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Die Nationalspieler

Warum immer die gleichen Stars in Filmen und Serien zu sehen sind

Tobias Moretti © Bild: APA/Neubauer

Keine Frage, sie beherrschen ihr Metier. Aber irgendwie treten in österreichischen Kinofilmen und Fernsehserien immer dieselben paar Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Wieso ist das so?

Tobias Moretti spielt den starrköpfigen Kraftlackl, Nina Proll meistens die gefährliche Sexbombe, Josef Hader den mürrischen Einzelgänger. Erwin Steinhauer gibt inzwischen stets den Senior, Edita Malovčić die Jugo-Braut, Manuel Rubey den Bobo, Georg Friedrich den Strizzi, Michael Ostrowski hat den durchgeknallten, aber liebenswerten Freak abonniert. Und Ursula Strauss spielt alles andere. Zumindest wenn es um die Hauptrollen geht, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass in heimischen Fernseh-und Kinoproduktionen immer dieselben paar Schauspielerinnen und Schauspieler zugange sind.

Auch Gerti Drassl, Pia Hierzegger, Maria Happel, Katharina Straßer, Gregor Bloéb, Robert Palfrader oder Simon Schwarz gehören zur österreichischen Idealbesetzung. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Professionalität der alten Hasen zum Beispiel und natürlich die guten Einschaltquoten, die Publikumslieblinge wie eben Ursula Strauss, Nina Proll oder Erwin Steinhauer versprechen. Am Ende geht es schließlich auch um die Quote.

Die richtige Kombination der Darsteller, der "Cast", entscheidet über Reichweiten und Marktanteile. Meist steht die Besetzung von Hauptrollen schon in der Phase der Projektentwicklung fest; Autorinnen und Autoren schreiben ihre Drehbücher den wenigen Stars, die das Land nun einmal hat, auf den Leib. Manchmal pochen auch Regisseure erfolgreich auf ihre jeweiligen Lieblingsdarsteller. Logisch: Wenn man einmal gut mit jemandem zusammengearbeitet hat, will man es immer wieder tun.

Dass auf Kinoleinwänden und TV-Bildschirmen in Österreich immer wieder dieselben Gesichter zu sehen sind, liege natürlich auch an der Größe des Marktes, sagt die Casting-Direktorin Eva Roth. "Aber es stellt sich schon auch die Frage, ob das Publikum wirklich selbst dauernd dieselben Leute sehen möchte." Roth castet für viele große heimische Kinoproduktionen - zuletzt etwa "Ich seh ich seh" oder "Egon Schiele" - die Schauspielerinnen und Schauspieler, stellt aber auch regelmäßig die Besetzungen für Fernsehproduktionen wie den österreichischen "Tatort" zusammen.

Mit dem Regisseur Ulrich Seidl ("Paradies") arbeitet Roth schon seit dessen erstem Spielfilm "Models"(1999) zusammen. Gerade läuft "Liebe möglicherweise" von Michael Kreihsl in den Kinos, für den Roth ebenfalls das Casting gemacht hat. Unter anderem mit dabei: Gerti Drassl und Edita Malovčić, die beide auch in erfolgreichen ORF-Serien wie "Vorstadtweiber" oder "Altes Geld" mitgespielt haben.

Publikumsliebling Strauss

Ganz-viel-Spielerin Ursula Strauss, die kürzlich im opulenten ORF-Weihnachtszweiteiler "Das Sacher" als Anna Sacher zu sehen war und 2017 auch wieder in der Serie "Schnell ermittelt" im Einsatz ist, wird auch als besonders professionelle Arbeiterin geschätzt. Gerade beim Fernsehen mit seinen kurzen Drehzeiten kann man es sich einfach nicht leisten, wertvolle Drehzeit zu vergeuden, nur weil ein kapriziöser Mime Probleme macht. Und Strauss gilt als besonders unkomplizierte, verlässliche Kraft. Auch deshalb greift man gern auf sie zurück. Abgesehen davon ist sie natürlich eine sehr gute Schauspielerin.

