Bildung von

Warum die Lehre wieder
hoch im Kurs steht

Bildung - Warum die Lehre wieder
hoch im Kurs steht © Bild: Ricardo Herrgott

In der Freizeit tischlert der Rechtsanwalt und streicht die Beamtin daheim selbst die Wände neu. Aber eine Lehre beginnen? - Das galt lange Zeit als unsexy. Das Image der Lehre wandelt sich. Der Fachkräftemangel lässt die Jobaussichten steigen, und viele Lehrlinge sind mit der Arbeit zufrieden.

"Du machst eine Lehre?" - "Ach so." Lange Zeit war es nicht sonderlich attraktiv, eine Lehre zu machen. Einerseits zieht es mehr junge Menschen in höhere Ausbildung, andererseits schrecken Beispiele von schlechter Lehrausbildung, artfremden Tätigkeiten und ausbeuterischen Arbeitszeiten ab. Langsam aber wendet sich das Blatt. Ein Boom ist es noch nicht, aber die Zahl der jungen Menschen, die eine Lehre beginnen, steigt, und ihr Image wird besser.

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Daniela Kalman wusste, was sie wollte. Mit 16 überlegte sie, die Schule abzubrechen, um eine Geigen-oder Klavierbauer-Ausbildung zu machen, doch weil alle ihre Freunde in der Schule waren, blieb auch sie. Nach der Matura arbeitete sie und suchte ein Jahr lang nach einem Ausbildungsplatz: "Es war schwer, etwas zu finden." Bis sie der Klavierbauer Heinz Letuha aus dem 7. Bezirk (Die Klaviermachermeister) aufnahm. Für sie war es die richtige Entscheidung: "Ich mag die Verbindung von Handwerk und Musik, ich baue gerne etwas, bin sehr musikalisch und spiele Geige und Klavier. Und eigentlich sagen alle zu mir: Wow, wie cool."

Viele Anfragen

Heinz Letuha bildet seit 23 Jahren Lehrlinge aus. Er selbst begann nach dem Pflichtschulabschluss bei Bösendorfer die Klaviermacherlehre: "Für mich ist die Lehrlingsausbildung ein gesellschaftlicher Auftrag. Das ist in mir verankert, dass die Chance, die mir erteilt wurde, anderen auch ermöglicht wird." Facharbeiter anderswo abzuwerben, ist für einen Gewerbebetrieb nicht so einfach. Der Verdienst liegt zwischen 1.350 und 2.000 Euro netto.

Anfragen nach einer Lehrstelle bekommt er in Hülle und Fülle, aus dem In-und Ausland, schließlich bilden in seiner Branche, so sagt er, österreichweit nur rund zehn Betriebe Lehrlinge aus. Die Bewerber sind Jugendliche, Maturanten, aber auch Umsteiger aus anderen Berufen. Es müssen das Fachliche und die sogenannten soft skills passen. Letuha: "Ich entscheide nach der Bewerbung und dem Auftreten und frage immer, was die Leute bisher gemacht haben, ob dabei etwas auf Ausdauer und Geduld hinweist. Denn wir müssen jeden Arbeitsschritt 88-mal machen - weil es 88 Klaviertasten sind."

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Eine Frau als Lehrling ist für ihn neu. Immerhin muss man den 140 Kilo schweren Gussrahmen ausheben und die Flügel, die 300 Kilo und mehr wiegen, im Haus umstellen. Kalman ist im ersten Lehrjahr und bisher zufrieden. Sie würde es "cool finden, wenn ich hier bleiben kann". Das Team umfasst sieben Leute, "da muss auch das Menschliche passen", sagt Landesinnungsmeister Letuha.

Auswahl per Casting

Auch Alexander Eppler, Inhaber eines Spengler-und Dachdeckerbetriebes im 2. Bezirk, hat sich damit beschäftigt, wie man die passenden Lehrlinge findet. Die Wiener Dachdecker und Spengler laden regelmäßig jeweils rund hundert junge Leute zum Lehrlingscasting ein: "Da lassen wir sie Kreise aus Blech schneiden, auf Leitern steigen, am Modell ein Stück Dach decken, und schauen, wie sie sich anstellen, wenn sie bei der Hausverwaltung den Schlüssel für eine Baustelle organisieren sollen. Am schwersten fällt den Bewerbern das Berechnen einer Dachfläche -daran sind die meisten gescheitert."

Beim Casting erreichte Edris Mirza den zweiten Platz und wurde zu einem Praktikum eingeladen: "Herr Eppler hat geschaut, wie ich hackel und wie ich mit der Höhe am Dach zurechtkomme. Und nach zwei Wochen habe ich hier angefangen." Mirza, in Afghanistan geboren und vor elf Jahren mit seiner Familie nach Wien gekommen, ist nun im dritten Lehrjahr. Der Chef sagt über ihn: "Ein toller Bursch. Es macht ihm Spaß, er hat Interesse, und sein Deutsch ist besser als das der meisten Unsrigen."

