Bildungsbericht von

Bildung teuer aber ineffizient

Ausgaben sind um 25 Prozent gestiegen - "Hohes Ausmaß an Chancenungleichheit“

Bildung.Stockbild. © Bild: Thinkstock/Pixland

Die öffentlichen Bildungsausgaben Österreichs pro Kopf sind zwischen 2000 und 2009 um 25 Prozent gestiegen. Am stärksten zugenommen haben die Ausgaben für die Jüngsten durch das verpflichtende Kindergartenjahr (plus 50 Prozent), am wenigsten zusätzliches Geld gab es für Hauptschulen, Neue Mittelschulen (NMS) und AHS-Unterstufen (plus zehn Prozent). Dennoch gibt es ein hohes Ausmaß an Chancenungleichheit und Konzeptarmut.

Die Pro-Kopf-Bildungsausgaben Österreichs liegen über den gesamten Schul- und Hochschulbereich mit durchschnittlich 9.000 Euro (kaufkraftstandardisiert) ganz deutlich über dem Schnitt der EU-27. In der Volksschule und im Sekundarbereich (Hauptschule/NMS/AHS/berufsbildende mittlere und höhere Schulen, BMHS) sind die Ausgaben pro Kopf um jeweils 40 Prozent höher als im EU-Schnitt, im Hochschulbereich um 26 Prozent. Kostentreiber sind dabei laut Bericht die relativ kleinen Klassen und eine geringe Jahres-Unterrichtsleistung in der Sekundarstufe, wo "die Netto-Unterrichtszeit trotz einer relativ hohen statuarischen Lehrerarbeitszeit stark unterdurchschnittlich ist".


Am meisten wird aufgrund der besonderen Betreuungsverhältnisse pro Kopf an den Sonderschulen ausgegeben (rund 30.900 Euro), das berufsbildende Schulwesen kommt mit rund 10.200 Euro teurer als allgemeinbildende Schulen (7.900). Unterschiede gibt es auch innerhalb der Sekundarstufe I: Hier sind die Ausgaben für Hauptschulen/Neue Mittelschulen mit rund 9.200 Euro deutlich höher als für AHS-Unterstufen (7.300 Euro pro Kopf). Laut Bildungsbericht liegt dies "hauptsächlich an den größeren Klassen in AHS sowie dem zusätzlichen Lehr- und Unterstützungspersonal" für Hauptschulen und AHS.

Chancengleichheit

Das österreichische Schulsystem ist "durch ein hohes Ausmaß an Chancenungleichheit und Kompetenzarmut" gekennzeichnet. Vorgeschlagen wird die Definition eines "absoluten Bildungsminimums" - bei den Bildungsstandard-Erhebungen sollten in Ergänzung zur Kompetenzstufe "Standards erfüllt" entsprechende Schwellenwerte zur Bestimmung von Kompetenzarmut festgelegt werden. Schüler, die dieses Minimum nicht erreichen, müssten individuell gefördert werden. Daneben müssten auch die Arbeitsbedingungen an Schulen mit schwierigen Ausgangsbedingungen verbessert werden. Diese müssten zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen mehr finanzielle Mittel als jene mit günstigen Bedingungen erhalten - vorgeschlagen wird eine indexbasierte Finanzierung. Empfohlen wird außerdem der Ausbau ganztägiger Schulformen. "Wünschenswert" wäre außerdem eine spätere Selektion nach der Volksschule und eine Verlängerung der Sekundarstufe I (derzeit AHS-Unterstufe, Hauptschule, Neue Mittelschule) etwa bis zum Alter von 16 Jahren.

„Soziale Mobilität zwischen den Generationen ist nur in geringem Ausmaß zu erkennen“, ergibt auch eine Analyse des Mikrozensus durch das IHS. So besuchen rund drei Viertel der 17-Jährigen, deren Eltern eine Matura besitzen bzw. über 90 Prozent derer, deren Eltern eine Hochschule abgeschlossen haben, eine AHS-Oberstufe bzw. BHS. Unter Schülern, deren Eltern maximal einen Pflichtschul- bzw. Lehrabschluss haben, sind es hingegen nur knapp 20 bzw. 40 Prozent. Trotz der Expansion der vergangenen Jahre setzt sich dieses Bild auch an den Hochschulen fort. An den wissenschaftlichen Unis haben nur sieben Prozent der Studienanfänger (Wintersemester 2010/11) einen Vater mit Pflichtschulabschluss, aber 22 Prozent einen Vater mit Hochschulabschluss. An den Fachhochschulen ist das Verhältnis etwas ausgeglichener.

Ganztagsschule

Empfohlen wird der Ausbau der verschränkten Form mit einem ganztägigen Wechsel von Freizeit, Betreuung und Unterricht. Derzeit gebe es hauptsächlich ein "freiwillig zu nutzendes, additives Nachmittagsbetreuungsangebot, das sich an einen dichten, meist sechsstündigen Unterrichtsvormittag anschließt" - was angesichts der fehlenden räumlichen, personellen und finanziellen Infrastruktur verständlich sei. Über eine Aufhebung des Erfordernis der Zwei-Drittel-Zustimmung der Lehrer für eine verschränkte Ganztagsschule solle "nachgedacht" werden. Den Bedarf an Ganztagsplätzen sieht der Bericht durch die derzeitigen Ausbaupläne nicht gänzlich abgedeckt. Je nach Berechnungsmodell ergibt sich für 2015 eine Betreuungslücke zwischen 30.000 bis 50.000 Plätzen.

