Bei VP in Ungnade gefallen, SP hofiert ihn:
"Mister PISA" Günter Haider im PORTRÄT

Von Gehrer in Zukunftskommission berufen

Wird in Österreich über Bildungspolitik oder die internationale OECD-Bildungsvergleichsstudie PISA diskutiert, kommt man an einem Mann nicht vorbei: Günter Haider (53). Der Erziehungswissenschafter leitet das an der Universität Salzburg eingerichtete Projektzentrum für Vergleichende Bildungsforschung (ZVB), das unter anderem PISA in Österreich durchführt. Zudem berief ihn Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) an die Spitze der Zukunftskommission für die Reform des Schulwesens, die im April 2005 ihren Abschlussbericht vorlegte.

Seit Haiders Kritik an der mangelnden Umsetzung der Vorschläge im vergangenen Herbst herrscht allerdings Eiszeit zwischen ihm und der ÖVP - bei der SPÖ ist er dagegen derzeit gern gesehener Gast.

Politisch lässt sich Haider schwer einordnen: Seine Kritik dürfte für die ÖVP umso schmerzlicher sein, als er ursprünglich am ehesten aus ihrem Lager kommt. Er war Mitglied des VP-nahen Christlichen Lehrervereins und betonte auch später in einem Interview, dass weltanschauliche Nähe seiner Bestellung zum Chef der Zukunftskommission sicher nicht geschadet habe: "Eine VP-Ferne war es sicher nicht." In dieser Zeit absolvierte Haider zahlreiche Auftritte mit Gehrer - etwa bei der Präsentation der Entwürfe von Bildungsstandards.

Als Kommissions-Chef und PISA-Experte war Haider aber bei allen politischen Parteien zu Gast: Er referierte im Vorjahr bei einer freiheitlichen Klubklausur, heuer bei einer öffentlichen Klubsitzung der Grünen und scheut auch - wie etwa heute - gemeinsame Pressekonferenzen mit SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer nicht. Für diese nahm er als ZVB-Chef extra Urlaub. Außerdem hält er zahlreiche Vorträge vor Lehrern und BIldungs-Beamten.

ÖVP böse auf Haider
Mit der ÖVP ist das Verhältnis denkbar schlecht: Diese empfahl ihm nach seiner Kritik an Gehrer unter anderem eine politische Karriere bei SPÖ und Grünen, warf ihm schlechte Honorarkultur sowie eine Verfälschung der PISA-Resultate vor und bezeichnete ihn als "Assistenten" (Haider ist Assistenzprofessor an der Uni Salzburg, Anm.). Umgekehrt revanchiert sich Haider mit kaum verhohlener Kritik an Gehrer, wenn er eine Bildungspolitik fordert, die mit den komplexen Aufgaben auch zurecht kommt oder (wie im vergangenen Herbst) meint, dass die Ministerin "einfach nicht mehr den Eindruck macht, als könnte sie die Motivation aufbringen, um diese große Aufgabe zu bewältigen."

Haider wurde am 5. Oktober 1952 in Grein an der Donau (OÖ) geboren. Er maturierte am Bischöflichen Musik-Pädagogischen Oberstufenrealgymnasium in Linz, besuchte die Pädagogische Akademie in Linz und absolvierte 1973 das Lehramt für Volksschulen. Begleitend zu seiner Tätigkeit als Lehrer bildete er sich weiter: 1980 folgte das Lehramt für Hauptschulen, vier Jahre später jenes für Polytechnische Schulen und 1987 das Lehramt für Informatik. Zwischen 1981 und 1987 studierte Haider an der Uni Salzburg Erziehungswissenschaften und wurde 1987 promoviert. Haider wechselte darauf hin von der Praxis in die Theorie und lehrt heute an der Uni Salzburg. Zwischen 1991 und 1995 folgte ein Zweitstudium in Psychologie und die zweite Promotion 1995.

Neben seinem Spezialgebiet "Computer im Unterricht" widmete sich Haider zunehmend dem Gebiet der internationalen Bildungsvergleiche, das spätestens seit Präsentation der Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahr 2001 auch in einer breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit genießt.
(apa)