Bio-Lebensmittel von

Essen gut, alles gut

NEWS: 2011 war nicht einfach für den Bio-Markt, der Boom geht aber weiter

Bio-Lebensmittel - Essen gut, alles gut © Bild: Corbis

Die 5,8 Millionen österreichischen Legehühner hatten vor Ostern viel zu tun: Beachtliche 70 Millionen Eier werden zu Ostern konsumiert. 12,5 Millionen Eier oder ein Anteil von 17,9 Prozent davon waren Bio-Eier. Laut einer aktuellen Umfrage kaufen 79 Prozent der Österreicher zumindest gelegentlich Bio-Lebensmittel. Der Markt boomt. Das gibt der heimischen Landwirtschaft neuen Antrieb. Doch Bio ist nicht gleich Bio, und der Boom hat auch seine Schattenseiten. Besonders die steigende Internationalisierung der Bio-Landwirtschaft bringt neue Herausforderungen für den Markt.

Stephan Mikinovic, Geschäftsführer der AMA Marketing: „Österreich hat nach Luxemburg und den Falklandinseln die meisten Bio-Bauern. Ist Bio in den meisten europäischen Ländern ein Nischenprodukt, so hat sich Bio in Österreich mit einem Gesamtmarktanteil von rund sechs Prozent zu einem großen Marktsegment entwickelt.“

300-Millionen-Schallmauer.
Das zeigt sich auch bei Rewe. Martina Hörmer, Geschäftsführerin von „Ja! Natürlich“: „2011 erwirtschafteten wir einen Umsatz von 312 Millionen Euro.“ Auch bei Spar verzeichnete man mit der Bio- Marke „Natur*pur“ vergangenes Jahr ein dickes Plus. Gerhard Drexel, Vorstandschef von Spar: „Allein der Umsatz unserer Bio-Marke ‚Natur* pur‘ erzielte ein stattliches Plus von 15 Prozent.“ Auch beim traditionell mit Zahlen sehr zurückhaltenden Diskonter Hofer dürfte das Geschäft brummen. Insider schätzen, dass die Hofer-Bio-Marke „Zurück zum Ursprung“ mit einem Umsatz von 150 Millionen Euro die zweitgrößte Bio-Marke in Österreich ist.

Doch 2011 war kein einfaches Jahr für die Branche. Die Ehec-Krise und gefälschte italienische Bio-Waren hatten die Konsumenten verunsichert. „Trotzdem zeigt der langfristige Trend weiter nach oben“, so AMA-Chef Mikinovic.

Ungebrochenes Vertrauen.
Dass das Vertrauen in Bio nach wie vor ungebrochen ist, beweist auch eine für NEWS exklusiv durchgeführte Studie von meinungsraum.at. Bei mehr als der Hälfte (53 %) von 500 Befragten ist das Vertrauen in Bio im letzten Jahr gleich geblieben, bei 32 Prozent hat das Vertrauen sogar zugelegt. Zentrale Motivation für den Kauf von Bio-Produkten ist für 54 Prozent der Teilnehmer die Gesundheit.

Herbert Kling, Geschäftsführer von meinungsraum. at: „Für beachtliche 49 Prozent der Befragten sind die Förderung von Bio-Bauern und für 44 Prozent der Umweltschutz wichtige Gründe für den Kauf von Bio-Produkten.“ Kein Wunder also, dass 49 Prozent der Studienteilnehmer Bio-Lebensmittel entweder direkt beim Bauern oder auch am lokalen Wochenmarkt kaufen. „Hier haben die heimischen Konsumenten auch das größte Vertrauen in die Echtheit der Produkte. Trotzdem sind Rewe – mit Billa und Merkur –, Spar und Hofer die beliebtesten Händler“, so meinungsraum.at- Geschäftsführer Kling.

