Ausschreitungen in Brasilien: Mehrere hundert landlose Bauern stürmen Parlament

23 Sicherheitskräfte wurden teils schwer verletzt Landkonflikt: Bauern fordern seit Jahren Reformen

In Brasilien haben mehrere hundert landlose Bauern das Parlament gestürmt. Es habe sich zunächst um eine "friedliche Bewegung" gehandelt, sagte ein Vertreter der Landlosen, Bruno Maranhao, am Dienstag in der Hauptstadt Brasilia. "Aber die Polizei hat uns angegriffen, wir mussten reagieren." Wie ein Verantwortlicher der Sicherheitskräfte im Parlament sagte, wurden 23 Einsatzkräfte verletzt. Einer von ihnen erlitt demnach ein Schädeltrauma und wurde ins Krankenhaus gebracht.

Das brasilianische Fernsehen übertrug die Ausschreitungen live im Fernsehen; die Bauern schlugen die Fensterscheiben des Parlamentsgebäudes mit Steinen und Stöcken ein und drangen bis zum Plenarsaal vor, in dem die Abgeordneten tagten. Landlosen-Führer Maranhao wurde mit rund 400 weiteren Menschen festgenommen, hieß es. Sie könnten wegen Bandenbildung und möglicherweise auch wegen Mordversuchs angezeigt werden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Einige der Bauern sollen mit Steinen und Sensen bewaffnet gewesen sein. Rund 500 Polizisten seien bei der Räumungsaktion im Einsatz gewesen.

Nach Augenzeugenberichten zogen sich die Landlosen nach etwa einer Stunde wieder zurück. Das Abgeordnetenhaus hatte demnach klargestellt, dass es nicht verhandeln würde, solange das Gebäude besetzt werde. Der Vertreter der Landlosen sagte, die Demonstranten hätten den Vorsitzenden der beiden Parlamentskammern friedlich einen Brief übergeben wollen, in dem sie eine Landwirtschaftsreform fordern. In Brasilien gibt es rund 4,6 Millionen Landlosenfamilien; etwa 26.000 Landbesitzern gehören 46 Prozent der brasilianischen Grundstücke.

Die "Bewegung zur Befreiung der landlosen Bauern" (MLST) wurde 1997 von Dissidenten der bekannteren und größeren "Bewegung der Landlosen" (MST) gegründet. Die Organisation ist nach eigenen Angaben nur in 4 der 27 Bundesstaaten Brasiliens aktiv. Im April 2005 hatte die MLST erstmals mit der Besetzung des Finanzministeriums für Schlagzeilen gesorgt.

Opposition und auch Vertreter von Kleinbauern beklagen, dass der seit 2003 amtierende linksgerichtete Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva die Agrarreform kaum vorangebracht habe. Der Landkonflikt hat in Brasilien allein seit der Rückkehr zur Demokratie 1985 mehr als 1.200 Menschenleben gefordert. (apa)