Bleibtreu verliert den Kampf gegen Krebs:
Romy-Preisträgerin mit 65 Jahren gestorben

Reinhardt-Seminar-Absolventin mit Wurzeln in Wien An bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen aktiv

Die Film- und Theaterszene trauert um eine ihrer ganz Großen: Die Schauspielerin Monica Bleibtreu ist tot. Die gefeierte, preisgekrönte und beliebte Mimin starb im Alter von 65 Jahren in der Nacht zu Donnerstag, wie ihre Agentur mitteilte. Die Mutter von Schauspieler Moritz Bleibtreu hatte erst vor wenigen Tagen (4. Mai) Geburtstag. An jenem Tag zeigte das Fernsehen die gebürtige Wienerin noch einmal in einem ihrer jüngsten Filme: "Ein starker Abgang". Tragisch: Die Österreicherin, die seit Jahren an Krebs erkrankt war, hatte erst 2005 mit der Darstellung einer vom Krebs gezeichneten Frau in "Marias letzte Reise" Furore gemacht.

Bleibtreu verliert den Kampf gegen Krebs:
Romy-Preisträgerin mit 65 Jahren gestorben

Regisseure, Schauspieler, Produzenten und Politiker reagierten tief traurig auf den Tod und würdigten die angesehene Grimme- und Filmpreisträgerin als große Schauspielerin und großen Menschen. Regisseur Heinrich Breloer, in dessen Dreiteiler "Die Manns - ein Jahrhundertroman" sie den Part der Katia Mann übernommen hatte, war den Tränen nahe: "Ihr ist es gelungen, mit ganz wenigen Mitteln ganz große Wirkung zu erzielen", sagte er. "Monica Bleibtreu war von einer ungeheuren Präzision: Sie kannte ihren Text, sie kannte ihre Rolle. Sie war immer 150-prozentig, wenn sie sich für ein Projekt entschieden hat."

Die eigenwillige Charakterdarstellerin stand für zahlreiche TV-und Kinofilme vor der Kamera, unter anderem mit ihrem Sohn gemeinsam in dem Erfolgsstreifen "Lola rennt". Sie war die Helene Weigel in "Abschied - Brechts letzter Sommer" (2000), gab 2001 eine brummige Bäuerin in "Verlorenes Land" und eine 80-jährige Klavierlehrerin in "Vier Minuten" (2006). Ihr letztes Werk "Tannöd" wird erst im November dieses Jahres im Kino zu sehen sein. "Es war tief beeindruckend, mit Monica Bleibtreu diesen Film machen zu dürfen. Es würde mich freuen, wenn wir ihr mit diesem Film ein kleines Denkmal setzen könnten", sagte "Tannöd"-Produzent Hejo Emons von Wüste Film.

"Warmherzige und offene Frau"
Auch die Regisseurin Bettina Oberli, die die Romanverfilmung in Szene setzte, zeigte sich sehr traurig. Sie habe die Schauspielerin als "warmherzige und offene Frau" erlebt, sagte Oberli. "Sie hatte nicht nur einen großen Erfahrungsschatz in ihrem Beruf sondern auch eine innere Wärme." Als junge Regisseurin habe sie von Bleibtreus Wissen und ihrer Gelassenheit sehr viel profitiert. Wenn man gemeinsam einen Film drehe, dann "macht man auch eine Reise zusammen". Gerade stellt Oberli den Film fertig, das Material dafür werde sie "nun wehmütig betrachten", sagte die Schweizer Regisseurin.

Schon in den 60er Jahren hatte Bleibtreu kleinere Rollen in TV-Produktionen übernommen, 1969 besetzte sie Franz Peter Wirth im Fernsehspiel "Change", 1972 folgte ihr Kinodebüt mit "Ludwig - Requiem für einen jungfräulichen König" - und die Goldene Kamera. Doch lange Zeit interessierten sich vor allem Theatermacher für sie. Die Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars trat an renommierten Spielstätten wie dem Burgtheater Wien, dem Schauspielhaus Zürich, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, den Münchner Kammerspielen und an mehreren Häusern in Berlin auf. Erst spät feierte sie die ganz großen Filmerfolge.

Bestürzt über das Ableben der Schauspielerin zeigte sich SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen: "Monica Bleibtreu war eine faszinierende Schauspielerin, die nicht nur auf den Theaterbühnen, sondern auch im Fernsehen und Kino unvergessliche Rollen gespielt hat. Als Professorin für Schauspiel hat die renommierte Grimme-Preisträgerin ihr Wissen und Können an junge DarstellerInnen weitergegeben, mit ihrem schauspielerischen Talent hat sie einen fixen Platz in der Theater- und Filmlandschaft", so Muttonen in einer Aussendung.

"Unwiederbringlicher Verlust"
Einen "unwiederbringlichen Verlust für die Film- und Theaterlandschaft" nannte der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) den Tod der Schauspielerin. "Unvergessen wird ihre Darstellung einer einsamen und verhärteten Klavierlehrerin in dem Kinofilm 'Vier Minuten' bleiben." Sie habe Rollen verkörpert, "die in ihrer Intensität, ihrer Glaubwürdigkeit und Wandlungsfähigkeit ihres Gleichen suchen". Erschüttert reagierten auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der ihr erst im Oktober 2008 in Frankfurt den Ehrenpreis des Hessischen Filmpreises überreicht hatte, und die Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Eva Hubert.

Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler schickte an Moritz Bleibtreu zum Tode seiner Mutter ein Beileidstelegramm: "Mit Monica Bleibtreu verliert der deutsche Film eine wunderbare Schauspielerin, die vielen großen Rollen auf eindrucksvolle Weise Gestalt, Stimme und Charakter verliehen hat. Ungezählte Menschen hat sie mit ihrem Spiel begeistert." Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck würdigte Bleibtreu ebenfalls als "eine der vielseitigsten Schauspielerinnen". "Tragisch ist, dass sie in 'Marias letzte Reise' ihr eigenes Schicksal ein Stück weit vorweggenommen hat und viel zu früh von uns gehen musste", sagte sie.

Zuletzt hatte sich die Schauspielerin vor allem auf das Drehen konzentriert, brillierte dann aber am Hamburger St. Pauli Theater als abgetakelter Schauspieler Ulrich Bunzel in "Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank". Ihre Wandlungsfähigkeit bescherte der Künstlerin, die in Hamburg und Wien lebte, gerade in jüngster Zeit zahlreiche Auszeichnungen. Sie selbst sah das immer ein wenig mit Erstaunen: "Ich mache den Beruf jetzt seit über 40 Jahren, und plötzlich tun alle so, als wäre ich vom Himmel gefallen."

(apa/red)