Bildung von

Das Schulbuch und
die böse Wirtschaft

Bildung - Das Schulbuch und
die böse Wirtschaft © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Wer bestimmt, welche Weltanschauungen in einem Schulbuch in welchem Ausmaß vertreten sind?

Frage: Was haben das Theaterstück „McKinsey kommt“ von Rolf Hochhuth, Ex-EU-Parlamentarier Hans-Peter Martin, die Gründungsdeklaration von Attac Österreich und ein marxistischer Historiker gemeinsam? Antwort: Ihre Zitate erklären im Buch „Zeitbilder 8“ des Verlags ÖBV Schülern der 8. Klasse AHS-Oberstufe was Neoliberalismus ist. Studierte Ökonomen werden an der Stelle hingegen nicht zitiert. „Das ist knallharte Gehirnwäsche“, kritisiert Franz Schellhorn, Leiter der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria.

"Die zitierte Darstellung in Zeitbilder 8 ist zwar globalisierungskritisch, es werden aber ausschließlich renommierte Quellen verwendet und in einigen Teilen ist die Darstellung durchaus differenziert“, verteidigt ÖBV-Geschäftsführer Alfred Schierer den Inhalt des Lehrbuchs.

Der Vorwurf, Schulbücher seien beim Thema Politik und Wirtschaft einseitig ideologisch ist kein Neuer. Vor einem Jahr entfernte der Verlag Veritas nach massivem Protest diverser Wirtschaftswissenschafter ein Bild von Christian Felber, Entwickler der Gemeinwohl-Ökonomie, aus einem Geografiebuch.

Bildungslücke

Dass ideologische Einseitigkeit dramatische Folgen insbesondere für das Wirtschaftsverständnis der zukünftigen Erwachsenen hat, belegen mehrere Studien. So hat die Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsforschung 2016 bei der Analyse von mehr als 50 Schulbüchern der 5. bis 8. Schulstufe „Ungereimtheiten zwischen den Schulbüchern sowie falsche, einseitige und tendenziöse Darstellungen festgestellt“. Infolge hätten Schüler ein verzerrtes Bild der Wirtschaft.

Und eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien hat herausgefunden, dass es beim Wirtschaftswissen jüngerer Schüler massive Lücken gibt. So glaubten knapp zwei Drittel der befragten 13- und 14-Jährigen, dass der Staat festlege, was im- bzw. exportiert werde. Und mehr als jeder Zweite wusste nicht, dass ein Einzelhändler ein Produkt nicht zum selben Preis verkauft, den er vorab dem Großhändler gezahlt hat.

Nebenjobs für Lehrer

Wer aber bestimmt, welche Weltanschauungen in einem Schulbuch in welchem Ausmaß vertreten sind? „Unsere Autoren sind oder waren Lehrkräfte an den jeweiligen Schulformen für das jeweilige Fach und/oder lehren an Hochschulen“, erklärt ÖBV-Geschäftsführer Alfred Schierer. Die Autoren orientieren sich beim Inhalt wiederum am Lehrplan, den das Bildungsministerium vorgibt.

Der Lehrplan gebe Ausgewogenheit vor, folge aber auch einem gewissen Mainstream, sagt der pensionierte Geografie- und Englischlehrer Gerhard Fürnhammer. Er hat selbst mehrmals an Schulbüchern mitgearbeitet. Zuletzt unter anderem als Berater beim Lehrbuch „Geospots“, das für seine Abbildung von Christian Felber kritisiert wurde.

Die Motive an einem Schulbuch mitzuarbeiten seien vielseitig, meint Fürnhammer. Er kenne Kollegen, die es rein des Geldes wegen machen, anderen seien einfach besonders emsig und „commited“. Beim Schreiben müsse man als Autor den jeweiligen Zeitgeist berücksichtigen. „Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise ist der Zeitgeist, dass Neoliberalismus eher schlecht ist.“

Seit Anlassfall sensibilisiert

Barbara Höller ist Bereichsleiterin für Geografie und Wirtschaft beim Veritas-Verlag. „Mich persönlich hat der Aufreger um die Felber-Grafik sensibilisiert“, sagt Höller. Sie und ihre Lektoren-Kollegen achten seitdem besonders auf ideologische Ausgewogenheit in den Büchern.

Ob Unterrichtsmittel dem Lehrplan entsprechen, checken Gutachterkommissionen des Bildungsministeriums. Insgesamt prüfen 145 Gutachter in 31 Kommissionen die Schulbücher. Die Gutachter sind meist, ebenso wie ein Großteil der Schulbuchautoren, selbst Lehrer oder Lehrkräfte von Universitäten. Alle vier Jahre werden die Kommissionen neu besetzt.

Es gehe darum, Schüler zu befähigen, ein eigenes Urteil über die verschieden Theorien treffen zu können, sagt Bildungsministeriumssprecher Julian Ausserhofer. Die Arbeit der Gutachter sieht er nicht in Frage gestellt. „Zeitbilder 8“ sei ein Geschichte-Lehrbuch und werde nicht im Fach Geografie und Wirtschaftskunde eingesetzt. „Insofern ist es etwas kurz gegriffen, über das Geschichte-Lehrbuch auf die ökonomische Bildung von Jugendlichen rückzuschließen“, sagt Ausserhofer.

Beim ÖBV zeigt man sich unterdessen einsichtig. In der Neubearbeitung von „Zeitbilder 8“, die derzeit in Vorbereitung sei, werde man eine Definition von Neoliberalismus aufnehmen und weitere Quellen, darunter auch Ökonomen, berücksichtigen, verspricht Geschäftsführer Schierer.