Baumeister der Illusionen

von Volkstheater © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Vor 150 Jahren, im Frühjahr 1871, machte sich der 23 jährige Hermann Helmer auf den Weg nach Wien. Geboren in der Nähe von Hannover als Sohn eines Goldschmieds, der ihn eine Maurerlehre absolvieren ließ, bestand er darauf, die Baugewerbeschule zu besuchen und Architektur zu studieren. Der Bau der Ringstraße sprach sich herum, das Bürgertum forderte ihre eigenen Repräsentationszentren neben den Schlössern und Palästen des Adels, aus ganz Europa kamen Fachkräfte auf der Suche nach Arbeit nach Wien.

Helmer begann als technischer Zeichner im Atelier von Ferdinand Fellner. Nach dem plötzlichen Tod von Fellner senior übernahm sein Sohn, Ferdinand Fellner junior, das Unternehmen. 1873 gründete der erst 26-jährige Fellner mit dem 25-jährigen Helmer ein neues Unternehmen. Die Architekturgemeinschaft Fellner &Helmer dominierte in den nächsten Jahrzehnten den Markt für Theater in Europa -48 Projekte zwischen 1873 und 1919. Sie planten und bauten weitere Gebäude wie Hotels, Büros, Kauf-und Wohnhäuser und private Villen. Im österreichischen Architektenlexikon sind mehr als 200 unterschiedlichste Bauten dokumentiert, etwa Konzerthaus, Volkstheater, Ronacher und Akademietheater in Wien, das Opernhaus in Graz, das Hotel Schneeberghof in Puchberg, das Nationaltheater in Zagreb, das Maria-Theresia-Hospital in Wien, das Opernhaus Zürich und das Stadttheater Kecskemet. Fast alle Theater sind trotz Umbauten heute noch in Betrieb.

Stadttheater Brünn

Grund für den sensationellen Erfolg der beiden jungen Architekten war weniger modernes, kreatives Design als perfekte Kombination technischer Erneuerungen mit preiswerter Bauart und verlässlicher Funktionalität - wie beim Stadttheater Brünn, dem ersten Theater in Europa mit elektrischer Beleuchtung. Konkurrenzlos boten sie die kürzeste Bauzeit, Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften und Fluchtwege und Berücksichtigung der Wünsche privater Spender mit Prunk und Glanz, massenhaft Karyatiden mit halbnackten Figuren, die Balkone und Logen trugen, Plüsch und Kitsch, pompöser Deckengestaltung und in jeder freien Ecke des Theaters eine Büste der Nationaldichter und Komponisten.

Nach dem katastrophalen Ringtheaterbrand 1881 in Wien mit 400 Toten forderten die Behörden neue, strenge Sicherheitsmaßnahmen. Um ihre Erfindungen zu präsentieren, entwickelten die Architekten eine ungewöhnlich Strategie. Auf ihre Anregung wurde ein Modell-Brandtheater erbaut, in dem vor Vertretern der Baubehörden Brandproben durchgeführt wurden. Die Architekten wollten beweisen, dass bei verschiedenen Brandherden innerhalb des Theaters die Zuseher innerhalb kürzester Zeit das Gebäude verlassen könnten.

Das neue Theatermodell entsprach einem dreigeteilten Bausystem, bestehend aus Vorderhaus mit Vestibül, Treppen und Salon, anschließendem Saalbau und dem durch einen eisernen Vorhang abgetrennten Bühnenhaus. Um im Ernstfall die schnelle Räumung des Theaters zu ermöglichen, wurden maximal drei Ränge vorgesehen. Im Sinne der neuen "Bürgernähe" wurde auch die Anzahl der absperrbaren Logen reduziert.

In einem Vortrag 1902 erinnerte sich Ferdinand Fellner: "Der Ringtheaterbrand warf ein grelles Licht auf die Wege, welche die Behörden und die Theaterbaumeister künftig einzuschlagen hatten. Man erkannte erst jetzt den Unterschied zwischen Menschen, die in Ordnung das Theater betreten oder verlassen, und Menschenmengen, die, durch Todesangst besinnungslos geworden, im Selbsterhaltungstrieb die Schranken jeder Ordnung zügellos niederreißen".

Industrialisierung

Das Wiener Architektenbüro erfüllte die Wünsche des neuen Geldadels, der durch die Industrialisierung reich geworden war und den traditionellen, durch Erbe und Status gewichtigen Adel ablöste. Das erfolgreiche Bürgertum verlangte eigene "Kulturtempel". Es wollte sich in seinen teuren Garderoben der Gesellschaft zeigen, nicht nur in Luxushotels und Restaurants, sondern auch die Kultur erobern, oft fern ab von den Hauptstädten in den kleineren Orten Deutschlands und der österreichischen Monarchie. Fellner und Helmer bauten Theater in 39 Städten und schufen damit das erste global arbeitende Bauunternehmen, das Projekte gleichzeitig betreute, oft Tausende Kilometer voneinander entfernt.

