Australien entschuldigt sich bei Aborigines:
Für langjährige erniedrigende Behandlung

Ministerpräsident Rudd hielt gefühlsbetonte Rede 100.000 Kinder wurden ihren Eltern weggenommen

Australien entschuldigt sich bei Aborigines:
Für langjährige erniedrigende Behandlung

Viele von ihnen verfolgten die als historisch gewertete Parlamentssitzung via TV auch noch in den entlegensten Siedlungen des australischen Outback. Es war das erste offizielle Schuldeingeständnis, als Premier Kevin Rudd in der konstituierenden Sitzung des Parlaments erklärte, die Abgeordneten seien zusammengetreten, um ein großes Unrecht zu beseitigen.

"Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der aufeinanderfolgenden Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben", heißt es in der Erklärung an die Aborigines, in der das jahrzehntelange staatliche Unrecht gegen die Ureinwohner anerkannt wird. "Und für die Erniedrigung und Herabsetzung, die einem stolzen Volk und einer stolzen Kultur zugefügt wurden, sagen wir Entschuldigung." Einige der etwa 100 offiziell geladenen Aborigines-Vertreter wischten sich während seiner Rede Tränen aus den Augen. Vor dem Parlamentsgebäude sahen rund 7.000 Bürger die Rede auf Großbild-Leinwänden und jubelten.

100.000 Kinder von Eltern getrennt
Der australische Premier richtete sich vor allem an die Opfer der sogenannten "Stolen Generation" (Gestohlene Generation), die bis in die 70er Jahre als Kinder von ihren Familien getrennt wurden, um in weißen Haushalten aufzuwachsen. Statistiken zufolge betraf dies seit 1910 etwa 100.000 Kinder. Diese Politik sei ein schwarzer Fleck auf der australischen Seele und werde sich niemals wiederholen, betonte Rudd. "Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der vorangegangenen Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben."

"Das ist ein historischer Tag", sagte Tom Calma, die die offizielle Erwiderung für die Gestohlene Generation gab. "Heute haben sich unsere politischen Führer quer durch das politische Spektrum für Würde, Hoffnung und Respekt als die Leitprinzipien in den Beziehungen zu den ersten Menschen unterer Nation entschieden." Auch Mark Bin Bakar, Sprecher der Gestohlenen Generation, betonte: "Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlen sich die Ureinwohner als Teil Australiens." Tags zuvor waren auch erstmals Aborigines zur feierlichen Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments nach Canberra eingeladen worden. Dies gilt als Eingeständnis, dass die Hauptstadt auf Boden steht, der den Aborigines von den europäischen Siedlern schlicht weggenommen wurde.

Rudds Amtsvorgänge lehnte Entschuldigung ab
Rudd hatte sein Amt im November errungen und damit zwölf Jahre konservative Herrschaft beendet. Sein Vorgänger John Howard hatte eine offizielle Entschuldigung stets abgelehnt und nahm auch nicht an der Sitzung teil. Ein vor elf Jahren veröffentlichter Bericht hatte das Leid der Stolen Generation offenbart und eine Entschuldigung gefordert. Die konservativen Amtsvorgänger des Regierungschefs und Labour-Politikers Rudd hatten eine Entschuldigung abgelehnt, auch weil sie immense Schadenersatzforderungen befürchteten. Ex-Premier Malcolm Fraser (1975-83) sagte dem TV-Sender Sky, er wünschte, er hätte sich damals entschuldigt.

In Großbritannien, der früheren Kolonialmacht Australiens, schrieb die liberale britische Zeitung "The Independent" am Mittwoch, dass Rudd einen "mutigen Schritt zur Aufhebung historischen Unrechts" gesetzt habe. Er versuche, "die verlorene Zeit aufzuholen", die seit dem Bericht über die Stolen Generation verstrichen ist. "Wenn er Erfolg hat - und die Massen, die nach Canberra gezogen sind, um dabei zu sein, zeigen, dass er die nationale Stimmung gut getroffen hat -, dann wird er Australien geholfen haben, ein harmonischeres, zufriedeneres und generell besseres Land zu sein."

Mehr Mittel für Bildungs- und Gesundheitswesen
Reparationszahlungen lehnt aber auch Rudd ab. Was er versprach, sind mehr Mittel für das Bildungs- und Gesundheitswesen in Gemeinden der Ureinwohner. Rund 460.000 Ureinwohner leben auf dem australischen Kontinent, etwa zwei Prozent der australischen Gesamtbevölkerung von 21 Millionen. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt rund 17 Jahre unter der der übrigen Australier. Sie haben zudem eine deutlich höhere Säuglingssterblichkeit und Arbeitslosigkeit. Alkohol- und Drogenmissbrauch ist häufiger, wie auch häusliche Gewalt und der Anteil der Bevölkerung in Haft. (apa/red)