Ballett von

Manuel Legris:
"Schmerz gehört zum Alltag"

Ballett - Manuel Legris:
"Schmerz gehört zum Alltag" © Bild: Oscar Gonzalez / Zuma / picturedesk.com

Manuel Legris, Ballettchef der Wiener Staatsoper, erklärt seine Sicht auf den Skandal um angebliche Folterpraktiken an der hauseigenen Akademie: Die Vorwürfe kämen von Gescheiterten und sollten ihn, Staatsoperndirektor Dominique Meyer und die Akademie-Leiterin treffen

Demütigung, Drill, Gewalt: Was man sonst eher Institutionen zur Ausbildung amerikanischer Elitesoldaten zuordnet, verbindet man seit wenigen Wochen auch mit der Wiener Staatsoper - konkret mit deren Ballettakademie. Im Zentrum der Vorwürfe steht die inzwischen entlassene Ballettlehrerin Bella R. Gegen sie und zwei weitere Personen hat Medienberichten zufolge die Wiener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. In News spricht erstmals der in einem Jahr abtretende Ballettchef der Wiener Staatsoper, Manuel Legris, über die Causa.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass Schüler an der Wiener Ballettakademie misshandelt wurden?
Ich habe so vieles gehört, was in keiner Weise die Situation reflektiert, die ich in der Ballettakademie wahrnehme. Ich nehme selbst zur Jahresmitte und zum Jahresende an den Prüfungen (Mädchen und Buben der achten Stufe) und an den Tanzdemonstrationen auf der Studiobühne Walfischgasse teil, und ich muss Ihnen sagen, dass ich bis heute den Unterricht absolut korrekt, die Lehrerinnen und Lehrer pflichtbewusst und die Erfolgsquote beeindruckend gefunden habe.

Wie viel Drill müssen Ballettschüler aushalten?
Seit Beginn meiner Amtszeit als Ballettdirektor habe ich mindestens 25 Tänzerinnen und Tänzer aus der Schule an die Kompanie (Volksoper und Staatsoper) engagiert, von denen einige sogar schon Halbsolisten oder Erste Solisten geworden sind. Sie sind stolz auf ihre Ausbildung und die Zeit, die sie in der Ballettakademie verbracht haben, aber offenbar hat niemand sie nach ihren Erfahrungen mit der Ballettakademie gefragt. Die anderen Erfahrungsberichte weisen einen Mangel an Objektivität auf, man hört nur von jungen Tänzerinnen und Tänzern bzw. Lehrenden, die ihre Zeit an der Schule als negativ empfunden haben. Das kann natürlich passieren, entspricht aber dem Alltag in allen Ballettschulen der Welt, nicht nur Wien. Ich möchte auch in Erinnerung rufen, dass man für die professionelle Tänzerkarriere, nach der wir alle streben, bestimmte körperliche und psychische Voraussetzungen benötigt und die Auswahl sehr streng ist.

Der Ballettlehrerin Bella R. wird vorgeworfen, dass sie Unterrichtsmethoden aus dem 19. Jahrhundert, angewandt habe. Von Misshandlungen der Schüler, von Schlägen, Kratzen, Anden-Haaren-Reißen ist die Rede. Was sagen Sie dazu?
Niemand möchte Methoden, durch die Kinder misshandelt werden! Auch wenn ich bestimmte Ausfälle der von Ihnen genannten Lehrerin verurteile, die im Übrigen von mir und der Direktorin der Ballettakademie, Simona Noja, zurechtgewiesen und verwarnt wurde, bleibt mir ihre völlige Hingabe an den Beruf und ihre Schülerinnen und Schüler in Erinnerung. Sie hat eine beeindruckende Zahl großer internationaler Tänzerinnen und Tänzer ausgebildet, die übrigens seither ihre Unterstützung und Anerkennung für sie erklärt haben.

»Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, ist einem bewusst, welche Opfer damit einhergehen«

Wie war denn Ihre Ausbildung?
Meine Ausbildung an der Ballettschule der Pariser Oper habe ich unter sehr harten Bedingungen und unter Einhaltung strenger Disziplin absolviert, was aber notwendig war und mir später meinen beruflichen Erfolg ermöglicht hat. Professionell eben. Als Größenordnung: mehr als 100 Buben haben die Aufnahmeprüfung für die Ballettschule der Pariser Oper gemacht und nur drei Tänzer wurden fünf Jahre später in das Corps de Ballet der Pariser Oper aufgenommen. Sie können sich die Arbeit vorstellen, die hinter so einer Auswahl steckt, und natürlich die große Enttäuschung jener, deren Traum sich nicht verwirklicht hat.

