Interview von

"Der Frauenkörper ist politisch!"

Ina Holub über Schönheitsideale, Sexismus und Systemkritik

Interview - "Der Frauenkörper ist politisch!" © Bild: Ina Holub

Ina Holub ist Stylistin, Make-Up-Artist, Plus-Size-Model, Shopbesitzerin und Body-Positivity-Aktivistin. Eine Bewegung, die sich gegen gängige Schönheitsideale auflehnt und den Körper in all seinen Erscheinungsformen zelebriert. Im Interview mit News spricht sie über die gesellschaftliche Diskriminierung dicker Frauen, ihre eigene Art der Rebellion und warum sie kein Problem damit hat "fette Emanze" genannt zu werden.

Ina, wie sind Sie zur Body-Positivity-Bewegung gekommen?

Ina: Ich war mein ganzes Leben lang dick. Lange habe ich gedacht, dass das mein Fehler ist. Dass ich falsch bin. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass ich mich selbst eigentlich ganz gut finde. Und es nur die Gesellschaft ist, die mir erklärt, dass ich ein Problem hätte. Dafür, was die Gesellschaft empfindet, bin ich aber nicht verantwortlich.

Was hat Ihnen dabei geholfen, das so zu sehen?

Auf jeden Fall Burlesque, eine sehr körperbetonte Tanzart. Aber auch das Internet. Durch verschiedene Blogs, Foren und Soziale Medien, habe ich gemerkt, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Die meisten Erfahrungen von dicken Frauen ähneln sich tatsächlich sehr. Auch das hilft zu erkennen, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt und nichts Persönliches ist.

Was meinen Sie damit?

Worte wie "dick" oder "fett" sind neutral. Wie oft wurde ich in meinem Leben schon fett genannt – und nicht auf die positive Art. Bis ich draufgekommen bin: "Ja ich bin fett. Aber ich habe auch schwarze Haare." Fett, das ist nur ein Eigenschaftswort. Ein Wort, das gesellschaftlich negativ besetzt wurde, um Machtverhältnisse zu erhalten und zu unterdrücken. Denn was ist wirkungsvoller für das Patriarchat als wenn Frauen damit beschäftigt sind, sich darum zu kümmern, dass sie zu fett sind. Da steckt Politik dahinter.

© Ina Holub

Und die Body-Positivity-Bewegung stellt sich da dagegen?

Ja. Es ist eine Bewegung die, alles, was gesellschaftlich negativ konnotiert ist, positiv neu bewerten will. Ob extrem dünn oder extrem dick - egal, alles ist okay. Alles, was eben auch nur irgendwie aus der Norm fällt.

»Body Positivity ist eine Bewegung für alles, was aus der Norm fällt«

Das können auch rote Haare sein. Oder, wenn eine Frau 1,90 groß ist. Oder behindert. Da geht es nicht nur um dick und dünn. Wobei zu dünn natürlich immer noch gesellschaftlich akzeptierter ist als zu dick.

Dünn-Sein bedeutet in unserer Gesellschaft ja auch immer Schön-Sein. Warum eigentlich? Marilyn Monroe trug Größe 42 und war das Sexsymbol schlechthin.

Das hat sich auf jeden Fall gewandelt. In Gesellschaften, in denen es den Menschen gut geht, wird es höher bewertet, wenn Menschen absichtlich auf Konsum und Essen verzichten. Disziplin gilt als Tugend. Umgekehrt sind die Dicken immer undiszipliniert und faul. Das stimmt so einfach nicht.

Statistiken zeigen, dass die meisten Frauen Größe 40 tragen. In Shops fangen die Größen bei 32 an und hören bei 42/44 auf. Wie kann man sich das erklären?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Natürlich passiert das alles nicht so ganz zufällig. Etwa zu sagen "Du hast nicht die Beine für diesen Rock" ist ja wieder nur ein Machtinstrument. Denn wenn sich Frauen, die dick sind, nicht ordentlich anziehen können, nimmt das natürlich viel Macht weg. In meinem Shop führe ich bis Größe 60. Und das wird auch gekauft.

© Ina Holub

Was sind Ihre Erfahrungen mit Frauen, die in Ihren Laden kommen?

Kundinnen sagen mir, dass sie sich nicht in normale Geschäfte trauen. Weil sie Angst haben. Vor Blicken. Vor Kommentaren. Das ist furchtbar. Aber verständlich. Denn wenn einem immer gesagt wird, dass man falsch ist, kann man nicht einfach erhobenen Hauptes durchs Leben spazieren.

Was finden Sie an Menschen schön?

Schön sind für mich Menschen, wenn sie offen, politisch und reflektiert sind. Wenn sie zum Beispiel sensibilisiert gegenüber der Tatsache sind, dass wir in einem Patriarchat leben. Aber natürlich bin ich auch selbst gefangen in Strukturen, die mir früh durch Sozialisation eingeimpft wurden. Sich dem zu stellen ist nicht einfach. Oft auch sehr anstrengend.