Das Thema Regionalität wird aber zu einem immer wichtigeren Faktor. AMA-Chef Mikinovic: „In kaum einem anderen Land ist der Konsumpatriotismus so groß wie in Österreich. Auch der Handel hat auf diesen Trend reagiert und versucht, soweit möglich, den Kunden Produkte aus heimischer Produktion zu bieten.“

Lukrative Kompromisslosigkeit.
Die hohe Nachfrage nach heimischen Produkten zeigt auch bei den Landwirten Wirkung. Waren es 1990 noch 1.539 Bio- Betriebe in Österreich, so sind heute bereits 21.728 Bio-Bauern registriert. Rudolf Vierbauch, Bundesobmann vom Dachverband Bio Austria: „Die Bio-Landwirtschaft war nach dem EU-Beitritt die einzige Chance für die heimischen Bauern, und wir haben sie genutzt. Gleichzeitig hat der Handel mit Bio-Eigenmarken für eine riesige Dynamik in diesem Markt gesorgt.“

Die einstigen Exoten profitieren davon. Galten Bio-Bauern lange als Outlaws in der konservativen Bauernschaft, sind sie heute gefragter denn je. So auch die kleine Bauerngenossenschaft am Walchsee im Tiroler Kaiserwinkl. Sie wurde bereits 1904 von rund 100 Bauern gegründet, und sie verarbeitet seit damals ihre Milch in einer eigenen Sennerei zu Käse. Peter Greiderer, Obmann der Genossenschaft: „Bis 1994 machten wir konventionellen Emmentaler. Danach stellten 60 Bauern des Ortes gemeinsam auf biologisch-ökologische Landwirtschaft um, und wir produzieren seit damals nur noch Bio-Bergkäse aus Heumilch.“ Der Umstieg hat sich gelohnt. „Heute verkaufen wir rund ein Drittel unserer Produktion in Österreich über die Hofer-Marke ‚Zurück zum Ursprung‘, und die restlichen zwei Drittel gehen nach Deutschland“, so Greiderer.

Sehnsucht nach dem Ursprünglichen
Auch der studierte Theologe Erich Stekovics, ein landwirtschaftlicher Quereinsteiger, kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. „Der Kaiser der Paradeiser“, wie er bereits genannt wird, produziert Gemüse auf höchstem Niveau. Spitzengastronomen geben sich morgens beim Gemüseeinkauf persönlich die Ehre. Stekovics: „Ich bin erst seit rund zehn Jahren im Geschäft, doch der Erfolg zeigt, dass die Menschen wirklich echte Lebensmittel wollen.“ Heute beliefert er mit ausgewählten Produkten wie fast ausgestorbenen Tomaten-Sorten auch den Lebensmittelriesen Spar.

Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen bedient auch die Waldviertler Bäuerin Helma Hamadar. Die Raumplanerin und anfängliche Nebenerwerbsbäuerin konzentriert sich schon seit Jahren auf Urgetreidesorten wie Dinkel, Einkorn und Emmer. Ohne ihren Job als Raumplanerin hätten sie und ihre Familie bis vor kurzem davon nicht leben können, doch heute beliefert sie „Ja! Natürlich“. „Diese Kooperation mit Rewe sichert uns einen Grundumsatz, ohne den das Ganze nicht machbar wäre“, so Hamadar. Zukunftsängste braucht die Bäuerin nicht zu haben, denn Bio-Getreide- Produzenten sind derzeit gefragt wie lange nicht.

Schatten im Paradies.
Seitdem Bio weltweit zu einem Milliarden-Business geworden ist, floriert das Geschäft mit Billig-Importen. Werner Lampert, Bio-Pionier und Erfinder der Hofer-Marke „Zurück zum Ursprung“: „Bio ist heute zu einem globalen Produkt geworden. Erdäpfel kommen aus Ägypten und Zwiebel aus Argentinien. Dieses Bio hat seine Seele verloren.“ Deshalb setzt man bei „Zurück zum Ursprung“ ausschließlich auf Produkte aus Österreich. Auch bei „Ja! Natürlich“ und Spar ist man sich dieser Entwicklung bewusst und steuert aktiv dagegen. Bio-Pionier Lampert geht sogar einen Schritt weiter: „Bio muss neu aufgestellt werden. Die biologische Landwirtschaft muss sich ihrer Wurzeln entsinnen, dann wird das Feuer auch wieder die Konsumenten erreichen.“