Bau- und Tourismusboom im Gefolge von Olympia 2014 erwartet

Bau- und Tourismusboom im Gefolge von Olympia 2014 erwartet © Bild: pressetext

Weltweit schmelzen die Gletscher dramatisch - doch im Kaukasus scheinen die Uhren anders zu laufen. Sieben der schneereichsten Winter seit dem Beginn der Aufzeichnungen 1962 wurden in den letzten zehn Jahren gemessen, erklärt der in Asau am Elbrus stationierte Lawinenspezialist der staatlichen Moskauer Universität, Alexander Oleynikov. Das ist auch der Grund, warum das Skigebiet rund um den höchsten Berg Europas nach der Nominierung von Sotschi als Reserve-Austragungsort für die Olympischen Spiele 2014 gekürt worden ist. http://de.wikipedia.org/wiki/Elbrus

Der eigentliche Austragungsort der alpinen Disziplinen, Krasnaja Poljana nahe Sotschi, hat lediglich eine Seehöhe von 2230 Meter, und wenn der Schnee dort nicht ausreicht, müssten die Olympioniken in das 200 Kilometer Luftlinie östlich gelegene Baksantal am Fuße des Elbrus ausweichen. Der mit 5642 m höchste Berg Europas bietet ein sicheres Gletscherskigebiet von nahezu 150 Quadratkilometern, doch die Infrastruktur dort ist noch auf dem Stand der 60er Jahre, für anspruchsvolle Sportler wohl unzumutbar.

Nicht alle sind daher so optimistisch wie der Chef der autonomen 900.000 Einwohner zählenden russischen Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien, Arsen Kanokov, der für seinen Heimgipfel die Medientrommel rührt und den Bauboom vorantreibt. "Die Wahl von Sotschi ist ein Signal für Investoren, dass der Kaukasus-Konflikt Vergangenheit ist. Der Elbrus ist die einzige Alternative zu Sotschi, weil der Schnee hier niemals schmilzt. Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um seiner Bedeutung gerecht zu werden."

Doch auch die die Gletscher am Elbrus sind nicht völlig immun gegen den fortschreitenden Klimawandel, wie Aufzeichnungen und historische Ansichten des Kaukasus-Gipfels belegen. So sind etwa die Wasserspiegel von Seen und Flüssen der Region seit den 50er Jahren deutlich gestiegen, während die Gletscher wie überall geschrumpft sind. Auch die Jahrhunderttemperaturen 2007 haben dem Berg zugesetzt, informiert die Glaziologin Natalia Volodycheva von der Universität Moskau.

Das letzte Schneeparadies
Im Vorjahr berichteten Klimaforscher, dass die Gletscher in den Alpen in den nächsten 80 Jahren wegschmelzen werden, wenn der gegenwärtige Trend der Erderwärmung anhält. Russische Gletscherforscher hingegen meldeten niedrigere Wintertemperaturen und höhere Schneemengen auf dem Elbrus, ganz entgegen dem globalen Trend - und natürlich günstig für die aufstrebende russische Ski-Industrie. Dr. Oleynikov begründet diesen jüngsten Trend mit regionalen Klimaeffekten, die noch nicht wirklich erklärt werden könnten.

Die Region um den Elbrus ist jedenfalls im Aufbruch, mit oder ohne Olympia. Seitdem der erloschene Kaukasusgipfel vor rund 20 Jahren zum höchsten Berg Europas erklärt wurde, hat ein wahrer Besucherstrom eingesetzt, denn der Elbrus gehört mittlerweile zu einem der Fixpunkte der "Seven Summits", den jeweils höchsten Gipfeln der sieben Kontinente. Das im 2. Weltkrieg umkämpfte Bergmassiv und spätere Sowjet-Bergsteigerzentrum hat sich westlichen Touristen geöffnet, die (noch) wenig Wert auf gute Infrastruktur und Komfort legen. Rund 350.000 Höhentouristen kommen alljährlich auf den Berg, sagt Amiran Zamilov von der Prielbrusie Nationalparkdirektion. Jeder 20. versucht den Gipfel zu erklimmen, der zwar technisch einfach, aber physisch äußerst anstrengend ist - und nicht immer ungefährlich

Kritiker warnen vor Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts
Gletscherschmelze, extreme Temperaturschwankungen und Wetterkapriolen machen den an sich harmlos wirkenden Berg unkalkulierbar und Lawinenabgänge unvorhersehbar - erst am vergangenen Freitag (25. Juli 2008) wurde eine ukrainische Bergsteigergruppe von einem brechenden Eisblock in die Tiefe gerissen, meldete die russische Nachrichtenagentur ITAR-Tass, drei Alpinisten überlebten das Unglück nicht. Im Mai 2007 überraschte eine nächtliche Lawine ein Camp von japanischen Alpinisten - mit tödlichem Ausgang. In der Silvesternacht 2005 wurden zwei Studenten nahe der meteorologischen Station von einer Lawine mitgerissen. Ihre Hütte hatte dabei keinen Schutz geboten. Über 50 Bergsteiger haben so seit 2002 ihr Leben am Elbrus verloren. "In der Vergangenheit waren Lawinen zwischen Dezember und Februar die Regel, doch heute ist die Gefahr das ganze Jahr über präsent", warnt Oleynikov.

