Beziehungsdrama auf einer Polizeiwache:
Deutsche tötet Freund und erschießt sich

Nach siebenstündigem Gespräch folgt Katastrophe Kollegen, Psychologen und SEK sahen dabei zu

Beziehungsdrama auf einer Polizeiwache:
Deutsche tötet Freund und erschießt sich © Bild: APA/DPA/Rolf Haid

Nach stundenlangen, nervenaufreibenden Gesprächen über ihre Beziehungsprobleme ist eine Polizistin in Mittelfranken ausgerastet und hat ihrem Ex-Partner in den Kopf geschossen. Nach der Tat in der gemeinsamen Dienststelle in Lauf an der Pegnitz feuerte die Frau auf sich selbst. Die 25-Jährige starb im Krankenhaus, der fünf Jahre ältere Polizeibeamte schwebte weiter in Lebensgefahr.

Besonders prekär an dem Fall: Mehr als sieben Stunden lang hatten die beiden in einem Zimmer der Polizeiinspektion miteinander geredet - in der Nähe Kollegen, Psychologen und ein bewaffnetes Spezialeinsatzkommando (SEK). "Die Lage vor Ort war so, dass keine aktuelle Bedrohung vorlag", sagte Polizeipräsident Gerhard Hauptmannl am Samstagabend bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Obwohl bekannt war, dass die Frau ihre Dienstpistole bei sich hatte, wurde sie nicht überwältigt und entwaffnet. Psychologen redeten immer wieder am Telefon auf die Beamtin ein. Dennoch konnte sie niemand dazu bewegen, ihre Waffe abzugeben.

"Engagierte Kollegin"
"Zu keinem Zeitpunkt ließen die Gespräche, die telefonisch geführt wurden, eine Eskalation des Geschehens erkennen", erklärte die Polizei im benachbarten Nürnberg. Vielmehr habe die Polizistin immer wieder beteuert, dass sie niemanden verletzten wolle. Die Einsatzkräfte glaubten den Versprechungen der 25-Jährigen, die bei Kollegen als sehr engagiert galt und den höheren Dienst anstrebte.

Die Schüsse in dem Dienstzimmer, in dem die beiden Beamten seit etwa 7.00 Uhr in der Früh intensiv geredet hatten, kamen nach Polizeiangaben völlig überraschend. "Leg den Kracher weg, komm runter und dann beginnt das Leben neu", sollen Polizisten nach Worten von Einsatzleiter Ingo Wittassek immer wieder zu der Frau gesagt haben. "'Jawoll' hat sie geantwortet. 'Ich will ja keinem wehtun'", gab Wittassek die Worte der Beamtin wieder. "Und dann fällt der Schuss. In 38 Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt."

Opfer in Lebensgefahr
Sekunden später stürmten die Einsatzkräfte das Zimmer. Die 25-Jährige starb wenig später. "Sein Zustand ist nach wie vor kritisch", sagte Polizeisprecher Peter Schnellinger über das Opfer, das in ein künstliches Koma versetzt worden sei. "Die Ärzte sehen eine Chance, dass der Kollege überleben wird", berichtete Polizeipräsident Hauptmannl.

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte sich der 30-Jährige aus unbekannten Gründen von seiner Lebensgefährtin getrennt. "Die 25-Jährige hing so stark an ihrem Lebenspartner, dass sie versuchte, die Beziehung zu retten", erklärte Hauptmannl. Gegen 22.00 Uhr sei die Beamtin dann bei ihrer Dienststelle aufgetaucht und habe erzählt, sie hätte etwas vergessen. "Das ist nichts Unnormales", sagte Schnellinger.

Vermittlung durch Gruppenleiter
Im Gebäude wartend schrieb die Frau den Angaben zufolge danach etliche SMS mit ihrem Ex-Freund und bat ihn zum Revier. Bei dem Gespräch sollte der befreundete Dienstgruppenleiter vermitteln. Stundenlang redete das Paar allerdings dann allein. Als Kollegen bemerkten, dass die Frau ihre Waffe bei sich hatte, wurden schließlich das SEK und Psychologen alarmiert. Immer wieder telefonierten die Experten mit der 25-Jährigen. Sie habe einen stabilen Eindruck gemacht, daher habe das SEK nicht einschreiten wollen. "Man hat auf den Faktor Zeit gesetzt", erläuterte Schnellinger den Grund, warum die Kräfte nicht zugriffen.

Niemand habe mit den Schüssen gerechnet, zumal es für Polizisten nicht verboten ist, die Dienstwaffe auch in der Freizeit zu tragen. "Polizisten sind grundsätzlich immer im Dienst. Das Waffengesetz sieht hier eine Ausnahme für Polizeibeamte vor", erläuterte ein Sprecher den bayerischen Innenministeriums.

Ob die an dem Einsatz beteiligten Polizisten Fehler machten, müssen nun interne Untersuchungen klären. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth ermittle nicht gegen die Beamten, sagte Oberstaatsanwalt Reinhold Wenny. "Es gibt keine Anhaltspunkte, dass etwas Verkehrtes oder Strafbares gemacht worden ist."
(Von Angelika Röpcke und Matthias Neigenfind/dpa)