Before Midnight von

Grandiose Paarstudie

Dritter Teil zeigt die Liebe mit 40, trifft ins Schwarze und entlässt mit Optimismus

  • Before Midnight
    Bild 1 von 7 © Bild: Filmladen Filmverleih

    Before Midnight

    Nach "Before Sunrise" und "Before Sunset" gibt es Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) jetzt in "Before Midnight" in ihren 40ern. Der Film brilliert mit Witz und Realismus und entlässt den Zuschauer mit gewohntem Feel-Good-Gefühl.

  • Before Midnight Premiere in Wien
    Bild 2 von 7 © Bild: christian fischer fotografie

    Before Midnight

    Regisseur Richard Linklater besuchte zur Premiere den Ort, wo alles anfing: Wien. Er kam zur Vorstellung ins Village Cinema.

18 Jahre nach dem Auftakt in Wien und neun Jahre nach der Fortsetzung in Paris setzen US-Regisseur Richard Linklater und seine beiden Hauptdarsteller und Co-Autoren Ethan Hawke und Julie Delpy der romantischen Liebessaga rund um die Französin Celine und den Amerikaner Jesse ein vorläufiges Ende: In "Before Midnight" sind die beiden mittlerweile ein Paar in ihren 40ern und leben mit ihren Zwillingen in Paris. Im ausklingenden Sommerurlaub in Griechenland haben sie endlich wieder einmal Zeit zu reden - und dabei wird äußerst wortgewandt in nur sieben Sequenzen die Paarbeziehung im Konkreten und im Allgemeinen verhandelt. Zur Premiere des Filmes war der Regisseur auch persönlich in Wien anwesend und stand den Kinobesuchern Rede und Antwort.

Ausgangspunkt der mehr als eineinhalbstündigen intelligenten Diskussion zwischen Celine und Jesse sind dessen Selbstvorwürfe, dass er die Kindheit seines 13-jährigen Sohnes verpasst, den er gerade wieder in den Flieger nach Chicago gesetzt hat. Doch Celine hat keine Ambitionen nach Chicago zu ziehen, ganz im Gegenteil wartet auf sie ein gutes Angebot in Paris. Aus diesem Zwiespalt bezieht "Before Midnight" seine dramaturgische Energie, ohne sich allzu lang mit diesen Zukunftsplänen aufzuhalten. Vielmehr beginnen Celine und Jesse eine retrospektivische Analyse ihrer Paarbeziehung bis zum Jetztzustand, offen, schonungslos, scharfzüngig und erschütternd. Er habe wollen eine erwachsene, romantische Liebe abbilden, so Regisseur Linklater bei der Premiere in Wien.

Traditionelle Muster

Dabei beginnt der außergewöhnliche Dialogmarathon entspannt und gut gelaunt, die Autofahrt vom Flughafen zurück zum Anwesen des Autors Patrick, der Jesse nach Griechenland eingeladen hatte, hat mehrfach klassische Woody-Allen-Momente und macht klar, dass die beiden Protagonisten ihre Entscheidung füreinander nicht bereuen, die Romantik aber angesichts von komplizierten Lebensorganisationsabläufen zu kurz kommt. Zurück auf der wunderschönen Anlage von Patrick bewegen sich Jesse und Celine in den traditionellen Mustern: Während er mit den anderen Männern die Literatur bespricht, bereitet sie gemeinsam mit den Frauen das Essen vor, das einen zentralen Punkt im Film einnimmt.

Die Fetzen fliegen

Linklater hat dafür das Zwei-Personen-Konzept aus "Before Sunrise" und "Before Sunset" aufgebrochen und lässt eine muntere Runde verschiedener Generationen (darunter "Attenberg"-Regisseurin Athina Rachel Tsangari) über die Liebe und das Leben im digitalen Zeitalter diskutieren. Was folgt, ist ein langer Spaziergang von Jesse und Celine - und der lockere Plauderton vom Esstisch verwandelt sich rasch in ein persönliches Gespräch, dessen Stimmung sich von Minute zu Minute ändert und das die alten und neuen Wunden der komplizierten Beziehung offenlegt. Im Hotelzimmer angekommen, das ihnen für eine romantische Nacht geschenkt wurde, fliegen dann bald die Fetzen.

Nichts von ihrem Charme verloren

Würde man den Plot des Films einfach nur in aller Kürze beschreiben, könnte das durchaus billig bis kitschig wirken. Doch die Figuren aus Linklaters Universum sind so lebendig, so voller Leben und Authentizität, dass immer wieder höchst wahrhaftige Momente entstehen - und sie haben nichts von ihrem einstigen Charme verloren. Ein wunderbares Kinopaar mit Schwächen also, das dem Zuschauer wohl genau deshalb so nah ist - er, selbstverliebt, wortgewandt und mit sich und der Welt größtenteils zufrieden, sie, selbstbewusst und mit Aufopferungswillen, aber auch mit einer Grundskepsis gesegnet. In "Before Midnight" prallen sie nun wieder aufeinander - und es sprühen die Funken. Sehr sehenswert und trotz allem Realismus kommt auch der Witz nicht zu kurz. Zudem verlässt man als Besucher den Kinosaal mit einem absolut positivem Gefühl und Optimismus in Bezug auf die "dauerhafte Liebesbeziehung".

Und möglicherweise darf sich der Kinobesucher auch in neun Jahren wieder auf einen neuen Teil mit Celine und Jesse freuen. Ausschließen wollte Linklater dies in Wien nicht - bestätigen aber auch nicht. "Wissen Sie was sie in neuen Jahren machen?", quittierte er die Frage aus dem Publikum ebenso scharfzüngig wie er seine Charaktere auf der Leinwand streiten lässt.

www.before-midnight.at

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