Ursula Strauss, Hauptdarstellerin der ORF-Serie "Schnell ermittelt".
© APA-FOTO: ORF/Hubert Mican Publikumsliebling Ursula Strauss

"Sagen Sie mir eine Schauspielerin um die vierzig, die so eine Bandbreite hat!", schwärmt Doris Fuhrmann. Als ihre Agentin ist Fuhrmann zwar keine objektive Expertin, aber ganz Unrecht hat sie damit nicht. "Die Strauss kann Tragödie, sie kann Komödie, und sie kann auch so was wie 'Schnell ermittelt'. Und sie ist ein Publikumsliebling. Die Menschen lieben sie, Männer und Frauen. Es gibt Schauspieler, die sind sehr gut, aber sie sind dem Publikum nicht sympathisch oder polarisieren. Um den ganz großen Erfolg zu haben, müssen viele Dinge zusammenkommen."

Die 42-jährige Ursula Strauss ist bei Fuhrmann seit 15 Jahren unter Vertrag, anfangs spielte sie hin und wieder in einem Arthouse-Film und vor allem Theater, auch Off-Theater. Dann ging auf einmal alles ganz schnell: Götz Spielmann besetzte sie für seinen Film "Revanche", und der damalige ORF-Direktor Wolfgang Lorenz lud Strauss zum Casting für "Schnell ermittelt". Mittlerweile kann sie sich das Vorsprechen für eine Rolle oft ersparen. "Beim 'Sacher' zum Beispiel musste Ursula Strauss kein Casting machen", sagt Fuhrmann. "Man hat sich wohl gedacht: Wer sonst soll in Wien die Frau Sacher spielen?"

Die üblichen Verdächtigen

Wenn Eva Roth die Hauptrolle eines Fernsehfilms mit einem "relativ unbekannten" Schauspieler besetzt, dann müssen wenigstens bei den Nebenrollen große Namen her. "Viele gehen beim Besetzen lieber auf Nummer sicher", sagt die Casting-Direktorin und erzählt von einem Kinofilm, den sie unlängst nicht wieder mit denselben Leuten besetzen wollte. Am Ende sei man doch wieder bei den üblichen Verdächtigen gelandet. "Weil die auch so gut und passend sind."

Gerade bei Nebenrollen würde sich Doris Fuhrmann schon mehr Abwechslung wünschen; besonders stört es sie zum Beispiel, wenn ein Schauspieler in zwei, drei verschiedenen, parallel laufenden Serien engagiert ist und ganz ähnliche Rollen spielt. "Als Agentin würde ich diesem Schauspieler sagen: 'Nein, das darfst du nicht machen.' Ich finde, man muss langfristig denken."

Man kann die Auftrittsfrequenz eines Schauspielers im Fernsehen aber auch nur begrenzt beeinflussen, manchmal wird es sogar Doris Fuhrmann zu dicht: "Bei Ursula Strauss zum Beispiel starteten im Herbst und Winter heuer drei TV-Projekte und zwei Kinofilme. Man kann das aber gar nicht steuern, manches wurde ja schon vor eineinhalb Jahren gedreht. Und plötzlich entsteht so der Eindruck, sie macht alles."

Kathrin Zechner, als ORF-Fernsehdirektorin eine der wichtigsten Auftraggeberinnen für Film-und Serienproduktionen, stellt der "sehr gefühlten und nicht belegbaren Betrachtung", dass dort immer dieselben Gesichter zu sehen seien, einige Beispiele für viele entgegen.

