sei unbegründet. In Dänemark wurde GVO-Raps über zehn Jahre hinweg mit konventionellem Raps immer wieder nachgebaut. Am Ende habe man keine einzige transgene Pflanze mehr gefunden: "Das hat sich ausgekreuzt und ist verschwunden. Transgene Typen haben unter den natürlichen Bedingungen keinerlei genetisch bedingte Vorteile", so der Wissenschafter im "Blick ins Land".

Kaum gentechnikfreies Tierfutter am Weltmarkt
Das Problem der Auskreuzung werde man nicht verhindern können, gibt Ruckenbauer zu. Der Pollen von GVO-Mais oder Raps erreiche natürlich auch Felder mit nicht transgenen Sorten. Wenn der Markt GVO-freie Produkte verlange, braucht man ein geschlossenes Produktionsgebiet: "Das kann man in Österreich machen, etwa im Pinzgau mit Milch und Fleisch, wo keine Import-Futtermittel verwendet werden", sagte er und erinnerte gleichzeitig daran, dass man heute am Weltmarkt nur sehr schwierig GVO-freies Futter einkaufen könne.

Fremd-DNA im Bier
Ernährung ohne Gentechnik sei heutzutage kaum mehr möglich, räumte der Boku-Professor ein. Wer heute ein großes Bier trinke, schlucke auch ein Gramm Fremd-DNA. Bierhefen würden immer wieder gentechnisch stabilisiert. Gleiches gelte für Backhefe für Brotteige oder transgenes Thymosin für die Käseproduktion, auch für Bioware.

"Müssen nehmen, was übrig bleibt
Vorerst keine GVO sei in Europa aber beispielsweise bei Getreide und Hackfrüchten nötig. Zur Produktion von Biodiesel werde man aber auf Gentechnik zurückgreifen müssen, weil Raps vier bis fünf Mal im Jahr mit Insektiziden gegen Schädlinge behandelt werden müsse. Bei Mais werden vor allem die Entwicklungsländer auf insektenresistente GVO-Sorten zurückgreifen. Ohne GVO werde man auch bei Gemüse nicht auskommen: Nachdem Österreich bei Ölpflanzen oder Gemüse selbst keine Züchtung habe und auf ausländische Sorten angewiesen sei, "müssen wir nehmen, was übrig bleibt". Und die großen Saatgut-Konzerne würden auf Österreich bald keine Rücksicht mehr nehmen. (APA/red)