Barbados statt Downing Street: Britische Medien spotten über Premierminister Blair

Premier will Urlaub trotz schwerer Krise fortsetzen Moslems geben Regierungschef Schuld an Terror

Barbados oder Downing Street? Nach der vereitelten Anschlagserie auf Passagierflugzeuge in Großbritannien ruft die urlaubsbedingte Abwesenheit von Premier Tony Blair in den für ihre Scharfzüngigkeit berühmten Londoner Tageszeitungen bissige Bemerkungen hervor. Während andere Reisende sich mit Chaos konfrontiert sähen, amüsiere sich Blair in der Karibik, bemerkte am Samstag das Boulevardblatt "Daily Mail". Britische Moslems übten unterdessen ebenfalls scharfe Kritik am Premier: Seine Nahost-Politik schüre den Extremismus.

Auf der ersten Seite druckte die Zeitung unter der Überschrift "Welche Krise? Yachtkrise?" ein Foto des Premiers im T-Shirt auf der Brücke einer Yacht mit dem Namen "Good Vibrations". Der "Daily Telegraph" veröffentlichte ein Foto, auf der Familie Blair zu sehen ist, wie sie gerade in einem Schlauchboot vor der Villa des Sängers Cliff Richard herumschippert. In dem luxuriösen Anwesen auf Barbados verbringen die Blairs derzeit ihren Urlaub.

Auch andere Zeitungen berichteten ausführlich über das Urlaubsvergnügen der Blair-Family, illustriert mit Bildern des Premiers und seiner Frau Cherie in Badekleidung. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet auch Interims-Regierungschef und Vize-Premier John Prescott, der sich nach der Aufdeckung des Komplotts am Donnerstag nicht einmal an den Krisensitzungen des Kabinetts teilgenommen hatte.

Moslems: Blairs Nahost-Politik schürt Extremismus
Britische Moslems haben Blair zu einer Änderung seiner Nahost-Politik aufgefordert. In einem offenen Brief erklärten 38 Muslimorganisationen am Samstag, das "Debakel" im Irak und Londons Stillhalten angesichts der Angriffe auf Zivilisten im Nahen Osten schüre den Extremismus auch in Großbritannien und gefährde dort Menschenleben.

Blair müsse "der Welt zeigen, dass wir das Leben von Zivilisten hoch schätzen, wo auch immer sie leben und was auch immer ihre Religion ist". Der offene Brief, der als Anzeige in britischen Tageszeitungen erschien, wurde von moslemischen Mitgliedern beider Kammern des britischen Parlaments unterzeichnet. Zu den Organisationen, die den Appell an Blair unterstützten, gehört der einflussreiche Rat britischer Moslems.

Sie reagierten damit auf die Aufdeckung angeblicher Pläne für spektakuläre Selbstmordangriffe auf Passagierflugzeuge am vergangenen Donnerstag. Die Polizei hat mehr als 20 mutmaßliche Täter festgenommen, von denen die meisten britische Moslems sind.

Die Nahost-Politik der Blair-Regierung werde von Moslems weithin als unfair und ungerecht angesehen, erklärte der Unterhaus-Abgeordnete Sadik Khan. "Eine solche Wahrnehmung spielt Extremisten in die Hände." Moderate Moslems in Großbritannien würden alles in ihren Kräften stehende tun, um den Extremismus zu bekämpfen. Sie hofften jedoch, dass die Regierung sie dabei unterstütze "und zwar nicht nur, indem sie die Regeln für Handgepäck ändert, sondern indem sie sich als Anwalt der Gerechtigkeit in der Welt zeigt".
(apa/red)