Bedrohung des Amazonas-Regenwald wird immer massiver: Weltklima droht zu kippen

Indigene Völker werden von Weltkonzernen verjagt Brasiliens Wirtschaftswachstum hat absoluten Vorrang

Bedrohung des Amazonas-Regenwald wird immer massiver: Weltklima droht zu kippen

Amazonien, der "weltgrößte Supermarkt", erstreckt sich über zehn südamerikanische Staaten, ist 7,5 Millionen Quadratkilometer groß, 23 Millionen Menschen leben in ihm, mit ihm, durch ihn. Vor rund 500 Jahren kam erstmals "Besuch" von außerhalb: Die Portugiesen entdeckten Brasilien für sich. Damals lebten etwa fünf Millionen Indigene in Amazonien. Wie viel es zu Beginn des dritten Jahrtausends sind, weiß niemand so genau. Wahrscheinlich ein paar Hunderttausend.

Die meisten indigenen Völker wurden von Weltkonzernen, die sich auf das qualitativ hochwertige Regenwaldholz und das Gold aus dem Amazonas stürzten, vertrieben, ausgesiedelt, verjagt. Geschätzte 380.000 leben mittlerweile in einer völlig fremden, feindlichen Welt: den Städten. Dort dreht sich das Marginalisierungskarussell rasend schnell: Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Armut, Verwahrlosung, Drogen, Alkohol, Prostitution, Aids. Die Kinder werden zwar in Schulen geschickt, dort wird ihnen aber der letzte Rest an indigener Kultur ausgetrieben.

Wenn die großen Firmen kommen...
"Sie haben mich schon mit dem Tod bedroht", erzählt Helton Rodrigues Paes vom Volk der Mura während seinem Besuch in Österreich. Einem sehr prominenten Kollegen von ihm, der sich ebenfalls sehr in der Conselho Indigenista Missionario (CIMI) engagiert, ist das auch schon passiert: Bischof und CIMI-Präsident Erwin Kräutler. "Wenn die großen Firmen kommen und wir uns aufregen, dass sie uns unser Land wegnehmen, wer wird dann verhaftet? Natürlich wir", klagt Helton. Sehr viel negativen Einfluss auf die Situation im brasilianischen Abschnitt Amazoniens (immerhin 5,2 Mio. Quadratkilometer) habe auch Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva, kurz: Lula.

Ureinwohner gelten als Hindernis
Unlängst habe er die Indigenen als Hemmschuh für die Entwicklung Brasiliens bezeichnet. Sie stünden ihm bei der Umsetzung der Wachstumspläne im Weg. Die gigantischen Flächen werden für die Anpflanzung von Zuckerrohr gebraucht, dem Grundprodukt für Bio-Kraftstoffe. Sehr beliebt sind auch Soja, Reis und Viehzucht. Deshalb wird in Amazonien mit internationaler Beteiligung gerodet, verbrannt und plattgemacht. Helton ist verzweifelt: "Die Firmen haben sogar Verträge unterschreiben müssen, dass sie das Land wieder aufforsten müssen. Aber bis heute ist kein einziger Baum gepflanzt worden."

Zivilisation als Bedrohung
Mehr als 70 indigenen Völkern steht das Schlimmste noch bevor. Ihnen, die ganz tief drinnen im Wald leben, völlig abgeschottet von der sogenannten zivilisierten Welt, seit Jahrtausenden auf sich selbst gestellt, rücken die schweren Bagger näher und näher. "Sie haben gar keine Chance zu fliehen, sie hatten ja bisher noch zu niemandem Kontakt", sagt Helton.

Anfangs habe man an Lula geglaubt, blickt Helton zurück im Zorn: "Aber mittlerweile ist er der Präsident, unter dem am wenigsten Land für die Indianer markiert, also geschützt wurde." Die Indigenen kämpfen also weiter. Sie protestieren öffentlich, besetzen Behörden, fordern Rechte. Und sieh an, einige wurden sogar in der Verfassung verankert. Doch Brasiliens Wirtschaftswachstum sind die indigenen Völker ebenso ein Dorn im Auge wie den internationalen Konzernen. Sie werden weiter wüten im Regenwald. Die Fläche Österreichs so heißt es, werde jährlich abgeholzt. Also dauert es nicht einmal mehr 100 Jahre und er ist Geschichte. Die Indigenen auch. (APA/red)