Zudem zerstören die unkoordinierten Bauaktivitäten das natürliche Gleichgewicht in der Region. Beeindruckend ist lediglich die im vergangenen Jahr eröffnete neue Umlaufkabinenbahn, die gleich neben die verrostete Uralt-Gondelbahn aus Sowjetzeiten gebaut wurde. Doch die wird derzeit so gut wie noch nicht genutzt, weil sie nur bis zur Mittelstation reicht. Shops, Marktstände und Herbergen, Parkplätze und Baugruben wachsen am Fuße des Berges wie die Schwammerln aus dem Boden - ohne erkennbaren Masterplan. Dazwischen lagern Baumaterial und Schutt oder türmen sich Schrott- und Müllhäufen. Viele der im Betrieb stehenden Herbergen - Hotels gibt es nur wenige - sehen wie Rohbauten aus.

Keine Angst vor Lawinen
"Investoren und Eigentümer der neuen touristischen Infrastruktur ebenso wie Skifahrer, Bergsteiger und Tagesgäste haben nicht die geringste Ahnung, welchen Gefahren sie sich hier aussetzen", sagt Natalia Volodycheva. Die meisten neuen Hotels und Herbergen unter dem Cheget-Berg liegen in potenziellen Lawinen-Gefahrenzonen. Die derzeitigen Schutzmaßnahmen seien vollkommen inadäquat, warnt die Glaziologin. Versicherungsschutz sei unbekannt. Lediglich das 1968 gebaute Hotel Cheget, das erste Hotel der Region, könne im Moment als sicher vor Lawinen gelten, auch dadurch, dass es umgeben und geschützt ist von neueren Gebäuden.

Erklärt wird die für Außenstehende scheinbar unkoordinierte Bautätigkeit unter anderem mit der politischen Situation in Kabardino-Balkarien, die seit jeher von ethnischen und nationalen Konflikten geprägt war. Balkarische Geschäftsleute spielen gerne die nationale Karte aus, wenn sie mit russischen Gesetzen konfrontiert werden, die etwa zum Schutz der Nationalparkregion erlassen wurden, meint Amiran Zamilov von der Nationalparkdirektion. Verfahren wegen Verstößen gegen Bauordnung, Umweltgesetze oder sonstige Auflagen verlaufen meist im Sand.

Inzwischen äußert aber selbst die Verwaltung in der Hauptstadt Naltschik - zumindest verbal - Sorge über die Entwicklung der Umweltsituation am Elbrus. Ein 2 Mrd. Dollar Umweltprogramm soll bis zum Jahr 2022 Abhilfe schaffen und die gröbsten Schäden verhindern. Unklar ist allerdings, woher das Geld kommen soll und wie die illegale Bautätigkeit und die fehlende Müllentsorgung in den Griff gebracht werden soll. Viel eher realistisch sind da schon die Pläne zum Ausbau des Skigebietes am Elbrus im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2014.

Neben der Totalerneuerung der veralteten Seilbahn- und Liftanlagen für den Ganzjahresbetrieb und einer neuen Autobahnverbindung ist ein ehrgeiziges Megaprojekt für das Baksantal am Fuße des Elbrus in Vorbereitung. Ein entsprechendes Memorandum hat Präsident Arsen Kanokov mit dem Chef und Eigentümer der Investmentgesellschaft InterRos, Vladimir Potanin, gleich nach Bekanntwerden der Olympia-Entscheidung im Juni 2007 unterzeichnet. Volumen: 1 Mrd. Dollar.

Es ist davon auszugehen, dass Potanin und andere russische Oligarchen gemeinsam mit balkarischen Ortskaisern die Region vorwärts bringen werden - mit dem Klimawandel als Business-Strategie im Gepäck. Denn wenn die OECD-Prognosen eintreffen, dass 87 Prozent der europäischen Skigebiete ihre natürlichen Schneeressourcen verlieren werden, wenn die Temperaturen im Schnitt nur um zwei Grad weiter steigen, dann kann der Elbrus mit einer profitablen Zukunft rechnen.

Quelle: Redaktion /pressetext corporate news