Bittere Pille für den griechischen Patienten:
Krankenakte eines dahinsiechenden Landes

Was Österreich mit griechischen Schulden am Hut hat Wozu wollen die Griechen jetzt immer noch streiken?

Bittere Pille für den griechischen Patienten:
Krankenakte eines dahinsiechenden Landes © Bild: Corbis

Doktor Europa muss tief in die Arzneikiste greifen: Damit der an akuter Geldnot schwer erkrankte griechische Staat nicht auch noch andere Patienten ansteckt, verpasst Europa Athen eine Milliardenkur. Aber was genau sieht diese Rettung vor? Wäre eine Heilung nicht auch anders möglich gewesen? Und was hat Österreich damit überhaupt am Hut? NEWS.at hat die Antworten zu den wichtigsten Fragen rund um die griechische Krankheit.

Was kostet das Rettungspaket den österreichischen Steuerzahler?
Vorerst gar nichts. Euro-Länder wie Österreich schicken nicht etwa frisch gedrucktes Bargeld nach Athen, sondern nehmen am Finanzmarkt relativ günstige Kredite auf, die sie den Griechen wiederum zu einem höheren Zinssatz (etwa fünf Prozent für drei Jahre) weiterverleihen. Durch die Zinsdifferenz könnte Österreich sogar ein Gewinn winken – vorausgesetzt, die Griechen zahlen ihre Schulden zurück. Der zu erwartende österreichische Anteil am Griechenland-Hilfspaket ist mit 2,2 Mrd. Euro aber ohnehin relativ gering. Zum Vergleich: Für das im Vorjahr geschnürte Bankenpaket stellte die Republik Österreich über 90 Mrd. Euro zur Verfügung.

Warum können sich die Griechen nicht selbst aus der Misere ziehen?
Die hohen Kreditzinsen, die der griechische Staat durch seine miserable Kreditwürdigkeit zu zahlen hat, können durch Steuereinnahmen allein nicht mehr aufgefangen werden. Athen braucht daher dringend frische Kredite. Ohne die finanzielle Hilfe anderer Staaten wäre Griechenland vom Staatsbankrott bedroht, der einen ähnlichen „Domino-Effekt“ wie die Lehman-Pleite nach sich ziehen könnte.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Österreich?
Sollte Griechenland nicht von selbst wieder auf die Beine kommen und in den Ruin schlittern, hätten seine Gläubiger aus Deutschland, Österreich & Co. ein ziemlich großes Problem, da sie ihr geliehenes Geld nicht zurückbekämen. In diesem Fall würde wohl kein Weg an einem Schuldenerlass gegenüber Athen bzw. einer Verlängerung des Zahlungsziels vorbeiführen. Österreichische Banken wie die Erste Group müssten die griechischen Schulden abschreiben. Außerdem würde der ohnehin schon stark gebeutelte Euro weiter unter Druck geraten.

Warum nimmt man den Griechen den Euro nicht weg?
Zum einen erlauben EU-Verträge den Ausschluss eines Euro-Mitgliedslandes nicht. Zum anderen würde ein Rauswurf das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung gefährden: Schafft man mit Griechenland einen Präzedenzfall, wäre auch ein Ausschluss anderer Pleitekandidaten wie Portugal oder Italien denkbar. Allein dieses Bedrohungsszenario würde es überschuldeten Staaten noch schwerer machen, an frisches Kapital zu kommen - was europäische Banken als deren Gläubiger weiter unter Druck setzen würde.

Hat die EU-Finanzspritze Griechenlands Geldsorgen beseitigt?
Nein. Die 110 Milliarden Euro der EU reichen Athen gerade einmal, um Haushaltsdefizite und fällige Zinsen bis 2012 begleichen zu können. Gelingt es bis dahin nicht, das Budgetloch zu stopfen, steht Athen erneut vor dem Bankrott.

Warum streiken die Griechen anstatt endlich die Ärmel hochzukrempeln?
Weil das EU-Rettungspaket an harte Sparbedingungen geknüpft ist, wollen sich griechische Gewerkschaften gegen die "Erpressung" durch EU, Europäische Zentralbank und Internationalen Währungsfonds wehren. Besonders Staatsbediensteten droht eine massive Kürzung von Gehältern und Privilegien, was die 750.000 Arbeitnehmer im öffentlichen Sektor nicht hinnehmen wollen.

Wird der Griechenland-Urlaub billiger?
Weil die griechische Regierung einen Imageschaden befürchtet und daher mehrere Sofortmaßnahmen ergriffen hat, dürfen sich Griechenland-Urlauber heuer auf echte Schnäppchen freuen. Allerdings sollte man sich rechtzeitig über angekündigte Generalstreiks informieren - dann nämlich stehen Verkehr und öffentliches Leben komplett still.
(jt/mei)