Sterben 2.0

QR-Codes und pflegefreie Gräber - so sieht moderne Bestattungskultur aus

Vor ungefähr 20 Jahren war die Erdbestattung in einem Wahlgrab die dominante Bestattungsform. Zu einer Beerdigung sprach ein Pfarrer tröstende Worte und das Grab erhielt ein von einem Steinmetz gefertigtes Grabmal. In den vergangenen Jahren haben die Bestattungskultur und der Umgang mit der Trauer erhebliche Veränderungen erfahren.

von Gräber © Bild: Thinkstock
QR-Code
© Wiki Commons

Getrauert wird heute nicht mehr nur konkret in Tränen und emotionaler Ergriffenheit, sondern auch im Internet. QR-Codes auf Grabsteinen können auf die Lebensgeschichte des Verstorbenen im virtuellen Raum verweisen und erhalten zugleich einen konkreten Ort der Trauer an einem Grab.

Andererseits ist eine Sinnentleerung von Riten und Bräuchen im Umfeld von Bestattung und Trauer festzustellen. Diese Entwicklung stellt auch die Kirchen vor neue Herausforderungen, wenn beispielsweise Gebete und Riten nur noch von einer kleinen Zahl von Trauergästen verstanden werden. Der Theologe Oliver Wirthmann führt dies auf die schnellere Lebenspraxis zurück: "Wir haben eine größere Mobilität der Familienstrukturen, die oft weit verstreut leben. Deswegen suchen Menschen auch nach einer Grabform, die dem entspricht"“

Das erkläre den Trend zur Feuerbestattung . Die Urne bietet verschiedene Formen, die das Erdgrab nicht ermöglicht. Grabeskirchen, Kolumbarien, verschiedene Varianten auf dem Friedhof bis hin zum Verstreuen (wenn es die Friedhofsatzung erlaubt) und Bestattungen in Naturräumen sind möglich. "Gerade das Verstreuen birgt jedoch große Probleme", sagt Wirthmann. "Es gibt keinen speziellen Ort, an dem Angehörige trauern können. Es ist ein Aufgehen im Nichts, was der Hochschätzung der Individualität eines Menschen widerspricht." Ruhefristen auf Friedhöfen werden oft nur einmal in Anspruch genommen und nicht verlängert. "Das führt dazu, dass Identitätsorte für Familien und Menschen verloren gehen. Die Ex- und Hopp-Mentalität wirkt sich auch hier aus."

BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Ein Aussteller der BEFA mit einer Wasserurne. Sie sind aus ungebranntem Porzellan und lösen sich im Wasser und auch in der Erde auf.

Tabuthema Preisgestaltung

Menschen geben heute – teilweise notgedrungen, teilweise bewusst – weniger Geld für eine Bestattung aus. "Deshalb findet sie in manchen Fällen nicht mehr in einem würdigen Rahmen statt. Tod und Sterben sind auch in unserer offenen Gesellschaft noch immer ein Tabuthema, deshalb wissen viele Menschen nicht, was eine Bestattung kostet und haben in dieser Hinsicht kein Preisgefühl", erklärt Oliver Wirthmann.

Trauer nicht mehr fremdgesteuert

Positiv bemerkt der Trauer-Experte allerdings, dass Trauer unkonventionellere Formen annimmt, die Menschen sich nicht mehr vorschreiben lassen wollen, wie sie trauern. "Der soziale Druck hat abgenommen. Bei der Vielfalt der Formen merkt man, dass die kirchliche Beteiligung noch immer wichtig, aber bei weitem nicht mehr selbstverständlich ist."

Verschiebung zum Diesseits

Es findet eine Verschiebung zum "Diesseits", zum weltlichen Leben statt. "Das erklärt auch, weshalb in einigen Fällen geringerwertige Waren im Rahmen der Bestattung gewählt werden. Das diesseitige Leben spielt eine größere Rolle als früher, als man noch intensiver an ein Leben nach dem Tod glaubte." Er empfiehlt: "Man sollte sich immer die Frage stellen, ob die Bestattung zu dem Leben des Verstorbenen passt und ihm gerecht wird."

Wohl zu überlegen sei laut Wirthmann auch der Weggang vom traditionellen Familiengrab. "Vielen ist nicht bewusst, dass die Urne auch im Familiengrab beigesetzt werden kann."

BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Urnen mit bunten Motiven, augestellt auf der BEFA

Moderne Grabpflege

Was die Grabpflege betrifft, gibt es heute ebenso viele Möglichkeiten: Durch einen Grabpflegevertrag können diese Aufgabe von jemand anders übernommen werden, sollte man nicht am Ort wohnen.

Auch Gemeinschaftsgrabanlagen mit einheitlicher Pflege seitens des Friedhofes sind eine Variante. Hier muss jeder Angehörige seine eigene Form finden und sollte sich nicht in seiner Intuition beirren lassen. "Wenn es gelänge, die Vielfältigkeit der Gesellschaft auch auf dem Friedhof darzustellen, wäre unsere Bestattungskultur viel bunter", sagt Wirthmann. Deswegen fordert er dazu auf, den Mut zu haben, eigene Schritte zu gehen und Dinge, die zunächst unkonventionell erscheinen, in die Gesamtbestattungskultur einzubetten.

Innovationen der Bestattungsbranche

Särge, die aussehen wie ein Tennisschuh, ein Flugzeug oder Tiere - auf der weltgrößten Bestattungs-Fachmesse in Düsseldorf (BEFA) wurden Ende Mai die schrägsten und innovativsten Neuheiten aus der Bestattungsbranche präsentiert.

Pflegefreies Grab mit Kamerafunktion

Die Grabpflege stellt in heutiger Zeit Angehörige oft vor ein Problem: Was tun, wenn man weit entfernt wohnt oder es niemanden gibt, der die Möglichkeit hat, sich um ein Grab zu kümmern? Grabpflegeverträge oder Gemeinschaftsgrabfelder, bei denen die Grabpflege inklusive ist, sind deswegen immer zahlreicher geworden.

Selbstpflegendes Grab
© BEFA Das pflegefreie Grab ist mit einer über Sensoren gesteuerten Bewässerungsanlage ausgestattet.

Doch nun hat die Firma Pusch GmbH & Co. KG eine ebenso neuartige wie originelle Idee entwickelt: Das pflegefreie Grab ist mit einer über Sensoren gesteuerten Bewässerungsanlage ausgestattet. Wenn die Erde zu trocken wird, gießt das Grab sozusagen selbstständig die Blumen. Außerdem kann eine Kamera Bilder vom Zustand des Grabes direkt aufs Handy der Angehörigen übertragen. Großes Interesse fanden auch Systeme, die über einen QR‐Code am Grab Zugriff auf Trauerseiten im Internet ermöglichen.

BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Ein BEFA-Aussteller bietet den Fingerabdruck des Verstorbenen als Schmuck an
BEFA Bestattermesse
© imago/sepp spiegl Die Asche des Verstorbenen, kunstvoll verwoben in Glas
BEFA Bestattermesse
© imago/sepp spiegl Die alte Kunst der Totenmaske feiert eine Renaissance. Der Bestatter Frank Schöneberg hat diese Kunst neu kultiviert.

Ökologie als Trend

Ein weiterer Trend: Umweltfreundlichkeit. Neuartige Sarg‐ und Urnenmaterialien wie biologisch abbaubare Kunststoffe oder auch Filz und Weidengeflechte weisen in diese Richtung. Auch bei der traditionellen Sterbewäsche waren Naturstoffe wie Leinen oder Baumwolle gefragt.

Kunstsärge

Als besondere Hingucker der BEFA 2014 erwiesen sich die verschiedenen Kunstausstellungen, die sich mit dem Thema "Tod in der Karikatur" auseinandersetzen. Einen "bunten" Eindruck der Trauerkultur in Afrika vermittelte die Ausstellung von phantastischen Särgen aus Ghana, die mit ihren kreativen Exponaten die Besucher besonders begeisterten.

BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana in Tennisschuh-Form
BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana

Seit rund 60 Jahren ist es in Ghana Tradition, Menschen in ungewöhnlichen Särgen zu bestatten. Die großen bunten Holzanfertigungen bilden Tiere, Schiffe oder Früchte nach: Meist Gegenstände, die einen Bezug zum (Berufs-)leben des Verstorbenen haben. Ob die Sargkunst auch hierzulande zum Trend wird, bleibt fraglich: Die kunstvoll angefertigten Särge müssten bei Interesse aufwändig und nicht gerade kostengünstig nach Europa geschifft werden.

BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana
BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana
BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana
BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl Kunstsarg aus Ghana
BEFA Bestatterfachmesse in Düsseldorf
© imago/sepp spiegl

Weiterführender Link:
Mehr Infos zum Thema unter bestatter.de.

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