»Unser Grundproblem ist das Image. Immer noch gilt die Lehre als letzter Ausweg«

Daran, dass er um fünf Uhr aufstehen muss und recht lang in die Arbeit fährt, hat sich Mirza gewöhnt. Er sagt: "Mir gefällt, dass die Arbeit abwechslungsreich ist und ich einmal hier und einmal dort arbeite." Der Betrieb ist auf Herstellung und Restaurierung von Ornamenten und Zierelementen an Häusern spezialisiert. Wer bei Eppler ausgebildet wird, lernt auch das.

Eppler ist Bildungsbeauftragter der Wirtschaftskammer Wien und weiß: "Unser Grundproblem ist das Image. Wir versuchen, das mit verschiedenen Aktionen zu verbessern. Immer noch gilt die Lehre als letzter Ausweg. Dabei ist eine Lehre ein toller Start ins Berufsleben." Er appelliert an die Eltern: "Es muss nicht jeder Rechtsanwalt werden. Der tischlert vielleicht selber gern in der Freizeit. Man muss das finden, wofür jemand begabt ist, dann wird er ein guter Tischler, Glaser oder Dachdecker."

Lehrstellen sind knapp

Derzeit bilden rund 3.200 Wiener Betriebe 13.000 Lehrlinge aus, die meisten in Gewerbe und Handwerk, Handel, Tourismus und Industrie. Dazu kommen rund 4.000 Lehrlinge in den überbetrieblichen Lehrwerkstätten, die jene jungen Menschen auffangen und ausbilden, die keinen Lehrplatz finden. Rund 700 Lehrlinge sind bei der Stadt Wien und 500 in den Tochtergesellschaften der Stadt. Denn die Zahl der ausbildenden Betriebe sinkt. Viele Unternehmer klagen zwar über den Fachkräftemangel, wollen sich die Arbeit mit Lehrlingen selbst aber nicht antun. Das stört auch die Ausbildner, denn bei ihnen werden die - ausgebildeten -Fachkräfte gerne abgeworben.

Nach wie vor klagen viele Lehrlinge über schlechte Ausbildung oder unfreiwillige Überstunden, wobei die Qualität in Ostösterreich besser als im Westen ist, sagt Ali Dogan, der Wiener Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend: "Wenn ich die Leute ausbeute, wird sich niemand drum reißen. Dort, wo die Sozialpartnerschaft funktioniert, sind die Bedingungen besser und die Lehrlinge zufrieden. Als Fachkräfte sind sie am Arbeitsmarkt gefragt. Mit einer Lehre sind die Jobchancen gut."

»Es ist eine Kunst, einen guten Lehrling zu finden«

Die beliebtesten Lehrberufe sind Einzelhandel, Bürokaufmann/-frau, Elektrotechnik, KFZ-Technik und Friseurin -doch das sind nicht unbedingt die mit den besten Aussichten.

"Das Image der Lehre verändert sich", sagt Peter Merten, dessen 100-Mitarbeiter-Betrieb Merten Präzisionstechnik im 22. Bezirk seit 50 Jahren Lehrlinge ausbildet. Aus 1.700 Interessierten, die am Casting der Landesinnung Wien der Mechatroniker teilnahmen, wurden die besten ausgewählt. Merten selbst lud dann 20 Jugendliche zum persönlichen Casting ein: "Es ist eine Kunst, einen guten Lehrling zu finden. Mein Auswahlverfahren besteht aus Vorstellungsgespräch, praktischer Übung über fünf Stunden, außerdem will ich die Eltern kennenlernen, und dann gibt es zwei Tage Schnuppern."

Die Kunst der Auswahl

Er entscheidet nach dem handwerklichen Geschick, dem Eindruck der Eltern, Zeugnis, der Unterschrift des Bewerbers - und nach seinem Bauchgefühl. Dass Ausbildner über die Jugend von heute schimpfen, weiß er: "Das sind Argumente, die sich verfestigt haben. Aber das sind Vorurteile, weil die Betriebe verlernt haben, sich Zeit für die Ausbildung zu nehmen." Er nennt seinen Betrieb eine "Kaderschmiede", und gute Leute verdienen zwischen 2.500 und 3.500 Euro brutto. Was hier erzeugt wird, wie die Teile für Gelddruckmaschinen, eines Satelliten, einer Handgelenksprothese, Straßenbahnräder, Förderbandteile bis hin zur Automatisierungstechnik mit Robotern, muss bis in den Tausendstel-Millimeter-Präzisionsbereich genau sein.

Die 16-jährige Jessica Sperger war Mertens Wunschkandidatin, denn Merten wollte unbedingt eine Frau aufnehmen: "Frauen in der Technik sind eine Erfolgsgeschichte. Männer und Frauen im Team sind eine perfekte Symbiose." Und Sperger, die nun Metalltechnik-Zerspanungstechnik lernt, ist hochzufrieden: "Mir gefällt die Arbeit hier." Nach der Ausbildung möchte sie bleiben.

© Ricardo Herrgott

Klaviermacher Letuha hat eine eigene Imagekampagne für die Lehre entwickelt, weil er will, dass man darauf stolz sein kann und sagt: "Ich bin wer."