"Ursula Strauss war bis zur Serie 'Schnell ermittelt' nur eingeweihten Arthouse-Kinobesuchern bekannt. Sie als dem Fernsehpublikum de facto unbekannte Darstellerin gleich für zehn Folgen zu besetzen, ist ein Beweis für Wagnis und für Nachwuchsarbeit", sagt Zechner. Gerti Drassl habe vor "Vorstadtweiber" noch nie eine Serienhauptrolle gespielt. Und mit der Polizeiserie "Copstories" habe der ORF überhaupt eine Aufmarschfläche für ein ganzes Ensemble junger Darsteller geschaffen. "Das Publikum schätzt einerseits Beständigkeit und Verlässlichkeit und will dennoch neue Gesichter", sagt Zechner. So wäre es etwa falsch, die Besetzung eines "Tatort"-Kommissars häufig zu wechseln.

Der ORF macht die Stars

Ein neues Serienformat mit neuen Gesichtern zu besetzen ergebe allerdings Sinn, findet Zechner. In aller Bescheidenheit sieht die Programmdirektorin ihr Unternehmen als Teil einer Erfolgsgeschichte: "Wenn Darstellerinnen und Darsteller zu Lieblingen - wenn man will: Stars - werden und geworden sind, ist das schauspielerisches Können - und Verdienst des ORF."

Auch der Spielstil, der in österreichischen Film-und Fernsehproduktionen üblich ist, beeinflusst die Besetzungen. Im Prinzip verkörpern die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler nämlich immer einen ganz bestimmten Typ. Im Gegensatz zum amerikanischen Film wird hierzulande selten mit Kostüm und Maske gearbeitet - für eine Rolle extrem dick, dünn oder auch alt zu werden ist in Österreich eher unüblich. "Den Schauspielern ist das ja selbst schon fad, wenn sie immer nur die eine Rolle spielen", sagt Casting-Direktorin Roth. "Ich wünsche mir so sehr, dass die Nina Proll im nächsten Film wenigstens einmal schwarzhaarig ist."

Dass Schauspieler immer nur auf eine bestimmte Rolle hin gecastet würden, dem widerspricht man beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Im Gegenteil: Für Überraschungen zu sorgen, Schauspieler gegen den Typ zu casten ist laut Fernsehdirektorin Zechner eine der spannendsten Herausforderungen ihres Geschäfts. "Der ORF hat Peter Weck als Päderasten besetzt, Christiane Hörbiger als schlichte Hausfrau, die einen mutmaßlichen Mörder befreit, Erwin Steinhauer als Killer, Karl Markovics als politischen Eiferer", sagt sie. "Trotzdem muss hier mit Augenmaß vorgegangen werden: Eine Besetzung gegen den Typ endet oft mit einer Besetzung gegen das Publikum."

Traurige Augen

Je älter die Figur der Rolle, desto weniger Auswahl an guten Schauspielern haben die Casting-Direktoren in Österreich. Immerhin hat Eva Roth mit Margarethe Tiesel und Inge Maux für Seidls "Paradies: Liebe" zwei ältere Schauspielerinnen auf die Kinoleinwand geholt. Die beiden bekamen dadurch einen späten Karriereschub und drehten erfolgreich weitere Filme. Für den Nachwuchs zwischen 20 und 28 wiederum gebe es so gut wie keine Stoffe und Rollen, beklagt Roth.

Dabei hätten gerade die Jungen den nötigen "Drive". "Es gibt trotzdem viele arbeitslose Schauspieler, die darauf warten, endlich wieder für einen Film angefragt zu werden", sagt Eva Roth. Ihre Gesichter sind ein weiterer, bitterer Grund dafür, dass immer dieselben Gesichter in Filmen auftauchen: "Wenn Schauspieler lang nicht drangekommen sind, dann hören sie auf zu brennen, diese Energie zu haben", sagt Roth. "Viele halten längere Durststrecken nicht durch. Die Kamera ist wie ein Mikroskop. Sie ist gnadenlos und sieht dann leider auch die Verzweiflung in den Augen dieser Leute."

Und traurige Augen möchte wirklich niemand sehen.

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