Bis 2020 geht jeder dritte Lehrer in Pension

Für 2017/18 ist mit dem Höhepunkt der Pensionierungswelle zu rechnen. Rund 4.500 Lehrer werden dann in den Ruhestand übertreten, auch danach wird mit 4.000 Pensionierungen jährlich gerechnet. Bis 2020 soll damit jeder dritte derzeit beschäftigte Lehrer - insgesamt ca. 36.500 Personen - in Pension gehen. Der Hauptschulbereich wird mit erwarteten 46 Prozent Pensionsübertritten stärker betroffen sein als AHS, BMHS und Volksschulen mit weniger als einem Viertel. Gleichzeitig geht die Statistik Austria von einem Rückgang der Schülerzahlen bis 2020/21 um fünf Prozent aus. "Ob es zu einem Lehrermangel kommen wird, hängt stark von der künftigen Ausbildungs- und Beschäftigungspolitik ab".

Lesekompetenz

"Der Outcome des österreichischen Schulsystems im Bereich Lesen entspricht nicht den Erwartungen an eine Kultur- und moderne Wirtschaftsnation", heißt es im Bericht. In internationalen Vergleichen lägen die Schüler bestenfalls im Mittelfeld, besonders im Sekundarbereich aber deutlich darunter. "Diese insgesamt unbefriedigenden Leistungen sind nicht nur auf einen verhältnismäßig hohen Anteil an Risikoschülerinnen und Risikoschüler mit besonders schwachen Leseleistungen zurückzuführen, vielmehr kann auch die Leistungsspitze der besonders kompetenten Leser/innen im internationalen Vergleich nur bedingt mithalten." Empfohlen wird eine "Professionalisierung der Lehrerschaft", die Pädagogen benötigten eine umfassende Ausbildung in lesepsychologischen und -didaktischen Grundlagen. Außerdem müsse bereits im Kindergarten mit Maßnahmen zur Förderung der Vorläuferfähigkeiten des Schriftspracherwerbs begonnen werden. Leseförderung dürfe sich auch nicht nur auf das Fach Deutsch beschränken. Schüler mit Leseproblemen müssten frühzeitig identifiziert und unterstützt werden - sowohl im allgemeinen Unterricht als auch durch spezielle Fördermaßnahmen mit den entsprechenden Ressourcen.

Mehrsprachige Kinder

Der Anteil mehrsprachiger Schüler unterscheidet sich stark nach Schultypen, Regionen und Wohngebieten. Folge ist eine Segregation der Schüler mit Migrationshintergrund: Nur insgesamt neun Prozent der Schüler werden nicht in der 1. Klasse Volksschule, sondern in eine Vorschulklasse eingeschult. Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache sind hier allerdings deutlich überpräsentiert: Sie stellen nur 23 Prozent der Volksschüler, aber 50 Prozent der Vorschüler. In Wien haben mehr als 50 Prozent der Volksschüler nicht-deutsche Muttersprache, aber 75 Prozent der Vorschüler. In den übrigen Bundesländern ist der Anteil der Schüler nichtdeutscher Muttersprache in den Vorschulen sogar zwischen zwei-und dreimal so hoch wie an den Volksschulen. Auch später sitzen Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache vermehrt in Klassen, in denen ein Großteil der Schüler ebenfalls eine andere Muttersprache als Deutsch besitzt. Denn obwohl in der Sekundarstufe I jeder fünfte Schüler Migrationshintergrund hat, trifft dies auf nur 16 Prozent der AHS-Schüler zu (21 Prozent an den Hauptschulen, 28 Prozent an den Neuen Mittelschulen und 30 Prozent an den Sonderschulen). Folge: Diese Schüler "haben im österreichischen Schulwesen derzeit schlechtere Chancen, Defizite in der Unterrichtssprache auszugleichen". Die Einflussmöglichkeiten der Bildungspolitik, diese Segregation aufzubrechen, sind dabei laut dem Bericht beschränkt. Diese Trennung sei nämlich neben der schulischen Selektion "im Wesentlichen durch eine räumliche Trennung der Wohnbevölkerung bedingt".

Schulabbruch

7,2 Prozent der Schüler besuchen nach Beendigung der Schulpflicht mit 15 Jahren keine weitere Schule (Daten aus 2009/10). 1,6 Prozent haben dabei die Sekundarstufe I (Hauptschule, AHS-Unterstufe) nicht erfolgreich abgeschlossen. Unter Jugendlichen mit türkischer Umgangssprache sind rund 17,6 Prozent und unter Jugendlichen, die daheim Bosnisch/Serbisch/Kroatisch sprechen, 12,7 Prozent nach Ende der Schulpflicht nicht mehr im Bildungssystem. Absolut gesehen haben jedoch zwei Drittel der Schulabbrecher Deutsch als Muttersprache. Der Großteil der Schulabbrecher hat davor eine Haupt- bzw. Polytechnische Schule (36 bzw. 38 Prozent) besucht. Am höchsten ist der Anteil der Schulabbrecher in Tirol (10,9 Prozent), am geringsten in Salzburg (5,6). In Wien besuchen nach Ende der Schulpflicht 8,2 Prozent der 15-Jährigen keine Schule, überdurchschnittlich groß ist mit 2,3 Prozent der Anteil an Jugendlichen, die die Sekundarstufe I nicht positiv abgeschlossen haben und damit auch keine weiterführende Schule besuchen könnten. Insgesamt sind in Österreich 13,4 Prozent der 15- bis 19-Jährigen weder in der Schule noch in Ausbildung. 5,3 Prozent haben auch keine Arbeit.

Kommentare

Ignaz-Kutschnberger

Na, da würd ich doch mal Handlungsbedarf sehen!!

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