Die deutsche Tageszeitung "Die Welt" schreibt "Alles schön zu finden ist ein Wahn" und Body Positivity sei kein Beitrag zu einer besseren Welt. Was sagen Sie dazu?

Bei Body Positivity geht es nicht darum, dass jeder alles schön finden muss. Sondern dass Menschen, die ihr ganzes Leben lang von der Gesellschaft gehört haben, dass sie nicht schön sind, sich trotzdem als schön empfinden können. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass bezeichnenderweise "Die Welt" denkt, dass sie darüber urteilen muss.

Wie reagiert die "Welt" auf Sie?

Unterschiedlich. Mittlerweile besser. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich selbstbewusster geworden bin. Ich verstecke mich nicht mehr und stelle mich nicht mehr an den Rand der Gesellschaft. Ich gehe offen damit um und nehme auch viel vorweg, indem ich zum Beispiel sage: "Ja ich bin fett. Und habe voll Cellulite." Also was soll man mir dann noch sagen?

»Wenn man mich als 'fette Emanze' beschimpft, kann ich nur sagen: 'Ja das stimmt'«

Wenn man mich als "fette Emanze" beschimpft, kann ich nur sagen: "Ja das stimmt. Das hast du gut erkannt." Das ist nur deren Idee, dass mich das verletzten könnte. Im Endeffekt ist es nur eine Feststellung. Wie eben auch, dass ich schwarze Haare habe. Aber ich bekomme jeden Tag zu spüren, dass es nicht in Ordnung ist, mich so gut zu fühlen.

Jeden Tag?

Jeden Tag. Ich weiß, dass viele denken, ich sei unsportlich und undiszipliniert, hässlich und zu dick. Ich bin ja auch mit einer Frau verpartnert, da wird dann auch gerne gefragt: "Ja steht die denn auf Dicke? Ist das ihr Fetisch?" oder "Bei euch sieht man, dass Liebe blind ist". Wut hilft dabei, sich zu wehren. Aber zuerst ist da natürlich einmal Verletzung.

very often people got somehow concerned or at least interested when they discovered that my girlfriends are thinner than me which all have been - like my wife, who is on this picture with me. I heard sentences like "ahh she likes curvy/ fat/ ... women, awesome!" "isn't that strange with someone so different to your .. bodytype?" "I prefer chubby women, otherwise I feel like breaking her when having sex" "how do you ... ?" "are you afraid she could switch to a thin one?" "yeah you gonna be healthy too!" "wow! perfect example of love is blind" "is that her fetish?" I have learned the same shit my whole life and I believed in all of it my own. there was always a part of me that felt kind of lucky that this beautiful person "picked" me "although" she is thinner (which is same as more beautiful in society). I had so much self hatred in me although I managed to let people think I would cope with all that perfectly. everytime someone would say something like that, my inner fears would be approved. it was extremely hard for me to understand this as a non personal but structural problem of society. that this is nothing against me or my relationship itself. people who say things like that may be that privileged that they simply don't have to question the system, because they are perfectly fitting in, they are part of it. or they are aware of their position, like me, but still wanted to be seen as one of them. I have said and done stupid things in life to pass, to be in, to be popular and sad but true in most situations I did that to other women. all these sentences are full of disrespect, discriminatin against fat people, stereotyped thinking, lookism, heteronormative structures. they have nothing to do with the love, respect and sexual attraction between M. and me. (or insert any other couple) #holubstagram #homo #queer #selflove #gaycouple #plussize #bodypositivity #alternativecurves #ootd #morning #women #confidence #honormycurves #couple #celebratemysize #effyourbeautystandards #lookbook #styles #femme #lingerie #psfashion #cellulite #fullfigured #fullfiguredfashion #summer #fashion #bodypositive #gay #love

Ein Beitrag geteilt von InaHolub_plussizevintage (@inaholub) am

Auch auf meinen Blog gibt es viele Reaktionen. Von Androhungen über sexualisierte Gewalt bis zu dass ich einfach meinen Mund halten soll. Sexuelle Gewalt kommt allerdings immer von heterosexuellen Männern. Frauen reagieren oft negativ, weil ich an ihrem Wertesystem rüttle. Weil ich glücklich mit mir bin, so wie ich bin. Und mich nicht von diesem System abhängig mache. Viele Frauen stecken ja viel Arbeit hinein, um so auszusehen, wie sie aussehen.

Was meinen Sie genau, wenn Sie "System" sagen?

Wenn ein Schuhgeschäft mit halbnackten Frauen wirbt, dann ist das Seximus. Und Sexismus ist immer verbunden mit Frauenhass, Frauenhass wiederum mit Fatshaming. Der Frauenkörper ist also politisch. Wenn ein Typ fett ist, wird das anders bewertet als wenn eine Frau fett ist. Bei Politikern zum Beispiel wird dann oft gesagt, dass dieser kompetent, stattlich und durchsetzungsfähig ist. Ein Politiker von Format. Bei welcher Frau würde es positiv bewertet werden, wenn der Bauch über die Hose hängt? Man würde sie nur fragen, ob sie ihr "Fett-Weg-Höschen" vergessen hat.