Keine Mühe war ihnen zu viel, keine Reise zu anstrengend. In Zeiten, als eine Bahnfahrt von Wien nach Hamburg noch drei Tage dauerte, übernahmen sie Aufträge in Iași, Szeged und Odessa mit wochenlangen Reisen, tagelangem Warten auf Anschlüsse und einem Mangel an Komfort, der heute unvorstellbar ist - wenn auch die Bahnabteile wesentlich bequemer waren. Auf dem Höhepunkt ihres Schaffen arbeiteten mehr als 20 Architekten im Büro in Wien.

Die beiden Architekten waren keine Schreibtischdirektoren. Jeweils einer der beiden übernahm die persönliche Verantwortung für ein Bauprojekt und war bis zur Fertigstellung die meiste Zeit vor Ort. Einhaltung der Termine, Kosten und Sicherheitsvorschriften wie auch Akustik waren so überzeugend, dass mehr und mehr Städte auf Ausschreibungen verzichteten und die Aufträge direkt an Fellner &Helmer vergaben. Oft brachten sie ihre eigenen Fachleute mit, etwa den jungen Gustav Klimt für die Bemalung der Vorhänge im Theater in Karlsbad und in Rijeka.

Czernowitz und Fürth

Wurde ein Projekt aus Geldmangel der Stadtverwaltung storniert, reichten sie die gleichen Unterlagen für einen anderen Theaterbau ein. Als Czernowitz den Auftrag für ein eigenes Stadttheater zurückzog, bauten Fellner &Helmer das Theater in Fürth nach denselben Plänen. Ein paar Jahre später hatte Czernowitz genügend Geld und bekam sein Theater. Heute stehen in den beiden Städten, 1.500 Kilometer von einander entfernt, zwei Theater mit identischer Bausubstanz. Eines modernisiert und herausgeputzt, das andere verstaubt mit abgeblättertem Verputz.

Neben den Theatern gestalteten die beiden Architekten die Gebäude in Wien Landstraßer Hauptstraße 46, Schottenring 21, Kärntner Straße 12, Rotenturmstraße 12, Prinz-Eugen-Straße 40, Baumgasse 5, Goldschmiedgasse 6, die Stephaniewarte am Kahlenberg, das Kaufhaus Gerngross, die Villa Geitler in der Lainzerstraße, das Bezirksamt Liesing, das Hotel Panhans und das Erzherzog Johann am Semmering, das Neurologische Krankenhaus am Rosenhügel und viele andere. Auch die Wohnund Bürohäuser zeigten die funktionalen Vorteile mit einer repräsentativen Fassadengestaltung, teils unter mutiger Verwendung moderner Materialien wie unverkleideten Eisensäulen in der Kärntner Straße 12 und einer Fassade mit polierten Granitplatten.

Die Massenware "Theaterbau" hatte auch ihre Kritiker. Kunsthistoriker sprachen von "abgeschmackten Barockschnörkeln" und von "Mischmaschbau", Konkurrenten kritisierten das Übergehen ihrer Vorschläge bei Ausschreibungen.

Kitsch und Kunst

Manchmal kamen auch kritische Stimmen von Seiten der Künstler. "Der Zuschauerraum mit dem bemalten Blasengel-und Posaunenplafond, den Goldornamenten, dem Stuck, dem roten Plüsch, den gleißenden Lustern wirkt ja wie das Innere eines Palazzos im Dornröschenschlaf, das wir Schauspieler und Regisseure jeden Abend mit aller Energie von Neuem erwecken müssen", sagte Michael Schottenberg, Intendant des Wiener Volkstheaters. Anderseits lockten diese "Baumeister der Illusionen" ein neues Publikum in die Theater, das sich an dieser widersprüchlichen Beziehung zwischen Kunst auf der Bühne, Kitsch in der Dekoration und ihrer Sehnsucht nach Kultur allabendlich erfreuten.

Die beiden Architekten starben innerhalb weniger Jahre, Fellner 1916 und Helmer 1919. Hermann Helmer junior versuchte, das Unternehmen weiterzuführen. Nach dem Zerfall der Monarchie erhielt das Atelier kaum noch nennenswerte Aufträge und wurde schließlich aufgelöst. Zwei winzige Gassen im 22. Wiener Bezirk weitab von den Prachtbauten, die Wien als Weltstadt und kulturelles Zentrum repräsentieren, erinnern an Fellner und Helmer.