Barack Obama ist der Mann der Massen:
NEWS auf den Spuren des Polit-Messias

Sehnsucht der Nation nach Elan und einem Neuanfang Durch Krise zum Hoffnungsträger und Wahlfavoriten

Barack Obama ist der Mann der Massen:
NEWS auf den Spuren des Polit-Messias © Bild: Reuters/Young

Die Zauberformel, an die sich Amerika inmitten dieses heftigen Börsensturms verzweifelt klammert, besteht aus genau zwei Worten: "Hope and Change" - Hoffnung und Wechsel; sowie dem einen Satz: "We can do it" - "Wir schaffen es." Jetzt, rund einen Monat vor den US-Wahlen, würde der Demokrat Barack Obama auf Anhieb US-Präsident werden. Seine schlichten Slogans sind genau das, wonach die wunde US-Seele derzeit lechzt: Balsam in leicht verdaulichen Worten.

273 Wahlmännerstimmen hat er laut aktuellen Umfragen in der Tasche, um drei mehr, als für die Mehrheit nötig sind, und er gewinnt stetig dazu. Barack Obama ist der Mann der Stunde und der Massen an verängstigten Amerikanern.

Sehnsucht nach dem Umbruch
Tausende strömen zu seinen Wahlkampfauftritten, nehmen stundenlange Wartezeiten und mühsame Sicherheitschecks in Kauf. Etwa in Abington, einem Vorort Philadelphias, im Bundesstaat Pennsylvania. Es ist ein zwischen Demokraten und Republikanern hart umfochtener Staat. Hier gelang noch dazu Hillary Clinton ein zentraler Vorwahlsieg. Umso wichtiger ist es für Obama, hier die Stimmung einzufangen und in Wahl-Stimmen umzumünzen. Bereits um halb acht Uhr morgens, vier Stunden vor Beginn seiner Rede, müssen sich die Fans vor dem Sportplatz der Mittelschule einfinden. Wie am Flughafen wird jeder gescannt, jede Tasche peinlichst genau überprüft. Zehntausend sind gekommen. Die Prozedur dauert ewig.

Als Obama dann die Bühne betritt, erfasst die Menge geradezu religiöse Ergriffenheit. Dank der Sicherheitsvorkehrungen am Eingang können die Sicherheitskräfte im Hintergrund bleiben. Niemand stellt sich zwischen ihn und die Menge. Schlank, sportlich, und wie durch ein Wunder - oder eher dank exzellenter Maske und geschickter Ausleuchtung - wirkt er frisch und unverbraucht, so als ob das vergangene Wahlkampfjahr ein Spaziergang gewesen wäre. Die Regieanweisungen sind eindeutig: durch und durch die Sehnsucht der Nation nach Elan und einem Neuanfang verkörpern. In jedem Blick, jeder Geste, jedem Wort.

Hoffnungsträger in Krisenzeiten
"Ich frage mich, ob ihr heute schon die Nachrichten gehört habt, dass allein im September 159.000 Menschen arbeitslos geworden sind? Die Tatsache, dass unsere Wirtschaft in ein derartiges Chaos geschlittert ist, ist ein Skandal", empört er sich gleich zu Beginn seiner Rede.

Sorgfältig achtet er aber darauf, dass nicht zu viel Redezeit für Pessimismus draufgeht. Er ist ja hier, um die Heilsbotschaft des neuen Amerika zu verkünden: "Es ist ein Skandal. Wir sind dort nicht zufällig angekommen. Diese Finanzkrise ist die Folge der Misswirtschaft jener, die jetzt regieren. Ich weiß, wie sehr ihr hier in Philadelphia unter der Krise leidet. Ich weiß, wie verwundet ihr seid. Aber ich sage euch etwas: Wir können uns aus der Krise befreien. Wir haben die Kraft. Wir können es schaffen. Das ist Amerika!"

Wir können es!
Viermal wiederholt das Publikum im Chor den Satz "Wir schaffen es". Ein wenig vermeint man in den Bann einer Massenhypnose geraten zu sein. Gelassen lässt Obama die Befreiungsrufe ausklingen, um dann seine Lösungskonzepte zu präsentieren. 15 Milliarden Dollar will er in erneuerbare Energieträger investieren, das soll fünf Millionen neue Jobs schaffen. 95 Prozent aller Familien sollen Steuerentlastungen bekommen, wie auch mittelständische Unternehmen.

So genau hört man da in der Menge gar nicht mehr hin. Aus dem Tal von Wirtschaftsdepression, Angst und Tränen will man geführt werden. Das Kleingedruckte dieser fast biblisch hochstilisierten Erlösung oder gar die Finanzierung dieses Comebacks der Vereinigten Staaten bleibt wenig hinterfragt. Der messianische Retter wird's schon schaffen. "He can do it", müsste es deshalb wohl richtig heißen.

McCains Kurse im freien Fall
Von einem historischen Moment, den sie gerade erlebe und der sie tief berühre, schwärmt Evelyn Watson, eine ältere Dame inmitten des jugendlichen Publikums: "Nach sieben Jahren Amtszeit von … - ich will den Namen dieses Mannes nicht einmal aussprechen - braucht Amerika jemanden, der uns dorthin zurückbringt, wo wir hingehören. An die Spitze der Welt. Wir brauchen den Wechsel, den Obama bringt."

Obama versteht es, seinen republikanischen Rivalen John McCain als Mr. McSame, als Fortsetzung der verhassten Bush-Jahre abzustempeln, als Teil der Krise. Er selbst, 25 Jahre jünger und angesichts seiner kurzen politischen Vorgeschichte frei von Verwicklungen, inszeniert sich als Mr. Hope. Dazu ist ihm alles recht. Auch ein Kniefall vor den Clintons. "So wie ein gewisser Bill Clinton in den Neunzigern das Land wieder auf Vordermann brachte, so werden wir eine neue Ära einläuten."

Der Zusammenbruch der Börsenkurse und die schwerste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression lassen Barack Obamas Vorsprung auf McCain mit jedem Tag wachsen. Denn das von der US-Bevölkerung ohnehin sehr kritisch beäugte 700-Milliarden-Dollar-Programm zur Rettung der Banken scheiterte am tollpatschigen Auftritt der Republikaner im Kongress. Erst waren sie für die Ablehnung zum Gutteil verantwortlich, da sie Angst vor einer Abwahl im November in ihren Wahlkreisen hatten. Als das Paket dann doch - mithilfe der Republikaner - verabschiedet wurde, war es nur noch teuer, griff aber nicht mehr.

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