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Salzburger Festspiele:
Tobias Moretti wird "Jedermann"

Moretti löst damit Cornelius Obonya ab - Stefanie Reinsperger ist die neue Buhlschaft

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Tobias Moretti ist Salzburgs neuer "Jedermann". Ab dem Sommer 2017 wird der Schauspieler am Domplatz in Hofmannsthals Traditionsstück als Nachfolger von Cornelius Obonya die Titelrolle spielen, ihm zur Seite wird Stefanie Reinsperger als "Buhlschaft" gestellt. Diese heiß diskutierte Personalie wurde von den Festspielen heute, Donnerstag, im Wiener Hotel Sacher präsentiert.

1959 in Gries am Brenner als Tobias Bloeb geboren, ist Moretti sowohl auf der Theaterbühne als auch in Film und Fernsehen präsent. Im Fernsehen spielte er für ein Millionenpublikum den Freiheitshelden Andreas Hofer ("Die Freiheit des Adlers") und den Richie Moser in "Kommissar Rex", bei den Salzburger Festspielen brillierte er bereits als Teufel und guter Gesell im "Jedermann", am Burgtheater überzeugte er unter anderem an der Seite von Gert Voss in "Faust". Zu seinen jüngsten Kinofilmen zählen unter anderem "Jud Süß - Film ohne Gewissen", "Das finstere Tal", "Hirngespinster", "Der Vampir auf der Couch" oder "Das ewige Leben". Seit einigen Jahren führt Moretti auch erfolgreich Regie, unter anderem im Theater an der Wien.

Reinsperger
© APA/Pfarrhofer Stefanie Reinsperger

Stefanie Reinsperger wird "Buhlschaft"

Stefanie Reinsperger wurde 1988 in Baden bei Wien geboren. Sie studierte am Max Reinhardt-Seminar, wo sie 2011 den Abschluss machte. Von 2011 bis 2014 war die Schauspielerin Ensemblemitglied am Schauspielhaus Düsseldorf, es folgte eine Saison am Burgtheater. Seit September 2015 ist sie am Wiener Volkstheater Ensemblemitglied. Aus Film und Fernsehen kennt man Reinsperger etwa aus David Schalkos Spielfilm "Wie man leben soll" und seiner Fernsehserie "Braunschlag" (2011) oder aus dem Kinofilm "Schoßgebete" (2013, Regie: Sönke Wortmann). 2015 wurde sie von der Zeitschrift "Theater heute" sowohl als beste Schauspielerin als auch als Nachwuchsschauspielerin des Jahres ausgezeichnet.

Heinz Sichrovsky: Der Griff zum Nächstliegenden

Das Nächstliegende – und Tobias Moretti als Jedermann zu verpflichten, ist seit langem das Nächstliegende – war in Bühnenbelangen nicht immer das Beste. Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ aber folgt anderen Gesetzen: Das Stück ist nicht in erster Linie dem Theater, sondern wesentlich dem Spektakel zuzuordnen. „Jedermann" wurde 1911 in einem Berliner Zirkus uraufgeführt, und seine Stunde schlug, als er 1920 auf den Salzburger Domplatz transferiert wurde. Dazwischen lagen ein Weltkrieg und das Ende der Monarchie, und die im Stück artikulierte Gewissheit, dass es keine Schuld gibt, die sich auf dem Weg religiösen Wohlverhaltens nicht problemlos tilgen ließe, hatte sich gründlich verflüchtigt. Doch das nicht sonderlich geglückte Mysterienspiel schaffte es vom Theaterstück zum „Event“ mit Langzeitprognose. Vorausgesetzt, dass für die Titelrolle der jeweils führende Schauspieler seines Sprachraums zum Einsatz käme.

Das wurde über beinahe 100 Jahre so gehalten, bis man zuletzt das Experiment wagte, den ausgezeichneten Schauspieler Cornelius Obonya aus der zweiten in die erste Reihe zu holen. Das Experiment ist soweit gelungen, und doch fehlte dem Ganzen auch außerkünstlerisch der Glanz, der „Jedermann" über fast 100 Jahre den Bestand gesichert hat. Vernünftiger- und begrüßenswerterweise also hat die neue Festspielführung wieder zum Nächstlegenden gegriffen: Tobias Moretti war seit eineinhalb Jahrzehnten eine der nobelsten „Jedermann“-Optionen. Wer ihn nur von seiner außergewöhnlichen Filmkarriere kennt, hat etwas versäumt: Morettis erster, Aufsehen erregender Erfolg war der Titelheld in Shakespeares „Troilus und Cressida“ in München. Regie führte der damals auf dem Zenit seines Wirkens stehende Dieter Dorn, und Moretti hat seither, selektiv, aber konsequent, sogar Theatergeschichte geschrieben: als er in Bochum unter der Regie des damaligen Intendanten Matthias Hartmann die Uraufführung von Botho Strauß’ „Pancomedia“ spielte. In Salzburg war er der Titeldarsteller in Martin Kusejs schätzenswerter Inszenierung des Grillparzer’schen Königs Ottokar. Und zulezt erwies er sich als bedeutender Brecht-Schauspieler: Unter darstellerisch vielfach überforderten Opernsängern gab er im Theater an der Wien dem Mackie Messer alles, was die „Dreigroschenoper“ mit ihrer gigantischen Aufführungsgeschichte fordert.

Dazu kommt die enorme Popularität, die er sich erworben hat, seit er als junger Mensch unter dem Polizeihund „Kommissar Rex“ diente und trotzdem keine Anstalten machte, sich künstlerisch zu beschädigen. Er wird sich mit Glanz und Können in die Reihe jener Giganten fügen, die sich am zweifelhaften „Jedermann“-Text mit Lust und Erfolg abgearbeitet haben.

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