Oper von

Stimmen aus dem Totenreich

Oper - Stimmen aus dem Totenreich © Bild: Julia Fuchs

Ella Milch-Sheriff vertonte in der Oper "Baruchs Schweigen" das Unfassbare. Das Festival „EntArteOpera“ zeigt die österreichische Erstaufführung dieses eindrucksvolles Werks in exzellenter Besetzung.

Über die Vergangenheit herrscht Schweigen. Was Vater und Mutter er- und überleben mussten, soll die Tochter nie erfahren. Mit Strenge wird sie gelehrt, Distanz zu Fremden zu wahren, niemandem zu vertrauen, auch nicht Gott. Denn "der Himmel ist leer", gebietet der Vater. Diesen Vater und diese Tochter gab es tatsächlich: Baruch Milch und dessen Tochter Ella Milch-Sheriff. Der Vater musste als junger Arzt in Galizien mit seiner Frau und seinem Sohn vor den Nazis fliehen. Beide kamen um, er überlebte. In einem Versteck wurde er Zeuge, wie sein Neffe vom eigenen Vater aus Angst in einem Versteck zu Tode gebracht wurde. In Israel lernte Baruch seine zweite Frau kennen. Auf beiden lastet die Vergangenheit. Und die wurde verschwiegen. Das Schweigen wurde erst gebrochen, als der Vater sein Leben in den Jahren vor seinem Tod 1989 aufschrieb und sie der Tochter zur posthumen Veröffentlichung überantwortete.

Die 1954 in Haifa geborene Komponistin vertonte ihre Kindheit und Jugend zunächst in der Kantate „Ist der Himmel leer?“. 2010 folgte die Oper „Baruchs Schweigen“, ein überwältigendes, musikalisch eindrucksvolles Dokument Zeitgeschichte. Die israelische Dramatikerin Yael Ronen verfasste das Libretto. Knappe prägnante Sätze verschmelzen mit der eingängigen Musik zur Einheit.

Das Vorspiel, ein verjazzter Marsch, führt in das Dunkel des Unglaublichen, aber Wahren. Melodische, eingängige Phrasen, stark von Kurt Weill geprägt, wechseln einander mit Passagen wie von Mahler ab. Auch jiddische Volks- und Popmusik wird zitiert. Unsentimental klingt diese Musik, umso stärker ist dessen Wirkung. Dirigent Christian Schulz bringt diese am Pult des „EntArteOpera“-Festival Orchesters exzellent zur Geltung.

© Julia Fuchs

Im Zentrum des Werks steht die Tochter, die um die Zuneigung ihrer Eltern ringt. Die Stimmen der Geister der Vergangenheit verfolgen sie. Wie eine Stimme aus dem Totenreich suggerieren sie die Gebote des Vaters: „Gib anderen nichts, was dir selbst gut tut. Belaste deinen Kopf nicht unnötig. Herze dein Herz ab und gehorche ihm nicht.“

Der verleiht Hermine Haselböck stimmlich und darstellerisch eindrucksvoll. Die überragende Gestalt ist Duccio Dal Monte als Vater. Er beeindruckt mit schauspielerischer Wandlungsfähigkeit vom strengen Vater zum Opfer und Rächer und setzt diese stimmlich mit seinem schöngefärbten Bass um.

Auch vom Rest des Ensembles lässt sich nur Gutes berichten: Ingrid Habermann, Alexander Kaimbacher, Raquel Paulo, Karl Huml und Jonathan Sushon runden das hervorragend aufeinander abgestimmte Ensemble ab.

Das Regieduo Beverly und Rebecca Blankenship setzt auf Reduktion: Ein schräg auf zwei Beinen aufgestelltes Klavier reicht als Verweis auf die Person der Komponistin. Im Hintergrund prangt die Abbildung eine Handschrift – jene des Vaters. Der Saal des Semperdepots dient als Kulisse für dieses beklemmende Werk, dem ein Platz im Repertoire großer Opernhäuser gebührt.

www.entarteopera.com
Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien/Semperdepot
Lehargasse 6-8, 1060 Wien

Weitere Vorstellungen:
9., 13., 15. und 18. September

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