Wie damals Felix Baumgartner die Moderatorin Corinna Milborn darauf hinweisen musste, dass sie zu dick sei. Das ist dieses klassische "Wie macht man Frauen klein?" – Man geht auf ihren Körper los.

Wie soll man als Frau damit umgehen?

Sich mit anderen Frauen vernetzen. Solidarität unter Frauen ist für mich das Allerwichtigste im Leben. Dieses Zusammenhalten, Netzwerken, Supporten und gegenseitiges Empowerment. Es würde so helfen, wenn das alle Frauen machen würden.

Wie ermutigen Sie andere Frauen?

Manchmal kommen Frauen zu mir in den Laden, die sich noch nicht so wohl in ihrem Körper fühlen. Dann treten sie aus der Garderobe, sehen super aus in dem Kleid, sagen dann, sie finden es selbst total super – aber sie würden es nie draußen auf der Straße anziehen. Weil sie Angst haben. Und diese Angst ist berechtigt. Natürlich schauen die Leute. Leider ist der einzige Weg, dass die Frauen eben selbst damit klarkommen und nicht zu hoffen, dass die Kommentare und Blicke weniger werden. Darin versuche ich sie zu ermutigen.

Welche Rolle spielt Scham dabei?

Ein Problem ist auf alle Fälle, dass aus Scham nicht darüber geredet wird. Und, dass dicken Frauen immer vermittelt wird, es sei ihre Schuld. Bevor ich mich hinsetze, muss ich zum Beispiel überlegen, ob ich in diesen Stuhl hineinpasse. Die Mehrheitsgesellschaft sagt dann: "Aha, du bist so dick, dass du nicht in Stühle passt. Du musst abnehmen." Dabei könnte man doch einfach die Stühle ändern. Ich bin auch nicht von Scham befreit. Aber ich denke darüber nach und komme dann zu dem Entschluss, dass es nicht mein Fehler ist.

© Ina Holub

Wie sehr glauben Sie, kann Body-Positivity-Aktivismus wirklich etwas bewegen?

Ich glaube, dass es all jenen hilft, die sich innerhalb dieses Spektrums bewegen. Wenn alle Frauen sich damit beschäftigen würden, könnte es natürlich strukturell auch etwas bewirken. Aber allein, wenn es auf persönlicher Ebene unterstützt, ist es doch super. Und wenn es in Österreich zehn Frauen gibt, die sich dadurch besser fühlen – halleluja!

Was würden Sie sich für Österreich wünschen?

Im US-amerikanischen Raum gibt es schon länger Plus-Size-Models und Agenturen. In Österreich gibt es keinen Markt dafür. Hierzulande passiert diesbezüglich sehr wenig. Zu wenig. Ich würde mir mehr Sichtbarkeit von dicken Frauen wünschen. Warum gibt es keine dicke Wetterredakteurin? Keine dicke Politikerin?

Was sagen Sie zu TV-Formaten wie "Curvy Supermodel"?

Nicht viel. Weil es wieder ein Regelwerk gibt. Wieder ein Schönheitsideal. Die Frau dürfen zwar dick sein, aber nur an zwei Stellen ihres Körpers: Hintern und Brüste.

Wer setzt diese Schönheitsideale fest?

Das Patriarchat. Dabei ist gar nicht so wichtig ob es jetzt "dünn" oder "dick" ist, ich bin mir sicher, wäre das Schönheitsideal "dick", dann würde genau dasselbe umgekehrt gemacht werden. Die Körpernormierung wird ja nur dafür genützt, um zu unterdrücken. Oder dafür zu sorgen, dass Frauen sich mehr damit beschäftigen, wie sie aussehen als Männer das tun müssen. Das hat für mich sehr wohl damit zu tun, in welchen Positionen wir im Endeffekt auch landen. Stichwort gläserne Decke.

»Allein die Existenz von dicken, selbstbewussten Frauen ist ein total rebellischer, politischer Akt«

Die Mehrheitsgesellschaft hängt so an Normen, dass diese gar nicht mehr hinterfragt werden. Allein die Existenz von dicken, selbstbewussten Frauen ist ein total rebellischer, politischer Akt. Weil es das gar nicht geben darf.

Was würden Sie Menschen raten, um zu einem besseren Körpergefühl zu kommen?

Vernetzung und Austausch mit anderen dicken Frauen. Sich vielleicht einmal mit der Body-Positivity-Bewegung auseinandersetzen. Und auch Tanzen oder Sport. Aber nicht um abzunehmen. Sondern um den eignen Körper zu spüren. Am Wichtigsten ist es, sich mehr damit zu beschäftigen, warum man sich nicht wohlfühlt. Stimmt das? Fühlt man sich wirklich nicht wohl? Oder findet man sich eigentlich ganz gut? Wichtig ist auch, zu erkennen, dass es sich dabei eben um eine strukturelle Diskriminierung handelt. Sich bewusst machen, dass alles okay ist. Und dass es gut ist, so wie man ist.