Blutige Auseinandersetzungen in Tibet:
China fahndet nun nach Demonstranten

Nancy Pelosi: "Gewissensfrage für die ganze Welt" 32 Nobelpreisträger verurteilen Pekings Vorgehen

Blutige Auseinandersetzungen in Tibet:
China fahndet nun nach Demonstranten © Bild: Reuters/TV

Die chinesische Regierung hat ihre Fahndung nach Demonstranten verschärft, die sich an den antichinesischen Protesten in Tibet beteiligt haben. Tausende Soldaten wurden neu in die von Tibetern bewohnten Regionen im Westen Chinas verlegt. Unterdessen erklärte die Präsidentin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, bei einem Treffen mit dem Dalai Lama die Krise in Tibet zu einer "Gewissensfrage für die ganze Welt". Indes gab es neue Berichte über mehrere Tote bei Unruhen in der an Tibet angrenzenden Region Sichuan.

Hunderte paramilitärische Polizisten rückten in Tibet aus, auch in den Nachbarprovinzen gab es neue Truppenaufmärsche. Augenzeugen berichteten von einer Demonstration von Mönchen in Zeku in der Provinz Qinghai und einer massiven Präsenz militärischer Einheiten. In der vor allem von Tibetern bewohnten Stadt Zhongdian im Norden der Provinz Yunnan zogen rund 30 mit Schlagstöcken bewaffnete Soldaten auf dem zentralen Platz auf. Auch in nahe gelegenen Städten sowie in der Tigersprung-Schlucht, die zu den größten Touristenattraktionen Chinas zählt, wurden die Patrouillen verstärkt.

"Polizei schwärmt aus"
Die Behörden veröffentlichten im Internet Fotos der 19 meistgesuchten Teilnehmer der gewalttätigen Ausschreitungen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa. Zwei der ursprünglich 21 Gesuchten seien bereits festgenommen worden, berichtete "China Daily". "Die Polizei in Lhasa schwärmt aus, um die Hauptverdächtigen festzunehmen", hieß es in dem Zeitungsbericht.

Pelosi mit globalem Aufruf
Nach einem Treffen mit dem Dalai Lama verurteilte die demokratische Spitzenpolitikerin Pelosi das Vorgehen der chinesischen Behörden gegen die Demonstranten in Tibet und rief die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. "Wenn freiheitsliebende Menschen in aller Welt sich nicht zu China und den Chinesen in Tibet äußern, haben wir alle moralische Autorität verloren, uns zu Menschenrechten zu äußern," erklärte Pelosi im nordindischen Dharamsala. Auch der republikanische Senator James Sensenbrenner äußerte seine Unterstützung für das tibetische Volk. Der Besuch der Kongressdelegation war bereits vor den blutigen antichinesischen Protesten geplant.

China gibt Waffengewalt zu
Neuen Angaben von Exiltibetern zufolge wurden bei den Unruhen in Tibet und der Nachbarprovinz Gansu insgesamt 99 Menschen getötet, die chinesische Regierung spricht mittlerweile von 19 Toten. Allerdings räumte sie erstmals ein, dass die Polizei auch mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vorgegangen sei. Vier Menschen seien im tibetischen Teil der Provinz Sichuan durch Schüsse verletzt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua. Die Polizei habe in Notwehr gehandelt. Tibeter sprachen jedoch von mehreren Toten bei den Vorfällen. "Jeder hier glaubt, dass unsere Leute gestorben sind, vielleicht zehn oder mehr", sagte ein tibetischer Bewohner der Präfektur Aba (tibetisch Ngawa).

Dalai Lama will mit Peking reden
Der Dalai Lama bot Peking erneut Gespräche an und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Die Menschen in Tibet seien hilflos und unbewaffnet, erklärte das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Er habe sich stets nur für mehr Autonomie eingesetzt, nicht für eine komplette Unabhängigkeit.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte von China, die Informationssperre zur Lage in Tibet aufzuheben. "Wir wollen genau wissen, was in Tibet passiert ist", sagte er der "Bild"-Zeitung. China schade sich selbst, wenn es ausländische Beobachter daran hindere, sich ein eigenes Bild der Lage zu machen. Eine Lösung könne nur im Dialog liegen. Vor Kurzem mussten die letzten ausländischen Journalisten Tibet verlassen.

Nobelpreisträger gegen China
Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel und 31 andere Nobelpreisträger haben indes China wegen des gewaltsamen Vorgehens gegen tibetische Demonstranten verurteilt und zum Dialog aufgefordert. "Wir protestieren gegen die unvertretbare Kampagne, die die chinesische Regierung gegen unseren Nobelpreis-Kollegen, den heiligen Dalai Lama, führt", heißt es in einem von Wiesel in New York verbreiteten Aufruf.

Im Gegensatz zu den Behauptungen Pekings strebe der Dalai Lama nicht die Ablösung von China an, sondern religiöse und kulturelle Autonomie, betonen die Unterzeichner. "Wir fordern die chinesische Regierung auf, so schnell wie möglich Gespräche mit Vertretern des Dalai Lama aufzunehmen, um eine friedliche und gegenseitig förderliche Lösung der Tibetfrage zu erreichen."

Den Aufruf haben neben Wiesel auch die Friedensnobelpreisträger John Hume (1998) und Betty Williams (1976), die Literaturnobelpreisträger John Coetzee (2003) und Wole Soyinka (1986) sowie zahlreiche Naturwissenschaftler unterzeichnet. Wiesel, ein aus Rumänien stammender US-Schriftsteller, hatte den Friedensnobelpreis 1986 für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung erhalten. (apa/red)