Frau Bella R. war schon in der Direktion Holender entlassen worden. Warum wurde sie wieder engagiert?
Sie wurde 2000, als Renato Zanella Ballettdirektor war und Michael Birkmeyer die Ballettschule leitete, engagiert. Zanella hat sie 2003 gekündigt, aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse, wie er uns mitgeteilt hat. Bei uns hat sie dann viele Jahre später einen sehr erfolgreichen Workshop geleitet - als daraufhin eine Stelle frei wurde in der Ballettakademie, haben wir ihr diese angeboten.

Wie weit kann man in der Ausbildung gehen? Ist es in der Praxis üblich, dass die Tänzerinnen und Tänzer trainieren müssen, bis ihre Füße wund sind?
Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, ist einem bewusst, welche Opfer damit einhergehen. Man muss aber eine Leidenschaft dafür haben, und bitte hören Sie auf mit diesem Bild der blutigen Füße Das ist wirklich ein Klischee und erinnert mich an diesen schrecklichen Film "Black Swan", der eine furchtbare Karikatur unseres Berufs ist. Tänzerinnen tragen Spitzenschuhe, die nicht die bequemsten Schuhe der Welt sind. Schmerz gehört zum Alltag wie bei jedem Sport, wo der Körper gefordert wird, aber das Glück, auf der Bühne zu stehen, erinnert uns auch daran, warum wir bestimmte Prüfungen bestehen müssen.

Die Ausbildung zum Balletttänzer ist vor allem eine körperliche. Durch die Metoo-Debatte kann eine Berührung sehr leicht als Missbrauch ausgelegt werden. Worauf müssen Lehrer achten?
Für den Unterricht in einer Schule muss man qualifiziert sein. Der Unterricht für die Jüngsten ist besonders wichtig, da sie in ständiger Entwicklung und körperlichem Wandel sind und man ihnen daher die bestmögliche Basis geben muss. Das Verhalten im Umgang mit den Kindern muss in jeder Hinsicht untadelig sein.

»Seit Metoo kann man sich immer weniger frei ausdrücken. Alles wird bewertet und kritisiert«

Ist der Beruf des Ballettlehrers durch die Metoo-Debatte schwieriger geworden?
Es wird natürlich immer komplizierter, und das in allen Ländern. Man kann sich immer weniger frei ausdrücken oder natürlich handeln, alles wird beobachtet, bewertet, kritisiert, und das geht über die sozialen Netzwerke sehr schnell.

Wie kann man die Unterrichtsmethoden verbessern?
Die Einstellung der Lehrer ist wichtig. Die Direktion der Schule muss ihr eigenes Team an Pädagogen auswählen und anschließend die Unterrichtsprogramme für jede Stufe unterschiedlich definieren. Verantwortung ist wichtig und man muss möglichen Verbesserungsbedarf erkennen - das betrifft für mich nicht so sehr den Unterricht als die psychologische und physische Betreuung der Kinder.

Haben Sie den Eindruck, dass der Ruf der Wiener Ballettakademie durch die Vorwürfe beschädigt wurde? Oder wird man jetzt auch die Unterrichtsmethoden an anderen Ballettschulen und Akademien, möglicherweise sogar in anderen Ländern überprüfen?
Vorwürfe und Probleme hat es auch schon in anderen Schulen auf der Welt gegeben, aber es ist sicherlich ein harter Schlag für die Ballettakademie in Wien. Man muss sich aber auch fragen, woher die Vorwürfe im Allgemeinen kommen. Sie kommen von ehemaligen Schülern und Lehrern, die unter der aktuellen Administration keinen Erfolg hatten, und interessanterweise fällt das genau in die Zeit, in der schon feststeht, dass Dominique Meyer und ich unsere jeweiligen Direktorenposten verlassen werden, aber die Zukunft der Direktorin der Ballettakademie nach 2020 noch nicht offiziell ist! Ich hoffe nur eines: dass sich die Situation aufklärt und die Kommission, die ernannt wurde, um die Situation der Schule und der Schüler zu prüfen, ihre Arbeit korrekt machen kann - im Sinne der Zukunft, Ehre und guten Arbeit aller.

Das Interview ist in der News-Printausgabe 17/2019 erschienen.