Bestrebungen Schmieds zum Trotz: Projekt Gesamtschule von Österreichern abgelehnt

Laut neuen Umfragen sind über 60 Prozent dagegen Neue Initiative protestiert gegen Modellversuche<br>Koalitionspartner weiter uneinig über Gesamtschule

Den Bestrebungen von Unterrichtsministerin Claudia Schmied zum Trotz zeigen Umfragen eine deutliche Ablehnung der Österreicher zum Thema Gesamtschule. Laut einer Umfrage von "Marketing Data" sind 69,4 Prozent gegen und 20,8 Prozent für die Gesamtschule. Auch laut einer "Gallup"-Umfrage sind 23 Prozent gegen eine flächendeckende Einführung der Gesamtschule, 64 Prozent sprechen sich für die Aufrechterhaltung der Wahlmöglichzeit zwischen den Schultypen aus, der Rest machte keine Angaben. Mehrere Lehrer-, Eltern- und Schülerorganisationen sprechen kündigten Proteste gegen die Gesamtschule an. Auch die Parteien meldeten sich einmal mehr zur Causa zur Wort. Während die SPÖ beim Koaltionspartner "Bremser und Nein-Sager" ortet, wirft die ÖVP der Kanzlerpartei "Chaos und Verunsicherung" vor.

Nach Bundesländern spricht sich in der "Gallup"-Umfrage nur in der Steiermark und in Kärnten eine Mehrheit für die Gesamtschule aus (34 zu 33 Prozent). In Wien ist die Ablehnung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen mit 59 Prozent am größten. Für beide Umfragen werden keine Angaben über Sample-Größe und Umfrage-Zeitpunkt gemacht.

Mehrere Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter haben sich zusammengeschlossen, um gegen das Projekt Gesamtschule Protest anzumelden. Die "Plattform Schule-Bunt" tritt für die Beibehaltung des bestehenden "differenzierten" Systems ein und sammelt im Internet Unterschriften. Die Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft, Eva Scholik, zeigte sich bei einer Pressekonferenz enttäuscht darüber, dass mit den Betroffenen kein Kontakt aufgenommen worden sei.

Unterstützt sieht sich die Initiative durch jüngste Umfragen, wonach ein großer Teil der Österreicher eine Gesamtschule ablehnen. Und auch aus einer OECD-Studie zu PISA zitierte Scholik: "Es besteht kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Alter, in dem eine Selektion stattfindet, und den Durchschnittsergebnissen der Länder." Weiteres Gegenargument: Gerade in den in der Bildungspolitik als vorbildlich geltenden Ländern wie Schweden und Finnland sei die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch.

Pläne nicht ausgereift?
Konkret geht es der Lehrervertreterin aber um angeblich unausgereifte Pläne von Bildungsministerin Schmied. Ständig rede man nur über die äußere Organisation, einen Modellvorschlag für die Praxis gebe es nicht. Dafür bestehe aber auch kein Bedarf, "ich orte, dass unser Bildungssystem keine Sackgassen bildet". Scholik plädiert eher dafür, die "vielfältigen Möglichkeiten" des heimischen Schulsystems aufzuzeigen. "Ich stehe für Evolution statt Revolution, für Differenzierung statt Nivellierung, für Vielfalt statt Einfalt."

Johannes Fenz, Präsident des Katholischen Familienverbandes, sieht allein in der aktuellen Diskussion vor allem ein Problem: "Die Eltern wollen wissen, was sie kaufen, wenn sie ihr Kind in eine Schule geben." Derzeit herrsche jedoch Verunsicherung vor. Ein Zwei-Klassen-System würde es durch die Trennung von Hauptschule und Gymnasien nicht geben, meint er. Viel mehr müsse es zu einer "Entkoppelung von Bildungserwerb und Status" geben. "Wir vergessen oft die praktische Intelligenz."

Bundesschulsprecher Matthias Hansy von der VP-nahen Schülerunion sieht unter den 1,2 Millionen Schülern eher Ablehnung die Gesamtschule betreffend. Und auch hier wisse man derzeit nicht, woran man sei: "Es ist so, als wenn ich ein Flugzeug betrete, obwohl ich nicht weiß, ob es abstürzen wird." Auch Hansy ortet fehlende Kommunikation durch die politisch Verantwortlichen, die besser "Politik für das Volk als Politik gegen das Volk" machen sollten. Eines ist aber sicher: "Grundlegend ist es uns Schülern egal, ob wir nun in das gleiche Gebäude hineingehen oder nicht."

SPÖ ortet "Bremser und Nein-Sager"
SPÖ-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina hat bedauert, dass die ÖVP in der Diskussion um die Gesamtschule "jetzt wieder als Bremser und Nein-Sager-Partei auftritt". "Die wirklichen Drahtzieher und reaktionären Verfechter des Schüssel-Gehrer-Kurses geben offenbar weiterhin den Ton in der ÖVP vor". ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer hätte ÖVP-nahe Schüler-, Lehrer- und Elternsprecher und am Abend "sogar die gar nicht zuständige ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek" ausgeschickt, so Kalina.

Es liege jetzt an ÖVP-Chef Wilhelm Molterer, "dafür zu sorgen, dass nicht wieder die ideologisch motivierten Nein-Sager im Hintergrund die Fäden in der ÖVP ziehen". Die Volkspartei könne in der bildungspolitischen Diskussion zeigen, "ob sie wirklich aus der historischen Wahlniederlage vom 1. Oktober gelernt hat und tatsächlich bereit ist, sich zu öffnen", so Kalina.

ÖVP: Schmied richtet "ein einziges Chaos" an
Die ÖVP lässt die Kritik der SPÖ nicht auf sich sitzen. Generalsekretär Hannes Missethon warf dem Koalitionspartner in einer Aussendung vor, "mit der gegenwärtigen unkoordinierten Gesamtschuldiskussion Schüler, Eltern und Lehrer" zu verunsichern. Schmied richte "ein einziges Chaos" an. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina brauche "sich nicht wundern, wenn die ÖVP Nein sagt zu einem Anschlag auf die Interessen der Schüler, Eltern und Lehrer", so Missethon.

"Kalina soll nicht ideologische Scheuklappen vermuten, wo keine sind, sondern lieber dafür Sorge tragen, dass das gemeinsame Bildungsprogramm der Koalition umgesetzt wird, in dem festgehalten ist, dass allem voran eine Evaluierung der bisherigen Schulversuche erfolgt", wies Missethon die roten "Nein-Sager"-Vorwürfe zurück. Die ÖVP sehe sich durch jüngst veröffentlichte Umfragen zum Thema Gesamtschule bestätigt.

(apa/red)