63. Berlinale von

Filmschwerpunkt "Katholizismus"

Religiöse Themengebiete dominieren zur Halbzeit - noch keine Favoriten erkennbar

Isabelle Huppert bei der Berlinale 2013. © Bild: APA/EPA Kay Nietfeld

Schleppend ging der Wettbewerb in diesem Berlinale-Jahr los. Unter den Filmen der ersten Filmfestspieltage in Berlin zeigte sich kein richtiger Favorit für einen Bären. Schon der außer Konkurrenz gezeigte chinesische Eröffnungsfilm "The Grandmaster" gab mit seinen artifiziellen Bildern von Kung-Fu-Kämpfen ein mattes Tempo vor.

Auffällig häufig steht diesmal die katholische Religion im Mittelpunkt der Filme: Der polnische Beitrag „In the Name of“ versteht es, eindringlich die Einsamkeit des jungen Geistlichen auf dem Land spürbar zu machen, der seine Homosexualität zu unterdrücken sucht. „The Nun“ mit Isabelle Huppert und Martina Gedeck ist eine Neuverfilmung eines Diderot-Romans, in deren Mittelpunkt eine junge Adelige steht, die aufgrund der finanziellen Not ihrer Familie gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt wird und dort Mobbing und Übergriffen von Mitschwestern ausgesetzt ist. Das Beklemmende des Eingesperrtseins hinter Klostermauern will aber nicht recht überspringen.

"Geduldsprobe" Binoche

Das gelingt dem ebenfalls französischen Streifen „Camille Claudel 1915“ mit Juliette Binoche schon weit besser: Allerdings beschäftigt sich der Film auch mit nichts anderem als der von ihrer Familie in eine psychiatrische Anstalt gesteckten Schwester des Dichters Paul Claudel, Camille. Zwar kommen hier die geistlichen Schwestern als Betreuerinnen deutlich besser weg, doch ist der Film mit dem wiederkehrenden Verharren auf dem mal lachenden, mal zuckenden, mal weinenden Gesicht der Hauptdarstellerin oder einem minutenlangen Gebet ihres Film-Bruders eine Herausforderung an die Geduld des Publikums, das den Kinosaal bei der Vorführung reihenweise verließ. Zudem ist das Mitwirken von geistig behinderten Laiendarstellern heikel, weil es einen schalen Geschmack von Zurschaustellung hinterlässt.

Explizite Szenen

Viel Wasser fließt in dieser Berlinale, bei einigen Unwettern, aber auch durch diverse Meere und Bäche: Der russische Film „A long and Happy Life“ über einen Farmpächter, den die korrupten Provinzgewaltigen vertreiben wollen, endet mit einer Einstellung über einem rauschenden Fluss. Der deutsche Beitrag „Gold“, der eine Expedition von sieben Glücksrittern in den Wilden Westen Kanadas zum Thema hat, beginnt mit dem Blick auf einen Bach. Die darin geschilderte Reise läuft nach dem 10-Kleine-Negerlein-Prinzip ab, sodaß nur die von Nina Hoss gespielte Frau das Ziel erreicht. Allerdings erhebt sich die Frage, auch wenn es diesmal im Berlinale-Wettbewerb vergleichsweise ohne Gewaltszenen abgeht, warum manches gar so deutlich geschildert werden muss, wie hier das Absägen eines kranken Beins oder die Sexszenen im polnischen Beitrag. Mitunter wäre weniger mehr. Der Kampf um die eigene Farm findet übrigens neben dem russischen auch in dem US-Film „Promised Land“ statt, wo Land für die umstrittene Gasgewinnungsmethode Fracking geopfert werden soll.

Frauen im Fokus

Der 63. Berlinale-Wettbewerb ist aber auch ein Filmfest der Frauen als Hauptfiguren: Das beginnt beim österreichischen Beitrag von Ulrich Seidl, dem dritten Teil der Trilogie „Paradies“, mit dem Titel „Hoffnung“. In den kalten Mauern eines Sanatoriums ist ein Diätcamp für übergewichtige Jugendliche eingerichtet, wo sich ein 13-jähriges Mädchen in den um 40 Jahre älteren Arzt verliebt. Die pummeligen Laiendarstellerinnen bieten beachtlich authentische Leistungen. Einen Thriller aus Südafrika samt hervorragender Hauptdarstellerin (Rayna Campbell) hat Pia Marais mit „Layla Fourie“ geschaffen: Eine alleinerziehende Mutter verletzt bei einem nächtlichen Verkehrsunfall einen Mann tödlich und gerät ohne es zu beabsichtigen mit dessen Familie in immer engeren Kontakt. Das Bangen um die Entdeckung der Wahrheit bleibt bis zum Schluss der um latenten Rassismus und Angst vor Gewalt kreisenden Geschichte.

Highlights aus Chile und Rumänien

Eine starke Frau präsentiert „Gloria“ aus Chile: Das Einlassen einer Endfünfzigerin auf die Liebe wird mitunter komisch, aber auch mit einem Schuss Melancholie erzählt. Anders stark ist die Frau im rumänischen Beitrag „Childs Pose“, der auch der erste ist, dem man einen Bären zutrauen könnte: Eine Mutter aus der rumänischen Oberschicht versucht mit allen Mitteln ihren Sohn, der mit seinem Auto ein Kind tödlich verletzt hat, zu schützen. Der Film von von Calin Peter Netzer lebt von überzeugenden Schauspielern, zeigt aber auch die Korruption und das Zerrüttete in der rumänischen Gesellschaft auf. Stimmig in der Handlung und im Anliegen, gut erzählt - ein Filmerlebnis rundum. Das lässt sich vom kanadischen Beitrag „Vic+Flo have seen a Bear“ nicht behaupten. Zu viel wird angesprochen, ohne für den Zuschauer gelöst zu werden. Was hat die Haftentlassene angestellt, die sich mit ihrer Freundin in ein Haus in der Einöde zurückzieht? Warum nimmt eine Fremde an dieser Freundin so grausam Rache? Letztlich geht es dem Regisseur Denis Coté aber offenbar mehr um die Diskussion von Schuld und Sühne, als darum, eine schlüssige Geschichte zu erzählen.

Auch der in seiner Heimat Iran mit Berufsverbot belegte Jafar Panahi dürfte mit „Closed Curtain“ weniger an einer überzeugenden Story als an Metaphern und rätselhafter Symbolik gelegen sein. Spätestens dann, wenn er selbst mitten im Film auftaucht und seine zwei Darsteller dadurch zu eindimensionalen Drehbuchfiguren werden. Solide, aber ein wenig einfach gestrickt, kommt demgegenüber „An Episode in the Life of an Iron Packer“ aus Bosnien daher, der von einer Roma-Familie handelt, die das Geld für eine dringende Spitalsbehandlung der Mutter nicht aufbringen kann.

Die Bären werden am Samstag, 16. Februar, vergeben.

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